Die Klassik versteht sich als humanistische Kraft, die Menschen verbindet. Doch je größer ihre gesellschaftliche Reichweite wird, desto stärker gerät sie in politische Machtverhältnisse. Der Fall Gustavo Dudamel zeigt exemplarisch, wie schmal der Grat zwischen Wirkung, Werten und Vereinnahmung geworden ist.
Die Welt ist paradox. Noch nie war das Bewusstsein für Macht und Machtmissbrauch so groß wie heute. Gleichzeitig nehmen autokratische Tendenzen global zu. Auch die Klassik gerät in ein Spannungsfeld zwischen Werten und Macht, wie Gustavo Dudamels Mitwirkung bei der Halbzeitshow des WM-Endspiels in New York exemplarisch zeigte.
Zwischen Beiträgen von Popstars dirigierte er eine Instrumentalversion des als Stadionhymne bekannten Songs Seven Nation Army, gespielt von den Muppets sowie Musikern der New York Philharmonic und des Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela.
Dudamel eignet sich ideal für diese Rolle: Er ist charismatisch, international bekannt und ein exzellenter Dirigent; als Venezolaner vertritt er den Globalen Süden; seine Biografie als Absolvent des Musikausbildungsprogramms El Sistema macht ihn zu einem Symbol für die Kraft der Musik, Kinder aus unterschiedlichen sozialen Schichten zu verbinden und zu stärken. Dudamel wird zudem ab September Chefdirigent der New York Philharmonic.
Alles nur Liebe?
Die Show wurde als eine Benefizveranstaltung für den FIFA Global Citizen Education Fund präsentiert, der weltweit Bildungs- und Fußballprojekte für Kinder fördert. Entsprechend wirkten auch Kinder des Grundschulchors PS22 an der Show mit, für die der Auftritt sicher ein prägendes Erlebnis war. Das Motto der Show Love hebt hervor, dass Fußball Menschen zusammenbringt und die Welt vereint.
Dem humanistischen Selbstbild der Veranstaltung stand allerdings eine widersprüchliche politische Realität gegenüber.Zu dieser Realität gehörte beispielsweise auch, dass die US-Einwanderungsbehörde ICE während der Fußball-WM weiterhin Razzien gegen Migranten durchführte. Trumps Eingriffe in die Schiedsrichterentscheidungen und das Einlenken der FIFA unterminierten die Glaubwürdigkeit des Sports und ließen Fairplay vermissen.
Auch El Sistema wurde als ein innovatives Sozialprojekt initiiert, und sicherlich haben viele Kinder in Venezuela davonprofitiert. Das System war allerdings nicht frei vom sexuellen und sonstigen Machtmissbrauch und wurde zudem vomMaduro-Regime als Vorzeigeprojekt propagandistisch instrumentalisiert. Kritiker werfen Dudamel vor, sich zu spät und zu zaghaft von dem Regime distanziert zu haben.
Das Machtparadox der Klassik
In der Klassikwelt glaubt man gerne an die verbindende Kraft der Musik. Wo die Politik Gräben schafft, so die Hoffnung, könne Musik Brücken bauen. Manche sagen auch, dass jede Reichweite für die Klassik zu begrüßen sei.
Hier zeigt sich das eigentliche Machtparadox der Klassik. Die Klassik ist etwas Schönes, braucht jedoch Reichweite, um wirksam zu sein. Macht verschafft Reichweite, und Reichweite verleiht Macht. In dieser Wechselwirkung könnenauch aus ursprünglich empathischen Intentionen destruktive Dynamiken entstehen. Eine Herausforderung besteht darin, zu erwägen, wie weit man beim Bestreben nach Reichweite gehen kann, ohne die eigenen Werte und Ästhetik aufzugebenoder in Opportunismus zu verfallen. Sonst drohen Vereinnahmung oder Radikalisierung, aus denen sich die eigene Glaubwürdigkeit nur schwer wiedergewinnen lässt.
Auch in der europäischen Klassikszene zeigt sich, wie schmal der Grat zwischen Haltung, öffentlicher Wirkung und politischen Bündnissen ist.
Blick nach Europa
Wenn Igor Levit in seinem zweifelslos wichtigen Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus mit dem Rapper Danger Dan für ein Lied zusammenarbeitet, dessen Text sich in einer Strophe mit den Mitgliedern der sogenannten Hammerbande solidarisiert – einer Gruppe, deren Angehörige wegen schwerer Gewalttaten gegen tatsächliche oder mutmaßliche Neonazis verurteilt wurden –, gerät sein Engagement in ein Spannungsfeld, das über künstlerische Provokation und Widerstand hinausweist.
Justus Frantz illustriert die andere Seite dieser Entwicklung. Was als Mission für Frieden und Kulturverständigung begann, führte in die Nähe der russischen Führung und gipfelte in der Verleihung des Freundschaftsordens durch Wladimir Putin.Heute verteidigt er öffentlich den Kabarettisten Uwe Steimle, der bei einer AfD-Veranstaltung Gewaltfantasien gegenüber dem Bundeskanzler und der Altkanzlerin äußerte.
Die Klassik erhebt den Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz. Gerade deshalb beginnt künstlerische Verantwortung nicht erst auf der Bühne, sondern bereits dort, wo Reichweite ermöglicht wird. Die Kunst ist frei. Aber Reichweite ist niemals neutral.

