Hitler im Mural, klare Worte gegen Antisemitismus, ein romantischer Beethoven: Die Eröffnung der Bayreuther Festspiele wurde zum Abend der Selbstverortung – politisch, historisch und musikalisch.
Adolf Hitler lacht und stößt mit seinen Bayreuth-Groupies Winifred Wagner und Heinz Tietjen in silbernen Kelchen an. Er trägt einen schicken Gehrock statt einer Uniform, steht im blauen Licht und mittendrin statt im dunklen Abseits.
Das Mural des Berliner Streetart-Künstlers Adam Heat, das den ganzen Abend hinter dem Orchester der Bayreuther Festspiele hing, war ein riskantes und mutiges Statement: Die Bayreuther Festspiele wollen ihre Rolle im NS-Staat und Wagners Antisemitismus nicht verstecken, sie übertünchen nichts, sondern stellen den weißen (oder braunen?) Elefanten mitten in den Raum.
Umgeben wird er von einem Kini, der – stellvertretend für die Förderer der Festspiele – Deutschland- und Bayernfahnen trägt sowie einen Aufkleber der Gesellschaft der Freunde. Auch zu sehen: Wolfgang Wagner mit der legendären Meistersinger-Klampfe, Bruder Wieland, der das Festspielhaus vor dem Einsturz rettet, sowie die Dirigentenlegenden Furtwängler und Toscanini, die mit ihren Taktstöcken auf den Regie-Berserker Patrice Chéreau einstechen. Unter all dem entspannte sich ein ganz besonderer Festakt.
Dass der Hitler im Festspielhaus und der Hitler auf dem Bild hinter den Rednern Friedrich Merz und Markus Söder nicht missverstanden wurden, dafür sorgte die Eingangsrede von Katharina Wagner. Sie sprach Michel Friedman direkt an: »Wenn man sich entschuldigt und mit einem Schritt auf mich zugeht, gehe ich mit noch einem größeren Schritt auf den anderen Menschen zu. Ihr Satz, lieber Herr Friedman, ermöglicht es uns, mit Ihnen gemeinsam die Gedenkveranstaltung Verstummte Stimmen zu begehen.«
Wagners Rede
Und Wagner fuhr fort: »In Anbetracht der engen, teils sehr persönlichen Verknüpfung meiner Familie mit dem NS-Regime und den Festspielen als kulturellem Aushängeschild des Dritten Reichs, aber auch eingedenk der Tatsache, dass unsere deutsche Demokratie heute erneut von Kräften bedroht wird, welche versuchen, Antisemitismus, Rassismus, Chauvinismus und Nationalismus erneut staatstragend zu machen, sind wir im Festspielhaus genau am richtigen Ort, um hierzu ›Nein‹ zu sagen – ›Nein‹ auch zu Verharmlosungen und Beschönigungen jeglicher Art.« (Eine Zusammenfassung der wichtigsten Zitate findet sich am Ende des Textes, die ganze Rede hier.)
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz nahm die historische Verantwortung Bayreuths in seiner Rede auf. Markus Söder blieb ein wenig launiger und spielte vor allem auf die Weltklasse-Qualität aus Franken an. Eigentliche Festrednerin war Nike Wagner. Ihr ging es in erster Linie um die finanzielle Struktur der Festspiele.
Nikes Rede
Die Tochter von Wieland Wagner plädierte dafür, das Haus nicht vollkommen in die Hand des Staates zu geben, sondern die Familie weiterhin mitbestimmen zu lassen. Dafür begrub sie öffentlich eine alte Fehde zwischen dem Wieland- und dem Wolfgang-Clan, und am Ende gab es eine Umarmung und Blumen von Cousine Katharina. Was die NS-Vergangenheit der eigenen Familie betrifft, blieb ausgerechnet Nike Wagner ihrer Linie treu, ihren Vater als Erfinder Neu-Bayreuths zu stilisieren und dabei einen Bogen um die Nazi-Verstrickungen ihres Vaters (etwa im KZ-Außenlager) zu machen.
Überhaupt war das vielleicht das Spannendste an den Reden: Alte konservative Positionen (etwa die offizielle Haltung der Festspiele) zeigten sich an diesem Abend in einer diversen Weltoffenheit, während Nike Wagner, die einst als Reformerin angetreten war, in ihrer Rede merkwürdig gestrig klang.
Thielemann dirigiert
Ebenfalls auf dem Mural von Adam Heat zu sehen: Katharina Wagner, umgeben von den Dirigentinnen Oksana Lyniv, Simone Young und Nathalie Stutzmann, die sie an das Haus geholt hat. Alle vier halten goldene »Freia«-Äpfel in der Hand. Und vor diesem Triumvirat stand nun Christian Thielemann und dirigierte das Festspielorchester. Das wirkte ein bisschen wie eine unausgesprochene Demütigung.
