Die AfD macht Kultur zum ideologischen Kern: als national definierte „Leitkultur“, die Identität, Politik und Zugehörigkeit bestimmt. Sie fordert mehr »deutsches« Erbe, Kürzungen für Theater und den Kampf gegen »Systemkultur«. Nirgends wird das so deutlich wie in Sachsen-Anhalt.
English summary: The AfD elevates culture to the core of its ideology, framing it as a national “guiding culture” that defines identity and belonging. It calls for more emphasis on “German” heritage, cuts to publicly funded arts, and opposition to a perceived “system culture,” especially in Saxony-Anhalt. While others neglected culture, the AfD uses it strategically, combining nationalist narratives, historical revisionism, and pressure on institutions to reshape cultural policy and public discourse.
Während viele etablierte Parteien TikTok als Medium lange nicht ernst genommen haben, nutzte die AfD dieses soziale Medium als Überholspur in Sachen Stimmenfang. Ähnlich scheint es sich auch mit der Kultur zu verhalten: Während die alten Parteien das Thema weitgehend vernachlässigen, erhebt die AfD es zum Sockel, auf den sie ihr gesamtes Programm stellt. Etwa für die anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Kultur ist hier mehr als nur Theater, Orchester, Museen oder Bibliotheken. Unter Kultur versteht die AfD einen Wertekanon, auf dem ihre gesamte Politik beruhen soll. Kultur ist der ideologische Unterbau all ihrer Forderungen. Die AfD will das Deutsche in der Kultur stärken. Kultur soll zur Grundlage des »deutschen Stolzes« werden, die Identifikation mit Land und Geschichte auf einen intellektuellen Sockel stellen. Die Partei will weniger Auseinandersetzung mit den »dunklen Kapiteln« der deutschen Geschichte, stattdessen soll der Fokus auf Heinrich I., Luther, Bismarck und Nietzsche liegen, auf Bach, Beethoven, Goethe und Schiller. Der Slogan des Landes Sachsen-Anhalt, #moderndenken, soll durch #deutschdenken ersetzt werden, und Familien sollen von einem »Stolz Pass« profitieren, mit dem sie die wichtigsten Einrichtungen deutscher Kultur kostenlos besuchen können.
Kopt und Bauch der Ideologie
Verantwortlich für dieses Programm ist Hans-Thomas Tillschneider. Der zeigt sich gern in Loden und jägergrünem Schlips, und im Landtag von Sachsen-Anhalt bevorzugt der kulturpolitische Sprecher der AfD die Tonart »hemdsärmlig«. Während einer Landtagsdebatte über die Legalisierung von Marihuana sagte Tillschneider: »Bier gehört zu Deutschland«, und unterzog die Betäubungsmittel einem spontanen Einwanderungstest: »Die Orient-Droge Cannabis macht schlapp und träge – ein Drogen-Einwanderer! Den wollen wir hier nicht haben! Aber Bier gehört hierher. Und das ist auch gut so.« In solchen Bierzelt-Momenten fällt es schwer, die Kulturpolitik der AfD ernst zu nehmen.
Seit Jahren verteidigt Tillschneider mit derbem Vokabular das Recht der Wutbürger auf deutsches Bier, auf »Z.-Schnitzel« und »N.-Küsse«. Kultur, so könnte man meinen, bedeutet für ihn weniger Goethe, Schiller und Beethoven als Trachtengruppe und rechtes Tschingderassabum. Tillschneider ist so etwas wie der knurrende Kultur-Bauch seiner Partei. Aber im Wahlprogramm von Sachsen-Anhalt zeigt sich nun seine Handschrift ganz deutlich: Tillschneiders Kultur-Ideologie ist Partei-Räson.
Der kulturpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Marc Jongen, verkörpert derweil das Gegenmodell. Er scheint sich als Gehirn seiner Partei zu verstehen. Jongen ist grau meliert, inszeniert sich gern mit gut geschnittenen Anzügen, pflegt eine geschliffene Rhetorik, operiert aber ebenfalls am rechten Flügel der Partei. Ursprünglich stammt er aus Südtirol, erhielt die deutsche Staatsbürgerschaft erst 2011. Er studierte Indologie und Philosophie in Wien, später in Karlsruhe. Er promovierte über Tradition und Wahrheit im transhistorischen Äon und nennt seinen Ziehvater Peter Sloterdijk ein »Medium des Weltgeists« in einer Zeit des »Weltalter-Wechsels«. Jongen bereitet den Zeitenwechsel nach der Machtübernahme der AfD intellektuell vor.
