Sprecht doch Mal miteinander

Juni 16, 2024
6 mins read
Ein Roboter-Arm hält den heiligen Gral und dreht den Papst– der eine Päpstin ist.

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit Lisa Batiashvili und Jewgeni Kissin zur Situation in Osteuropa, mit Zoff in Meiningen, dem großen Klassik-EM-Tipp und einem Spaziergang um den Schlachtensee.

Batiashvili und Kissin warnen vor Putin

Noch vor wenigen Wochen hat die Geigerin Lisa Batiashvili mit den Berliner Philharmonikern während der Proteste in ihrer Heimat Georgien gespielt. Nun erklärt sie in einem sehr klugen Gespräch, warum junge Georgier sich nach Westen orientieren, und warum es wichtig ist, die Musik als Botschaft der Freiheit zu verstehen: »Russland ist leider sehr berechenbar. Russland will nicht, dass die kleinen Länder sich in Richtung Europa entwickeln. Und es nimmt keine Rücksicht auf Menschenrechte. Um so wichtiger ist es, dass Europa bewusst einen Punkt setzt. Die kleinen Länder müssen spüren, dass sie mit mehr als Worten unterstützt werden. Und Russland muss spüren, dass es nicht einfach andere Länder angreifen kann. In dieser Umbruchszeit, in der wir leben, wird sich zeigen, ob Europa stark genug ist, um sich hier zu behaupten.« 

Lisa Batiashvili und Jevgeni Kissin (Foto: DG, Singer + Sergievskaia)

Auch Jewgeni Kissin zeigt klare Kante und warnt in einem bewegenden Interview auf BackstageClassical davor, Angst vor Putin zu haben: »Putin wird nur stoppen, wenn er gestoppt wird. Das ist Psychologie. Ein Straßenschläger sucht sich immer das schwächste Opfer heraus. Das, welches besänftigt, welches keinen Streit möchte. Wenn Putin Angst spürt, wird ihn das noch aggressiver machen. Deshalb muss der Westen stark auftreten. Angst vor Eskalation ist ein schlechter Ratgeber.« 

Zoff in Meiningen und Eisenach

Ich hatte lange gezögert, die Vorwürfe aus einer anonymen Mail, die einige Mitarbeiter der Theater in Eisenach und Meiningen geschickt hatten, zu veröffentlichen – zumal bei Nachfrage niemand mehr geantwortet hatte. Doch dann erklärte der Intendant Jens Neundorff von Enzberg: »Wir nehmen den anonymen Brief und die Gespräche zum Anlass, weitere Führungsentwicklungsprozesse anzustoßen und gemeinsam zu erarbeiten, wie ein modernes Führungsverhalten am Theater funktionieren kann.« In der Mail ging es um »toxisches Arbeitsklima«, Mobbing, Grenzüberschreitungen und um zu spätes Eingreifen in Produktionen. Nachdem BackstageClassical über den Fall berichtet hatte, erreichten uns weitere Mails und Zuschriften auf den Social-Media-Kanälen, in denen auch ehemalige Mitarbeitende oder Gäste des Hauses von ihren Erfahrungen berichtet haben. Die Pressestelle schreibt, es würden »zunächst offene Gespräche jenseits der Öffentlichkeit« geführt, »um uns dann als Team wieder ganz auf die Arbeit konzentrieren zu können – für unser Publikum und für die strukturelle Neuausrichtung des Landestheaters Eisenach.« Tatsächlich scheint es einiges aufzuarbeiten zu geben. Die unzufriedenen Ensemblemitglieder haben in einer weiteren Mail angekündigt, dass sie durchaus bereit sind, sich erneut in der Öffentlichkeit zu Wort zu melden.  

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Highlights auf BackstageClassical

Personalien der Woche I

Es ist beschlossen: »Das Konzerthaus kommt, aber aus einem Milliarden- wird ein Millionenprojekt“, sagte Ministerpräsident Markus Söder. 500 Millionen Euro sollen nun für das Münchner Konzerthaus reichen, dennoch verspricht Söder »100 Prozent Qualität«. Wie das gehen soll, bleibt sein Geheimnis. +++ Ein Gesetzentwurf sieht vor, dass nicht-staatliche Kulturinstitutionen zukünftig Umsatzsteuer zahlen sollen. Der Deutsche Musikrat warnt vor einem Verfall der musikalischen Bildung. Antje Valentin sagt: »Es gibt etliche Anbieter, die als Selbständige oder in anderen Zusammenhängen Bildungsangebote unterbreiten, die für die außerschulische kulturelle Bildung von hoher Bedeutung sind.« +++ Ein Blick gen Norden, der sehr lohnt: Lars Petter Hagen leitet das Bergen International Festival seit 2022 und hat dieses Jahr eine ganz besondere Saison vorgelegt. Für BackstageClassical hat Antonia Munding sich auf die Spuren eines Werkes begeben, das die Nazi-Gräuel in Norwegen thematisiert. +++ Das Berliner Jugendorchestertreffen Young Euro Classic wird künstlerisch künftig von einer Doppelspitze geleitet: vom Cellisten Alban Gerhardt und dem Musikvermittler Mathias Hinke.