Nun ist die Akustik des Festspielhauses sicher nicht dafür gedacht, dass ein großes Orchester – samt Chor – auf der Bühne steht. Der Klang, der sonst aus dem Graben über die Bühne fließt, um sich im Zuschauerraum mit den Stimmen zu vermischen, entschwebt so schnell nach oben und kommt im Saal nur ungenau gemischt an (Solisten sind: Klaus Florian Vogt, Elza van den Heever, Christa Mayer und Georg Zeppenfeld).
Und trotzdem erstaunt Thielemanns Dirigat. Beethovens Neunte klingt bei ihm ein wenig altväterlich, so, als hätte es nie einen Harnoncourt oder einen Haselböck gegeben, keine historisch informierten Annäherungsversuche. Thielemann betrachtet seinen Beethoven ganz und gar aus der romantischen Perspektive Wagners. Damit verzichtet er auf die strukturelle Tiefe jenseits des Fließens; er opfert das Vertikale dem Horizontalen, die Querschüsse der Individuen den (toll gestalteten) Dynamiken des Tuttis.
Es ist erstaunlich, wie Thielemann ausgerechnet im Adagio sein sonst untrügbares Gespür fürs Schweben verliert, wie ihm die Symphonie ein wenig zerfällt, wie das rasante Tempo im Schlusssatz plötzlich zu hoch für die Masse der Menschen wird, kein Raum für den Aufbau des »Freude«-Motivs bleibt und die Janitscharenmusik nur im Vorbeihuschen erklingt. Dieser Neunten fehlt ein intellektueller Überbau; sie ist vor allen Dingen Bauch – und der scheint etwas zu satt.
Spannend ist auch, wie sich Thielemanns Dirigierstil verändert hat: Das »von unten nach oben«-Dirigieren gibt es noch immer, nur ist es größer geworden. Und es wird zuweilen zu einem Dirigieren am Boden: Der Oberkörper nach vorne gebeugt, die Hände kreuzen sich fast auf dem Parkett. Dann wieder typische Thielemann-»Kitzler«, die wirkungsvoll aussehen, oft aber ohne Wirkung bleiben. All das wirkt ein bisschen wie eine Karikatur des eigenen Stils. Und am Ende bleibt: ein romantisierter Beethoven. Auch das ein Statement zur eigenen Positionierung innerhalb der Geschichte.
Ausschnitte der Rede von Katharina Wagner
Jubiläum als Verpflichtung
„Ein Jubiläum wie dieses ist weit mehr als ein Anlass zum Feiern. Es lädt dazu ein, innezuhalten und zurückzublicken – auf eine außergewöhnliche künstlerische Geschichte, aber auch auf die Verantwortung, die mit ihr verbunden ist. Die Bayreuther Festspiele waren nie losgelöst von ihrer Zeit.“
Tradition und Verantwortung
„Gerade darin liegt, so glaube ich, eine der besonderen Aufgaben der Festspiele: die Tradition ernst zu nehmen, ohne sie zu verklären, und sie immer wieder neu in die Gegenwart zu übersetzen. Dass die Bayreuther Festspiele nach 150 Jahren ihre besondere Ausstrahlung bewahrt haben, verdanken sie nicht zuletzt der Bereitschaft, sich mit ihrem eigenen Erbe auseinanderzusetzen und dabei immer wieder neue künstlerische Wege zu gehen.“
Versöhnung und gemeinsames Gedenken
„‚Wenn man sich entschuldigt und mit einem Schritt auf mich zugeht, gehe ich mit noch einem größeren Schritt auf den anderen Menschen zu.‘ Ihr Satz, lieber Herr Friedman, ermöglicht es uns, mit Ihnen am morgigen Vormittag gemeinsam die Gedenkveranstaltung ‚Verstummte Stimmen‘ zu begehen. Lassen Sie mich […] noch einmal betonen, wie wichtig dieses Gedenken gerade auch im Moment des Feierns für mich ist.“
Klare Haltung gegen Antisemitismus und Extremismus
„In Anbetracht der engen, teils sehr persönlichen Verknüpfung meiner Familie mit dem NS-Regime und den Festspielen als kulturelles Aushängeschild des Dritten Reichs, aber auch eingedenk der Tatsache, dass unsere deutsche Demokratie heute erneut von Kräften bedroht wird, welche versuchen, Antisemitismus, Rassismus, Chauvinismus und Nationalismus erneut staatstragend zu machen, sind wir im Festspielhaus genau am richtigen Ort, um hierzu ‚Nein‘ zu sagen – ‚Nein‘, auch zu Verharmlosungen und Beschönigungen jeglicher Art.“
Vergangenheit aufarbeiten – Zukunft schützen
„Historisches Unrecht muss aufgearbeitet werden, damit die Zukunft nicht erneut in der Finsternis der Vergangenheit endet. Lieber Herr Professor Friedman, lassen Sie uns hierfür morgen gemeinsam einen weiteren wichtigen Schritt gehen!“
Transparenzhinweis: Axel Brüggemann moderiert das Open Air der Bayreuther Festspiele

