Kreativität statt Kohle – reicht das?

Juni 8, 2026
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Rollator-Parkplatz im Bayreuther Festspielhaus (Foto: BC)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute geht es ums liebe Geld: In Bayreuth und in unseren Orchestern fehlt es. Um so wichtiger sind kreative, neue Ideen. Aber die stehen unter immer größerem politischen Druck! 

Der letzte Papst

Irgendwie schien das nicht mehr seine Welt zu sein, als er vor einigen Monaten bei der Premiere von Das Paradies und die Peri im Foyer der Hamburgischen Staatsoper stand. Daraus machte er anschließend – in einer seiner letzten Kritiken – auch kein Geheimnis: Jürgen Kesting spottete herzhaft über die »Ja‑Sager‑Kritiker«, die dem neuen GMD huldigten, lachte das Publikum aus, das sich bei Ina Müller »unter seinem Niveau« amüsierte und befand, dass Tobias Kratzer eher sein eigenes Ego als Schumann und Kesting befriedigte. Bämm! Nun ist Jürgen Kesting tot – gestorben in Hamburg. Einer, an dem ich mich immer reiben konnte. Mein ganz persönlicher Nachruf hier.

Bayreuther Bankrott

So richtig mit der Kohle umgehen konnte Richard Wagner nicht: Hatte er Geld, gab er es aus, hatte er keines, wollte er es abschaffen! Ein Problem, das nun auch Bayreuths Lokalpolitiker kennenlernen: Der neue Bürgermeister Andreas Zippel hat gerade die sogenannte »Festmeile« zum 150-jährigen Festspieljubiläum im Sommer abgesagt – weitere Zuschüsse sollen überprüft werden. Was genau los war: Niemand sagt nichts. Die Frankenstiftung hatte 1,5 Millionen in die Feierlichkeiten für das Jubiläumsjahr gesteckt, die Stadt noch einmal 220.000 Euro. Vor einer Woche wurde bekannt, dass Bayreuths Kulturreferentin Eva Christina Bär bereits vor vier Wochen freigestellt wurde. Das Programm der Festspiele von Katharina Wagner ist ebenso wenig betroffen wie die Programme des Hauses Wahnfried, das frühzeitig eigene Planungen unternommen hat. Eine Anfrage von BackstageClassical an den Projektleiter des Festivals 150 Jahre Festspiele Florian A. Unterburger wurde nicht beantwortet – sein WhatsApp-Status letzten Donnerstag lautete: »Umbruch«. Die ganze Story hier

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Salzburger Zukunftssuche?

Es ist schon ein wenig lustig, wie sich die Fronten rund um die Salzburger Festspiele langsam sortieren. Plötzlich suchen alte Weggefährten des Intendanten neue Allianzen, Fähnlein drehen sich – und: die Bewerbungsfrist für die Hinterhäuser-Nachfolge ist abgelaufen. Man hört von überraschenden (und hoffentlich vollkommen chancenlosen) Interessenten (irgendwo kursiert sogar der Name Jonas Kaufmann), von den üblichen Verdächtigen (Serge Dorny oder Matthias Schulz) und von Neuorientierungen innerhalb des Kuratoriums. Es ist Zeit für eine ausgeruhte Ordnung des Diskurses. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass Hinterhäusers Abgang für mich unvermeidlich war. Aber das bedeutet nicht, dass diejenigen, die seine Trennung forciert haben, jetzt alles richtig machen. Die Verlängerung von Festspielpräsidentin Kristina Hammer sollte vielleicht noch einmal überdacht werden. Und sich in der Debatte nun allein auf Namen zu konzentrieren, wäre unklug. Vielleicht gibt es ja den Mut, moderne Konzepte zu entwickeln und vollkommen neue Strukturen zu etablieren. Ich habe mir mal einige Gedanken zum Stand der Dinge gemacht.

Petersburger Schlittenfahrt

Einer der aufwändigsten Texte von BackstageClassical ist ein Dauerbrenner geworden: »Das Abendmahl des Justus Frantz« dröselt den Kreis rund um den Pianisten auf – darunter Sahra Wagenknecht oder Weltwoche-Mann Roger Köppel. Damals auch beim Frantz-Salon dabei: Kulturmanager Hans-Joachim Frey. Der war in der letzten Woche ziemlich oft als Strippenzieher auf Putins Wirtschaftsforum in St. Petersburg zu sehen (unter anderem bei einem Panel mit AfD-Mann Jörg Urban). Überhaupt waren einige AfD-Abgeordnete angereist, und natürlich auch: Justus Frantz. Empfehlenswert in diesem Zusammenhang bleibt auch unsere sechsteilige ARD-Recherche über das Kulturnetzwerk von Vladimir Putin in Klang der Macht. Ach ja, und dann habe ich noch gelernt, dass die Jackie-Chan-Inszenierung der Turandot für Torre del Lago bereits ein Vorspiel hatte: In China hatte Valery Gergiev diese Inszenierung dirigiert. Vielleicht sollte man bei Chan doch genauer hinschauen – der Süddeutschen sagte er einst: »Zu viel Freiheit kann zu großem Chaos führen« und »Wenn uns keiner kontrolliert, dann tun wir einfach, was wir wollen.«  

