Von Dirigenten, Berliner Abgründen und der Biennale 

Mai 4, 2026
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Die Eutiner Festspiele (Foto: Eutiner Festspiele)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit der Frage nach Dirigenten-Karrieren, einem Blick zur Biennale in Venedig, einem Ohr am Orchestertag, allerhand Blicken in die Saisonbroschüren und einem Happy End für Eutin!

Die verlorene Generation?

Eine Meldung auf der Klassik-Gossip-Seite Slipped Disc sorgte diese Woche für allerhand Aufregung: Zwischen seinen aktuellen Andris Nelsons-Feldzügen meldete Norman Lebrecht, das Cleveland Orchestra werde den Finnen Santtu-Matias Rouvali zum nächsten Chefdirigenten und damit zum Nachfolger vonFranz Welser-Möst küren. Sagen wir mal so: Nach unseren Informationen wird das Orchester erst Ende des Jahres entscheiden – und mit Blick auf die Stimmung in Göteburg und London bleiben berechtigte Zweifel. Aber egal, wer es in Cleveland wirklich wird: Das Dirigentengeschäft folgt immer weniger den alten Regeln. Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen stehen hoch im Kurs. Auf der Strecke bleiben oft Dirigenten, die darauf gesetzt haben, ihre Karriere über die Stadttheater zu machen: Sie arbeiten fast täglich im Weinberg der Musik, aber ihre Karrieren stagnieren. Warum das so ist? Wer betroffen ist? Und was dieser Trend bedeutet, lesen Sie in unserem Essay über die »Verlorene Generation«.        

Russlands Biennale Musical

So richtig klar ist nicht, was Russland eigentlich zur Biennale in Venedig plant: Eine Art Film, oder eine Art Musical unter dem Motto The Tree is Rooted in the Sky. Sicher ist: Kommissarin des Pavillons ist Anastasia Karneeva, Tochter eines Rüstungskonzern-Vorstandes. Russland nennt als teilnehmenden Künstler auch den in der Ukraine geborenen, auf Wikipedia aber als »russischer Künstler« geführte Alexey Retinsky, der bereits allerhand Projekte – auch beim SWR – mit Teodor Currentzis gemacht hat und in Österreich lebt. Fakt ist: Die Biennale-Jury ist inzwischen im Streit zurückgetreten, und die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kündigte bereits Kürzungen von Fördermitteln an.

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Berlin am Ende

Es ist ein Schlag ins Gesicht der Musikstadt, dass Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner nun ausgerechnet Finanzsenator Stefan Evers zum Kultursenator der Hauptstadt ernannt hat.  Ausgerechnet der Obersparer soll nun bis zur Wahl den Karren durch den Sparsumpf lenken! Das wirkt wie eine Provokation: Erst hat Berlins CDU Schwesternmord an Sarah Wedl-Wilson begangen, nun steht die Regierung nackt da. In einem Brief an den Regierenden erkläre ich Kai Wegner, warum er die Wahl auch deshalb verlieren könnte, weil es das kulturelle Herz Berlins nie verstanden hat.      

BackstageClassical auf dem Orchestertag

BackstageClassical ist kommendes Wochenende als Medienpartner beim Orchestertag in Berlin. Gemeinsam mit Hannah Schmidt werden wir zwei Live-Podcasts mit Publikum aufnehmen: Eine Debatte über die aktuelle Situation der deutschen Orchester und eine reguläre Folge unseres Plauder-Podcasts Takt&taktlos. Ich würde mich freuen, wenn wir uns sehen! Hier die aktuellen Podcast-Folgen von BackstageClassical.  

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Schöne bunte Opernwelt!

Nachdem wir schon im ersten Teil unseres Spielplanchecks  festgestellt haben, wie vielfältig die Herangehensweise an die Kunstform Oper zwischen Hamburg, Dresden, Stuttgart und München geworden ist (und ich das auch mit Hannah Schmidt in der aktuellen Version unseres Podcasts besprochen habe), haben wir nun auch im zweiten Teil unseres Saison-Checks viele spannende Produktionen entdeckt. Besonders an den etwas kleinere Häusern gibt es keine eindeutigen Trends mehr. Wir schauen uns die Programme in Mainz, Leipzig, Dortmund, Köln, Kassel und Weimar an. Spannend, wie unterschiedlich die Herangehensweise an das Genre Oper geworden ist: Während Kassel mit Raumbühne und Kompositionsaufträgen versucht, die Klangzone der Oper radikal zu erweitern, setzt das neu eröffnete Opernhaus in Köln eher darauf, endlich wieder klassische Oper zu machen. Diese Woche folgt der dritte und letzte Teil unseres Spielplanchecks.

