Zum Tod des Musikkritikers und Stimmexperten Jürgen Kesting. Ein Nachruf von Axel Brüggemann.
English summary: Jürgen Kesting, renowned German music critic and voice expert, has died in Hamburg. Axel Brüggemann remembers him as a brilliant yet sharp-tongued authority on opera whose books, especially Great Singers, shaped generations of listeners. Revered as the “pope of voices,” Kesting championed expressive singing, embraced debate, and remained a gentleman critic even as the classical music world evolved beyond his era.
Irgendwie schien das nicht mehr seine Welt zu sein, als er vor einigen Monaten bei der Premiere von Das Paradies und die Peri im Foyer der Hamburgischen Staatsoper stand. Daraus machte er anschließend – in einer seiner letzten Kritiken – auch kein Geheimnis: Jürgen Kesting spottete herzhaft über die »Ja‑Sager‑Kritiker«, die dem neuen GMD huldigten, lachte das Publikum aus, das sich bei Ina Müller »unter seinem Niveau« amüsierte und befand, dass Kratzer eher sein eigenes Ego als Schumann und Kesting befriedigte. Bämm!
Ich habe diese Kritik heute noch einmal gelesen. Zum einen ist sie Beweis einer wunderbar gentlemanartigen Boshaftigkeit. Kesting als Kritiker, der es versteht, seine abgrundtiefe Verachtung in glitzerndes Bonbonpapier zu verpacken – was den Geschmack seiner Kritik nur noch bitterer erscheinen lässt. Zum anderen kann man in diesem Text aber auch die Verbitterung herauslesen, die Sentimentalität eines Mannes, der jahrzehntelang als »Stimmpapst« gefeiert wurde, als unabdingbare Autorität der Oper – und nun feststellen muss, dass seine Kunst nach neuen Regeln spielt. Ganz ohne ihn zu fragen.
Der Seriöse
Jürgen Kesting begann seine Karriere als Pressesprecher der Electrola. Später arbeitete er für den Stern, dann für Gruner & Jahr. Als er dort ein Kulturmagazin entwickelte, soll man ihm – so schreibt es Jan Bachmann in seinem FAZ‑Nachruf – erklärt haben, dass er zu seriös für das moderne Mediengeschäft sei, die Menschen wollen »Geld und Titten«. Trotzdem überlebte Kestings neues Magazin Amadeo einige Ausgaben.
Kesting arbeitete für verschiedene Radiosender und schrieb regelmäßig für die FAZ. Seine größten Erfolge brauchten allerdings mehr als 10.000 Zeichen, sein Opus magnum Große Sänger ist zum Standardwerk der Opernwelt geworden, ebenso wie sein Buch über Maria Callas, dessen Stimme er einmal so beschrieb: »Sie hat die Seele der Melodie gesungen.«
Jürgen Kesting glaubte daran, dass die Musikkritik ihren Leserinnen und Lesern dabei helfe, den Kunstsinn zu schärfen und »richtig zu hören« – richtig bedeutete natürlich: »wie er zu hören«. Er verstand sich als Übersetzer einer komplexen Kunst, und sein wichtigstes Kriterium war dabei die Ausdruckskraft der Stimme. In ihr spielte sich für Kesting alle Darstellung ab, in ihr spiegelte sich das wahre Können – sie war der Schall der Wahrhaftigkeit.
Die alte Welt
Kesting ist aufgewachsen mit Horowitz, Callas, Pavarotti und Co. An ihrer Seite ist er selber zu einer Art Legende geworden. Für etwas jüngere Journalisten wie mich war er damit natürlich immer auch eine Angriffsfläche. Jürgen Kesting war ein Monument – und wir haben uns an ihm gerieben! An seiner Gentlemanhaftigkeit. An seiner Verquastheit. An seinem Stimm‑Fetisch. Aber all das haben wir natürlich auch bewundert. Und all das hat uns irgendwie herausgefordert, um unsere eigenen Dinge anzugehen.
Die wahre Größe an Jürgen Kesting bestand darin, dass er dieses Spiel angenommen hat. Immer wieder erreichten mich E‑Mails von ihm. Wenn ihm etwas aufstieß, wenn ihm etwas zu sehr gegen den Strich ging. So wie damals, als es bei den Osterfestspielen in Salzburg zum Machtkampf kam und wir offensichtlich unterschiedliche Meinungen vertraten. Er hatte eine diebische Freude daran, den Disput per Mail weiterzuspinnen: Stets mit »Sehr geehrter Herr Brüggemann« und »verbindlichen Empfehlungen JK«.
Bei jedem Text, den wir schrieben, wussten wir: Jürgen Kesting liest mit und wird nicht zögern, uns mitzuteilen, wenn wir Quatsch verzapft haben! Quatsch aus seiner Sicht. Und er liebte es, wenn wir ihm dann widersprachen.
Es wird donnern
Aber eigentlich wollten er und Joachim Kaiser auch ein bisschen selber darüber entscheiden, wie es weitergeht mit der Klassik, mit der Musikkritik, mit unserem Beruf. Sie wurden »Päpste« genannt, ein Beiname, den heute wohl kein Kritiker mehr angeheftet bekommt. Und das ist auch gut so.
Bei der Premiere von Das Paradies und die Peri stand Jürgen Kesting noch einmal im Foyer der Hamburgischen Staatsoper: Blauer Anzug, Krawatte, stolzes graues Haar. Umgeben von Kameras. Jedem war klar: Die Oper – das ist sein Terrain. Er hatte es noch einmal besucht und der Welt dabei zugeschaut, wie sie sich weiter drehte. Er schüttelte den Kopf dabei, blieb aber ganz und gar Gentleman. Als wir uns verabschiedeten und die Hand gaben, sagte er »Machen Sie es gut«.
Nun ist Jürgen Kesting in Hamburg gestorben. Seine Einwürfe werden uns fehlen. Aber ich bin sicher: Er sitzt irgendwo da oben, neben Joachim Kaiser – und wenn wir Mist bauen, lassen die beiden es gewaltig donnern!