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Neue Wege für Orchester

Krise? Nicht überall! Gemeinsam mit Hannah Schmidt habe ich beim Deutschen Orchestertag eine neue Folge von Takt&taktlos aufgenommen. Thema: Die Zukunft der Orchester. In dem sehr inspirierenden Gespräch erklärt die Rektorin der Hanns Eisler Musikhochschule, Andrea Tober, dass junge Musikerinnen und Musiker sich nach mehr Flexibilität sehnen. ROC-Geschäftsführer Anselm Rose verrät, wie er die KI nutzt, um Tickets zu verkaufen, und Marlene Brüggen vom DSO berichtet von der thematischen Öffnung ihres Orchesters. Unbedingt hörenswert.  

Unsere Theater und ihre Plätze

Ist denn schon Sommerloch? Der designierte Volksbühnen-Intendant in Berlin, Matthias Lilienthal, will ein Schwimmbad vor seinem Haus aufbauen und das Kultur- und Freizeitangebot kombinieren. Das kühle Nass soll »gratis und ohne Ausweispflicht« jedem offenstehen. Auch die Oper Köln plant mehr Rummel vor der Tür: Der Vorplatz am Offenbachplatz soll ebenfalls neu gestaltet werden: Mehr Aufenthaltsqualität durch Grünflächen, barrierefreie Zugänge und ein klarer Verweilbereich für Publikum und Passanten. Nur Düsseldorf schaut in die Röhre: Der Neubau der Oper soll gestoppt werden. Oberbürgermeister Stephan Keller nannte als Gründe steigende Kosten und geänderte haushaltspolitische Prioritäten.

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Milos Rau(e) Winde

Irgendwo in den Sozialen Medien hat jemand zu Recht kommentiert, dass wir bei BackstageClassical Milo Rau und seinem Provokationstheater auf den Leim gegangen seien und seine Sehnsucht nach Öffentlichkeit perfekt befriedigt hätten – ein Vorwurf, an dem durchaus etwas dran ist. Deshalb hier nur auf die Schnelle: BackstageClassical war mit dem Thema in Österreichs Hauptnachrichtensendung, der ZiB 2 zu Gast, in diesem Podcast des Falter streite ich mit Rau über dessen Weg, und hier lasse ich die KI in einem Brief von Brüggi auf den verquasten Angriff von Staatsopern-Intendant Bogdan Roščić zur Causa Rau antworten. Das war‘s auch schon!

Die Rechte in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt erhebt die AfD die Kultur zum ideologischen Kern ihres Wahlprogramms: Als national definierte »Leitkultur«, die Identität, Politik und Zugehörigkeit bestimmen soll. Verantwortlich dafür ist Hans-Thomas Tillschneider. Die Partei fordert mehr »deutsches« Erbe, Kürzungen für Theater und den Kampf gegen »Systemkultur«. Dazu soll es einen »Stolzpass« geben – das alles kann nicht gut enden, erkläre ich in einem Essay über die aktuelle Kulturpolitik der AfD. Vor allen Dingen aber: Wir müssen aufhören, die Kulturpolitik parteipolitisch zu besetzen – in allen Parteien!

Personalien der Woche

Chefdirigent der Wiener Symphoniker: Petr Popelka (Foto WSY, Rigaud)

Nun also München? Petr Popelka – das vermuten mehrere Medien – soll Nachfolger von Jurowski an der Staatsoper in München werden. Trotz wenig Opernerfahrung. Übrigens, meine durchaus penetranten Anfragen bei der Pressestelle der Wiener Symphoniker, wo Popelka derzeit Chef ist, wurden einfach mit einem Lächeln ignoriert. Aber München plant wohl eine Pressekonferenz – Nachtigall… +++ Das Münchner Rundfunkorchester hat Leo Hussain zu seinem neuen Chefdirigenten berufen. +++ Die Deutsche Oper am Rhein hat den deutsch-amerikanischen Dirigenten Evan Rogister (46) zum neuen Generalmusikdirektor berufen. Wie das Opernhaus mitteilte, tritt Rogister sein Amt zur Spielzeit 2027/28 an. Die Vertragslaufzeit beträgt fünf Jahre.  

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Vielleicht ja hier: Ich habe Cley Hilley erst jetzt entdeckt – und selten so gelacht! Der Tenorsingt auf Instagram leidenschaftlich Verrisse über seine Stimme: Und dafür bekommt er von mir eine ultimative Lobhudelei! Sehr lustig. Sehr klug. Sehr genial! Hier entlang.  Das könnte auch für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Hans Gabor Gesangwettbewerbs ein Trost sein. Ich war dieses Wochenende in Riga und saß in der Jury. Gewonnen haben der Koreaner Sungmin Park den Preis der Fachjury und Forooz Razavi aus dem Iran den Preis der Medienjury. Zwei Tage, die mich sehr zum Nachdenken gebracht haben – über unsere gesamte Branche. Mehr dazu am Dienstag bei BackstageClassical.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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#moderndenken, #rechtsdenken #dummdenken

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