Salzburg schreibt aus

Während Salzburgs Übergangs-Intendantin Karin Bergmann noch ein wenig zwischen Vergangenheit und Zukunft pendelt, schreibt das Kuratorium der Festspiele die Intendanz und die Präsidentschaft neu aus. Bewerbungen sind bis 5. Juni möglich. Für die Intendanz wird eine »herausragende Persönlichkeit mit internationaler Reputation« gesucht, die Erfolge mit innovativen Programmen und Formaten hat. Zu den Aufgaben zählt unter anderem auch eine »vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Direktoriums, dem Kuratorium sowie öffentlichen und privaten Partnern«. Die Liste möglicher Kandidaten ist lang. Das Auswahlverfahren wird von Ex-Bundestheater-Geschäftsführer Christian Kircher geleitet, dem selber Ambitionen auf die Präsidentschaft nachgesagt werden. Aber auch Amtsinhaberin Kristina Hammer hat bekannt gegeben, sich erneut zu bewerben. Was irgendwie fehlt in den Ausschreibungen: Eine konzeptionelle Überlegung über die zukünftige Struktur der Festspiele. Oder soll wirklich alles beim Alten bleiben?  

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Personalien der Woche

Es ist schon ein wenig merkwürdig: Auf der einen Seite kündigt Leipzig mit Tamtam seinen neuen Intendanten Peter Heilker an und unterzeichnet seinen Vertrag. Auf der anderen Seite wundert sich die Presse vor Ort, dass der Neue nicht bereit für Interviews ist. Klar: Vom Programm kann noch keine Rede sein, aber ein Gespräch über das Ankommen? Kein gutes Zeichen in Sachen Publikumsnähe! +++ Nach ihrer Entlassung am Teatro La Fenice hat die Dirigentin Beatrice Venezi schwere Vorwürfe erhoben. In einem Interview mit dem Corriere della Sera sprach sie davon, zu »Kanonenfutter« gemacht worden zu sein und beklagte mangelnde Unterstützung aus der Politik. +++ Leon Botstein hat in einer unauffällig platzierten Mitteilung seinen Rücktritt als Präsident des Bard College nach über 50 Jahren angekündigt. Der 79‑Jährige, zugleich Dirigent des American Symphony Orchestra, bestritt stets eine enge Beziehung zu dem verurteilten Pädophilen Jeffrey Epstein und erklärte, es sei ihm lediglich um Spenden gegangen. Eine unabhängige Untersuchung kam jedoch zu dem Schluss, dass Botstein Warnungen von Fakultätsmitgliedern ignoriert habe. +++ Das Landesgericht Linz hat in einem nicht rechtskräftigen Teilurteil die Forderung des entlassenen LIVA‑Geschäftsführers Dietmar Kerschbaum auf Kündigungsentschädigung von über einer Million Euro abgewiesen. Mehr hier. +++  Der Dirigent, Musikwissenschaftler und Autor Peter Gülke ist tot. Mit ihm verliert die Musikwelt einen ebenso kenntnisreichen wie reflektierten Künstler, der Interpretation und Analyse auf besondere Weise verband. Bei uns ruft ihm Werner Dabringhaus mit einer Anekdote nach.  

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Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier: Ich habe bekanntlich ein großes Faible für die Eutiner Festspiele. Nun sind sie vorerst gerettet: Das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) übernimmt den Spielbetrieb auf der Seebühne am Großen Eutiner See. Bereits diesen Sommer soll hier Programm angeboten werden, ab 2027 sind dann jährlich 34 Veranstaltungen vorgesehen, darunter auch eine szenische Produktion. Ich hoffe sehr, dass es auch bei der Mitwirkung und dem leidenschaftlichen Engagement der Menschen vor Ort bleibt – denn die hat dieses Festival immer ausgemacht!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

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Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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