Ein riesiger Spiegel aus 86 Scherben, ein Pool im Bodensee und eine herausragende Marjukka Tepponen als Violetta: Die neue „La Traviata“ bei den Bregenzer Festspielen setzt auf eindrucksvolle Bilder und große Emotionen.
Ganz allein steht Violetta Valéry im goldenen Glitzerkleid auf der Bühne und betrachtet sich im Spiegel. Die schwebenden, fragilen Streicherklänge der Ouvertüre erzählen von Einsamkeit, Verlassenheit und Tod. Dann schleudert sie den Spiegel in den See. „La Traviata“ hat Giuseppe Verdi seine Oper nach Alexandre Dumas Roman „Die Kameliendame“ genannt – die vom Weg Abgekommene.
Bei den Bregenzer Festspielen wird in der Inszenierung von Damiano Michieletto ein zerbrochener Spiegel, der für das zerstörte Leben der Protagonistin steht, auch zum Bühnenbild. 25 Meter hoch und 195 Tonnen schwer ist die Konstruktion, die Bühnenbildner Paolo Fantin bauen ließ. Manche der 86 mit Stoff beklebten Holzsplitter sind beweglich, andere liegen als versprengte Eisschollen im See und werden zum Schauplatz von Arien. Das für den „Freischütz“ vor zwei Jahren entstandene Becken wird hier zum Infinity-Pool der 20er-Jahre-Partygesellschaft. Und lässt die Bühne bis zum Publikum heranrücken.
Actionarm aber dicht
Mit Philipp Stölzls actionreichem „Freischütz“ hat diese „La Traviata“ aber nichts zu tun. Michielietto inszeniert nah an der Vorlage, setzt auf ästhetische Bilder (Licht: Alessandro Carletti) und nicht selten freie Flächen und große Distanzen. Natürlich gibt es bei den beiden Ball-Szenen im ersten und zweiten Akt ein fast schon obligatorisches Wasserballett (Choreographie: Thomas Wilhelm), viel Glitzer und Glamour (Kostüme: Carla Teti) und auch mal drei Fontänen, die aus dem Becken hervorschießen. Aber die in weiten Strecken kammermusikalisch gehaltene, vom Premierenpublikum eher zurückgehalten aufgenommene Oper bleibt auch in Michiliettos Inszenierung actionarm und atmosphärisch dicht.
Kein Spektakel also, sondern genaue Personenführung mit verzichtbaren Videoeinsprengsel (Roland Horvarth). Eine im klassischen Sinne schöne „La Traviata“ für Operneinsteiger mit viel Atmosphäre und Mut zur Langsamkeit, aber auch ohne echte Überraschungen oder gar Neudeutungen. Verstörendes, Komplexes, Doppelbödiges sucht man vergeblich. Alles erklärt sich bereits im Moment. Viel nachdenken muss man jedenfalls über diesen perfekten Sommerabend nicht.
Zeit zum Atmen
Auch die Wiener Symphoniker schaffen unter der Leitung von Kirill Karabits organische Übergänge. In guten Momenten, von denen es bei der Premiere viele gibt, entwickeln die Streicher eine seidigen Klang, der sich bestens mischt und immer wieder das Pianissimo sucht. Karabits lässt den Solistinnen und Solisten Zeit zum Atmen, wählt fließende Tempi und verbindet mit dem Orchester Eleganz mit Wucht bei einzelnen dramatischen Einwürfen.
Das Blech klingt schön nach Banda, die Walzer haben Raffinesse. An manchen Details muss aber noch gefeilt werden – das Vorspiel zum dritten Akt hat in Sachen Homogenität nicht die gleiche Qualität wie der Beginn. Die Koordination mit dem Chor (Bregenzer Festspielchor/Benjamin Lack, Prager Philharmonischer Chor/Lukáš Kozubík) hat genauso Luft nach oben wie die Konturenschärfe mancher Orchesterlinien. Marjukka Tepponen lässt dagegen als an Tuberkulose erkrankte Edelkurtisane Violetta keine Wünsche offen. Sie kann Fragilität verkörpern, wenn sie die Schlusstöne im warmen Pianissimo nach oben oktaviert – und Luxus verbreiten, wenn sie mit vollem, in der Tiefe dunkel gefärbtem Sopran ihre öffentlichen Auftritte zelebriert.
Aber Tepponen entfaltet auch viele Nuancen zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, Hoffnung und Verzweiflung. Auch darstellerisch hat Tepponen echtes Festspielniveau. Mit seinem hellen, im Forte zum Knödeln neigenden Tenor ist Julien Behr als Alfredo Germont leider kein Partner auf Augenhöhe. Die intimen, stimmlich zurückgenommenen Szenen gelingen ihm besser. Vladimir Stoyanov ist ein überaus kantabler Giorgio Germont, dessen väterliche Grätsche gegen die unschickliche Liaison seinen Sohnes fast schon empathische Züge. Bei den Nebenfiguren hinterlässt Melissa Zgouridi als Annina den stärksten Eindruck.
Blumen sprießen
Dass Violetta Valéry dem Tod geweiht ist, hört man nicht nur in der Musik, sondern sieht es auch in Bregenz ab der Opernmitte. Bereits beim Ball ihrer Freundin Flora Bervoix (Angela Simkin) im zweiten Bild des zweiten Akts hat Violetta einen projizierten schwarzen Kreis auf dem Körper. Im dritten Akt öffnet sich der Spiegel – und eine große schwarze Kugel mit sechs Metern Durchmesser bewegt sich in Zeitlupe über den Spiegelscherben und schwebt bedrohlich über der Sterbenskranken. Das ist enorm viel Aufwand für wenig szenische Wirkung.
Und kommt bei weitem nicht ran an die mehrdimensionale Bildkraft des „Tosca“-Auges in der Philipp-Himmelmann-Inszenierung von 2007 oder den Kopf in Philipp Stölzls „Rigoletto“ (2019). Am Ende stirbt Violetta am Wasserrand. Und Blumen sprießen aus dem Pool und der Scherbenbühne. Der Tod soll offensichtlich nicht das letzte Wort haben.

