Die heilige Helga

Juli 16, 2026
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Operettenentwurf: Die heilige Helga (Bild: KI)

Wie BackstageClassical exklusiv erfahren hat, werden die Salzburger Festspiele diesen Sommer kurzfristig die Uraufführung einer Operette ins Programm nehmen: »Die heilige Helga« ist eine fromme Täuschung über Macht, Eitelkeit und den Trost der Pension.

Dramatis Personae

Helga Heiligstätt – Die Präsidentin des Opern-Reiches ist unermüdlich repräsentativ und fest davon überzeugt, dass ohne sie kein Vorhang aufgeht.
Mark Kuss – der vertriebene König des Opern-Reiches. Charismatisch, herrisch, mit einer Vorliebe für große Auftritte und kleine Bauern.
Hofarzt Dr. Crescendo – diagnostiziert eine höchst seltene Krankheit: Acuta Potestatis Entzugensis (akuter Machtentzug).
Der Chor der Intendanten – Bemüht sich inbrünstig um die Nachfolge.
Das Volk – Bauern, Bürger, Sänger, Bühnenarbeiter, Steuerzahler.
Die Demokratie – eine junge Frau, die zunächst niemand erkennt, weil sie kein Hermelin trägt.

Erster AktDer Sturz des Königs

Das Opern-Reich glänzt. Goldene Säle, rauschende Premieren, endlose Empfänge.

König Mark Kuss regiert seit Jahrzehnten. Er liebt die Kunst, vor allem aber den Applaus. Leider behandelt er die Bauern mit bemerkenswerter Geringschätzung.

Der Bauernchor erhebt sich.

Chor: »Wir zahlen stets die Opernpracht, doch werden selbst verlacht!«

Die Stimmung kippt. Der König muss abdanken.

Helga Heiligstätt versucht, Haltung zu bewahren.

Arie: »Ach war es schön, Probleme hab ich nicht geseh‘n«

Doch als ihr wichtigster Verbündeter verschwindet, bricht auch sie zusammen. Der Hofarzt verkündet:

»Sie leidet an chronischer Bedeutungslosigkeitsangst. Jede Wahrheit könnte tödlich sein.«

Ensemble: »Land unserer Mutter, lass jubelnd Dich grüßen!« 

Zweiter AktDie große Inszenierung

Der Hof beschließt, Helga zu retten. Man spielt ihr weiter vor, sie sei Präsidentin. Jeden Morgen marschieren Statisten auf.

Ein Schauspieler meldet:

»Majestätliche Präsidentin!
Die Welt wartet auf Ihre Entscheidung!«

Helga unterschreibt bedeutungsvolle Dokumente. Diese landen allerdings sofort im Papierkorb.

Arie: »Ohne mich gäb‘ es mich nicht…«

Währenddessen regiert längst das Volk. Minister werden gewählt. Budgets beschlossen. Neue Direktoren stehen zur Wahl: 

Chor der Intendanten: »Ich, Ich, Ich!.

Niemand fragt Helga.

Aber jeden Nachmittag erscheint ein falscher Minister.

»Exzellenz, dank Ihrer weisen Führung gedeiht das Reich!«

Helga nickt zufrieden. Der Reporter Harmlos Wolf gibt vor ein ORF-Interview mit ihr aufzunehmen. Es entsteht eine Operette innerhalb der Operette: Alle spielen Theater. Nur Helga merkt es nicht. Der Oberinspizient ruft ständig:

Chor: »Vorhang auf für die Präsidentin!«

Kaum ist Helga verschwunden, werden die Kulissen wieder abgebaut.

Dritter AktDie Wahrheit

Die Täuschung hält nicht ewig. Ein Bühnenarbeiter vergisst, den falschen Thronsessel aufzustellen. Helga bemerkt zum ersten Mal: Niemand gehorcht mehr. Niemand braucht ihre Unterschrift. Niemand wartet auf ihre Anweisungen. Sie glaubt zunächst an einen Staatsstreich.

Dann erscheint überraschend Mark Kuss. Nicht mehr im Purpur. In Leinenhose. Mit Strohhut. Er berichtet heiter:

Arie: „Ach, Helga.
Man muss wissen, wann der letzte Vorhang fällt.
Die Revolution, von gestern Schnee… 

Sei nicht länger vergrellt –

Komm zu mir an den Attersee. 

Helga ist entsetzt. Dann beginnt sie langsam zu lachen. Zum ersten Mal seit Jahren. Sie erkennt: Nicht sie wurde aus der Geschichte vertrieben. Die Geschichte ist einfach weitergegangen.

Mark Kuss nimmt ihre Hand.

Duett: „Neben meiner Hütte steht noch ein kleines Haus.
Da gehen wir rein, da schauen wir raus.“

Helga antwortet:

„Aber einen Empfang am Abend?“

Finale

Das Volk feiert die Demokratie, neue Intendanten regieren das Opern-Reich.

Schlusschor: 

»Wer immer auf dem Throne saß,
vergaß: Auch Macht macht einmal Spaß –
doch endet jede Ouvertüre,
dann öffnet sich die letzte Türe.

Die Bühne bleibt, die Rollen gehn,
das Publikum wird weitersehn.
Drum hebt das Glas und stimmt mit ein:
Das Reich gehört nicht einem allein.“

Im Hintergrund sieht man den Attersee.

Mark Kuss sitzt auf der Terrasse. Helga gießt Geranien.

Der Vorhang fällt.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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