Gehmacher: Klassik neu denken

Der Intendant der Philharmonie in Luxemburg, Stephan Gehmacher, glaubt auch weiterhin an den »Wanderzirkus« der Klassik: Nur so können Menschen in der ganzen Welt die großen Künstlerinnen und Künstler hören, »außerdem sind Tourneen ja auch wichtig für die Orchester selber: Eine Tournee hat sehr positive Auswirkungen auf die Musikerinnen und Musiker.« Gehmacher sagt gegenüber BackstageClassical: »Wir haben über 20 Prozent der Abonnements verloren, aber wir sehen auch, dass wir das Publikum auf andere Art zurückholen können. Für uns bedeutet das, dass wir jeden Abend einen guten Grund haben müssen, warum wir ein Konzert geben, für wen und wie wir es bewerben.«

Thielemann und Levit gehen spazieren

Ein Spaziergang um den Schlachtensee: Christian Thielemanns Buch-Co-Autorin Christine Lemke-Matwey hat ihren Schützling um einen Spaziergang mit Igor Levit gebeten. Herausgekommen ist ein langes ZEIT-Gespräch, das ziemlich gut die aktuelle Diskussionskultur in Deutschland widerspiegelt. Es geht viel um Befindlichkeit, um das »Ich« in der Welt und das Leichte im Komplexen. »Ich habe es ja ganz gern, wenn Leute ihren Gefühlen freien Lauf lassen oder sich mal im Ton vergreifen«, sagt Thielemann etwa und fragt, » warum mag ich den Begriff wertkonservativ? Weil er impliziert, dass man auch die Werte anderer schätzt.« Levit antwortet auf die Frage, was er Thielemann neidet: »Ach, ich bin kein neidischer Mensch, aber ich neide Christian ziemlich viel. Seine Rotweinsammlung zum Beispiel, die er anlegen konnte, als viele Weine noch bezahlbar waren. Das ist heute vorbei. Und ich neide ihm, dass er Horowitz gehört hat. Ich neide ihm die Neunte Mahlers unter Bernstein. Ich neide ihm den Karajan!«

Personalien der Woche II 

Sancta-Inszenierung von Florentina Holzinger

Ich habe letzte Woche versprochen, mir Florentina Holzingers Sancta anzusehen. Und, was soll ich sagen: Bin ich zu alt dafür? +++ Tobias Kratzer hat im NDR über seine Pläne für die Staatsoper Hamburg gesprochen: »Ich werde versuchen, in der ersten Spielzeit zu zeigen, was Oper überhaupt alles kann. Das werden nicht nur die aller bekanntesten Stücke sein, die man ohnehin schon 50.000 Mal gesehen hat, sondern verschiedenen Bereiche raus greifen. Repertoire, was man vielleicht nicht so kennt, auch Projekte, die vielleicht nicht ein integrales Stück sind, sondern wo man erstmal ein Projekt zusammen setzen muss.« +++  Der Dirigent und BackstageClassical-Autor John Axelrod wurde zum neuen Musikdirektor  des Schweizer Nationalorchesters ernannt. +++ Die Sopranistin Jodie Devos ist gestern im Alter von nur 35 Jahren gestorben. Devos hatte seit einigen Monaten mit enormem Willen gegen den Krebs angekämpft und war noch am 30. April mit großer Entschlossenheit auf die Bühne des Théâtre des Champs Élysées zurückgekehrt. Ihr Zustand verschlechterte sich jedoch vor einigen Tagen plötzlich, meldet ihr Plattenlabel outhere. Hier ist sie noch Mal zu erleben.  

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann? 

Das Tipp-Team von BackstageClassical ist sicher: Frankreich wird Europameister!

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier: Ganz Deutschland, ganz Europa freut sich auf ein bisschen Durchatmen bei der EM. Wir bei BackstageClassical haben den wohl größten Klassik-Tipp zur EM gestartet. Was tippen der Pole Piotr Beczała, der Österreicher Valentin Schwarz, der Israeli Yoel Gamzou, der Brite Daniel Hope, der Russe Aleksey Igudesman, die Französin Marie Jacquot, der Chinese Lang Lang, der Italiener Fabio Luisi oder der Deutsche Klaus Florian Vogt? Sie und viele andere erzählen neben dem Tipp auch ihre Fußball-Geschichten: Vogt flog zum Beispiel als Pilot zum Champions League-Finale seines BVB, Beczała hat eine Wette mit seinem Manager offen und Anna Prohaska tritt die WM in Qatar in die Tonne. Unbedingt lesenswert! 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

Und wo sehen wir uns diesen Sommer? 

Auch diesen Sommer gibt es einige Anlässe, zu denen wir uns treffen können. Am 5. Juli werde ich gemeinsam mit der Pocket Opera und dem Ensemble D‘Accord in der Elbphilharmonie in 90 Minuten durch Wagners Oper Lohengrin wandeln. Wagner und andere Komponisten stehen auch beim kostenlosen Open Air der Bayreuther Festspiele auf dem Programm, das dieses Jahr von Nathalie Stutzmann dirigiert wird (am 24. Juli und am 30. Juli). Später im Sommer freue ich mich auf die neuen Konzerte im Hof von Schloß Neuschwanstein – dort können wir uns zu den moderierten Abend-Konzerten am 24. (zu Ausschnitten aus Tristan und den Königskindern) oder 25. August (zum Symphoniekonzert) sehen – danach geht es weiter zum Krzyzowa-Music Kammermusikfestival, wo ich am 27. August an einem Symposium über die Zukunft der Musik teilnehme. Vielleicht treffen wir uns ja irgendwo!  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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