Die Mär der Leitkultur
Jongen und Tillschneider wirken auf den ersten Blick wie zwei Wesen von unterschiedlichen Kultur-Planeten, aber sie sind fest durch die Kernpunkte der Kulturpolitik der AfD vereint. Beide pflegen ein nationalistisches Weltbild, einen radikalen Geschichtsrevisionismus, und vor allen Dingen verstehen sie Kultur als Distinktionsmerkmal des Deutschseins. Während Tillschneider das Blut und den Schweiß in seinem Kulturbild aufkocht, drückt Jongen auf die nationale Tränendrüse im Angesicht der derzeitigen Kulturpolitik.
Nach AfD-Logik kann ein Mensch mit türkischem Migrationshintergrund durchaus Teil der deutschen Volksgemeinschaft werden, wenn er sich zur deutschen »Leitkultur« bekennt. Was genau diese Kultur ausmacht, abgesehen von ihrer »christlich-abendländischen Tradition«, bleibt allerdings sowohl im AfD-Europa-Programm als auch in den Programmen der Bundes- und der Landesparteien weitgehend undefiniert. Viel mehr als Gemeinplätze wie »Bezug zur Heimat« oder »ein positives Geschichtsbild« lässt sich kaum finden. Aber von der Kultur sollen eine »Renationalisierung« und eine »Schärfung des Bewusstseins des deutschen Volkes« ausgehen.
Der Journalist Peter Laudenbach wirbt in seinem Buch Volkstheater. Der rechte Angriff auf die Kunstfreiheit schon länger dafür, die Kulturpolitik der AfD nicht zu unterschätzen. Kultur sei für die Partei eine Möglichkeit, die »Neue Rechte« mit der »rohen Bürgerlichkeit« zu verbinden, also den Intellekt mit der Gewalt gegen den Staat und seine Institutionen. Laudenbach hat unzählige Einschüchterungsversuche dokumentiert: Im thüringischen Altenburg rief die AfD zum Boykott des Stadttheaters auf, in Berlin forderte die AfD-Fraktion die Kürzung von Zuwendungen für das Deutsche Theater, und der Intendant des Friedrichstadt-Palasts bekam nach AfD-Hetze 600 Hassmails und Hassbriefe frei Haus. Erst kürzlich forderte die AfD in Weimar Etatkürzungen für das Nationaltheater von Intendant Valentin Schwarz – seine Kultur ist der Partei zu politisch.
Das Ende des Systems?
So wie die AfD sich als »Volkspartei« definiert und die politische Konkurrenz als »Systemparteien«, wird auch die »Volkskultur« zum natürlichen Gegenpol der staatlich geförderten »Systemkultur« erhoben. Es ist also nur konsequent, dass die AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt fordert, staatliche Theater-Zuschüsse zu halbieren. Die Partei argumentiert dabei so: Man würde »kaum deutsche Theaterstücke« spielen und die Spielpläne seien »politisch höchst einseitig orientiert«.
Hans-Thomas Tillschneider ist ein Meister dieser kulturellen Feindbild-Markierung, eine Art deutscher Wolf im Lodenmantel. Staatlich unterstützte Kulturschaffende definiert er in Anlehnung an Karl Marx als »Lumpenproletariat an Möchtegern-Künstlern«, die »eine Kunst produzieren, für die sich niemand wirklich interessiert«, und plädiert stattdessen für eine Kunst, die sich selbst trägt und »ihr Publikum findet«. So wie die AfD in ihren TikTok-Auftritten keine Angst vor Hässlichkeit zeigt, hat sie auf dem Feld der Kultur keine Scheu, die Masse als einzigen Maßstab zu definieren statt Niveau oder Qualität.
Im kulturellen Kern sind sich Tillschneider und Jongen einig. Beide fordern eine Reduzierung der staatlichen Zuschüsse für deutsche Theater und die Abschaffung des weltweit einmaligen, staatlich subventionierten Kulturbetriebs, wie wir ihn kennen. Jongen argumentiert: Deutsche Bühnen würden sich zu sehr »an den zwölf Jahren des Dritten Reichs« abarbeiten. Nirgends wird diese Position so deutlich wie im Kampf der AfD in Sachsen-Anhalt gegen die Tradition des Bauhauses.
Vergessen wir die Nazis
Der kulturpolitische Sprecher im Bundestag fordert ein »positives Deutschlandbild in der Kultur«. Statt die Nazi-Schuld zu thematisieren, will man den Fokus lieber auf den Widerstand der Wehrmachtsoffiziere legen, und statt einer Kolonialismus-Debatte (mit eventuellen Restitutions-Ansprüchen) soll das alte Preußen- und Bismarck-Bild gefeiert werden. Außerdem plädiert die Partei für den Erhalt oder Wiederaufbau historischer Bauten in deutschen Innenstädten. Die AfD kritisiert das sogenannte »Regietheater«, attackiert Produktionen und partizipative Projekte mit und über Geflüchtete sowie Theaterabende, die sich kritisch mit der AfD selbst auseinandersetzen. Forderungen nach Nachhaltigkeit, Gender-Gerechtigkeit oder Regeln für Führungskultur im Kulturbetrieb hält die Partei für politische Einflussnahme auf die Kulturfreiheit.
