Lange warst Du der Stolz der bürgerlichen US-Kultur. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert haben Dich die reichsten Familien Deines Landes finanziert: die Astors, die Vanderbilts oder die Morgans. Später haben die großen Kulturstiftungen der amerikanischen Industriekonzerne übernommen: Ford, Rockefeller, Texaco oder Exxon. Heute beherrschen Tesla, Google, apple und amazon die Märkte. Sie haben kein Interesse mehr an der Oper. Liebe Met, Du bist ganz schön am Ende!
In der aktuellen Zeitenwende ist Dein Intendant, Peter Gelb, sogar bereit, dreckiges Geld von den Saudis anzunehmen – aber selbst dieser Millionen-Deal ist geplatzt. Der Golf hat gerade andere Sorgen als die sieben Schleier der Salome!
15 Millionen Dollar musst Du in diesem Jahr noch einsparen, 25 Millionen im nächsten. Schon jetzt sind die Einschnitte brutal: 22 administrative Stellen wurden gestrichen, die Spitzengehälter (über 150.000 Dollar) um bis zu 15 Prozent gekürzt. Außerdem wurde der Spielplan von 25 auf 17 Produktionen geschrumpft.
Peter Gelb gehen die Ideen aus
Das größte Problem ist Peter Gelb, der einfach keine Antwort auf die Krise findet. Er selber kassiert 1,4 Millionen (sein Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin über zwei Millionen). Nun will er das Tafelsilber verscherbeln.
Gelb überlegt, die Namensrechte seiner Oper zu verkaufen. Eine »Elon Musk-Metropolitan Opera« – really? Außerdem will er das 55 Millionen Chagall-Wandgemälde verhökern. Eher unattraktiv für potenzielle Interessenten: Es soll bitteschön an Ort und Stelle hängenbleiben und nur mit einer Plakette der neuen Besitzer geschmückt werden. Ach ja, und dann könnte die Oper noch vermietet werden: Mehr Pop- und Musical-Veranstaltungen statt Verdi und Puccini.
Peter Gelb operiert längst einer realitätsfernen Opern-Märchenwelt. Inzwischen erklärt er in Interviews gern, dass man doch einfach nur einen Multimilliardär finden müsse, der gar nicht bemerkt wenn ihm eine Milliarde fehle. Dann – so Gelb – könnte die Met allein durch Zinsen und Ticketverkauf über die Runden kommen.
Es fällt kein Geld vom Himmel
Tatsächlich hat Gelb bereits vor einem Jahr im BackstageClassical-Podcast erklärt, dass US-Milliardäre heute schon lange nicht mehr in Kultur investieren, sondern sich eher für Impfstoffe in Afrika oder Friedensaktivitäten in der Ukraine engagieren. Wenn überhaupt! Die meisten sitzen lieber bei Präsident Donald Trump am Tisch und hoffen ihre Gewinne durch Schleimspuren zu maximieren. Die modernen USA haben auf so vielen Ebenen ihre Kultur verloren.
Und das zeigt Dein eigentliches Problem, liebe Metropolitan Opera: Dir fehlt es an Relevanz in stürmischen Zeiten. An gesellschaftlicher Bedeutung. Am Gefühl, notwendig zu sein.
Klar, Gelb hat Dir einige künstlerische Impulse gegeben und die Klangzone der Oper erweitert: Uraufführungen mit modernen Themen wie der Todesstrafe und Waffengesetzen waren durchaus erfolgreich. Und auch der letzte Tristan war ausverkauft!
Aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Geschäft mit der Oper nicht mehr funktioniert: Ihr fehlen in den USA die reichen Familien, die kulturinteressierten Unternehmen – oder, und das ist noch schlimmer, das grundsätzlich musikalisch gebildete und an Tiefe interessierte Publikum.
In Europa – und besonders in Deutschland – entscheiden wir alle regelmäßig darüber, wie viel Oper wir uns noch leisten wollen. Wir bezahlen sie an fast 90 Orten Jahr für Jahr – auch jene Menschen, die sie nie besuchen. Und wir sehen, dass das auch hierzulande keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
Liebe Metropolitan Opera, ich sehe Dich und bekomme Angst. Und ich weiß, dass Angst keine Lösung ist.