Den Regierungsparteien wirft die AfD vor, den Kulturschaffenden ihre politische Agenda aufzuzwingen: Energiewende, Zuwanderung, Feminismus oder Diversität. Und tatsächlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass die grüne Kulturstaatsministerin Claudia Roth die politische Ideologie mit ins Amt gebracht hat und plötzlich Projekte mit diversem Hintergrund und nachhaltiger Planung stärker förderte als andere. Der politische Backlash setzte mit Wolfram Weimer ein: So wie Roth »linke Kulturpolitik« betrieb, erscheint er als Protagonist einer streng »konservativen Kulturpolitik«. Zuweilen scheint er den Kompromisszwang, dem Kanzler Merz in der Regierungskoalition unterliegt, in seiner Kultur-Rhetorik zu negieren und hier konservative Werte ohne Wenn und Aber zu verteidigen.
Entpolitisiert die Kultur!
Die letzten beiden Kulturstaatsminister haben das Amt – jeder auf seine Art – politischer gemacht. Roth und Weimer haben ihre Arbeit nicht mehr in erster Linie darin verstanden, dass sie Freiräume für künstlerische Entfaltung in alle mögliche Richtungen gewährleisten, sondern darin, Kulturpolitik auch ideologisch zu fördern. Damit haben sie nicht nur einen wichtigen Teil der Kulturfreiheit aufgegeben, sondern sich auch angreifbar für die Rhetorik der AfD gemacht.
Hans-Thomas Tillschneider spricht gern von einem »gleichgeschalteten« Kulturbetrieb, der ihn an die totalitären Zustände der DDR erinnere, und behauptet zugleich, dass die AfD staatliche Einflussnahme und die Politisierung der Kultur ablehne. Tatsächlich aber hat Kultur in den Programmen der AfD einen eindeutig politischen und gesellschaftlichen Auftrag. Sie soll in einem von der AfD geführten Land jener Ort werden, an dem sich die Gretchenfrage nach dem Deutschsein definiert. Die Partei, die derzeit einen »gleichgeschalteten Kulturbetrieb« in Deutschland ausmacht, fordert im gleichen Atemzug, dass die individuelle Positionierung jedes einzelnen in Deutschland lebenden Menschen zur von der AfD definierten »Leitkultur« darüber entscheiden soll, ob er Teil der deutschen Volksgemeinschaft ist oder nicht. Und was diese »Leitkultur« ist, das bestimmt natürlich: die AfD. Kultur ist für sie nicht nur eine Sparte der Regierung, sondern Grundlage ihrer politischen Ideologie. Mehr Politik in der Kultur geht nicht.
Es fehlen die Köpfe
Es ist auffällig, wie wenig profilierte Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker die AfD hat, obwohl Kultur eines ihrer Hauptanliegen ist. Neben Tillschneider und Jongen ist der kulturpolitische Input der AfD in den Parlamenten noch eher marginal. Höchstens der parteiintern kritisierte ehemalige Cellist des Leipziger Streichquartetts, Matthias Moosdorf, stößt noch ins selbe Horn – zuletzt mit seinem Pamphlet »Kultur von Rechts«. Hier wirbt der AfD-Mann für den Verlust ästhetischer Maßstäbe und gegen eine Erosion der Bildung und Deutschland. Moosdorf gehört auch zum Netzwerk rund um den Kulturmanager Hans Joachim Frey, der gern Künstler wie Justus Frantz nach Russland einlädt. Aber weder Björn Höcke noch Alice Weidel – und schon gar nicht Tino Chrupalla – sind bislang durch kulturprogrammatische Reden aufgefallen.
Lange schien die Kulturpolitik der AfD eine politische Nische zu sein, in der sich weitgehend uncharismatische Figuren tummelten. Die anstehenden Landtagswahlen und ihre AfD-Programme zeigen aber deutlich, dass Kultur für die Partei langst mehr geworden ist als nur eine Nische. Sie ist Grundlage der politischen Ideologie. In der Kultur werden die großen politischen Linien der AfD konsequent ausdekliniert, dabei werden Bauch und Kopf der Partei durchaus in Einklang gehalten. Und so finden immer neue, öffentlichkeitswirksame Feindmarkierungen statt, die vor allen Dingen ein Ziel haben: gesellschaftlichen und kulturellen Unfrieden zu stiften und die deutsche Debattenkultur durch Umdeutungen zu vergiften. Perspektivisch ist die Kultur eine wichtige Konstante für die AfD, auch weil hier über die Frage entschieden wird, was deutsch ist und wer in Zukunft als Deutscher in Deutschland erwünscht sein wird – und wer nicht.

