Medien-Chialo vs. Malocher-Brosda

Februar 13, 2025
3 mins read

Joe Chialo steht Mal wieder im Rampenlicht – aber es geht nicht um seine Kulturpolitik. Warum es besser für die Bundeskultur wäre, wenn ein Hamburger ins Kanzleramt ziehen würde. Ein Kommentar.

English summary: Joe Chialo gets media attention, but not for culture policy. While he cuts funding, Hamburg’s Carsten Brosda strengthens the arts. Chialo’s image game hides leadership issues. Berlin might be glad if he moves on.

Nein, es war nicht klug, wahrscheinlich war es sogar dumm und im Kern vielleicht auch rassistisch, wenn Bundeskanzler Olaf Schlolz Berlins Kultursenator Joe Chilalo einen »Hofnarren« genannt hat. So berichtet es jedenfalls der Focus. Scholz widerspricht. Aber Egal, ob er den Alibi-»Liberalen« in der CDU meinte, oder ob die Anspielung auf seine Herkunft und Hautfarbe abzielte – Schlolz hätte sich die Beleidigung so oder so sparen können.

An dieser Stelle soll es jetzt aber um ein anderes Joe Chialo-Phänomen gehen. Darum, wie er es schafft, dass Medien sein Versagen als Kulturpolitiker so oft umschiffen und stattdessen lieber andere Hochglanz-Geschichten, Skandal-Geschichten oder Boulevard-Geschichten über ihn verfassen.

Auch die »Hofnarren«-Story ist sicherlich bewusst aufgeblasen und ein wenig skandalisiert durch den Focus, der diese Meldung als erster in die Welt brachte. Chialo ist Liebling konservativer und libertärer Journalisten wie Ulf Poschardt. Der Mann von der Welt nennt den Kultursenator in seiner aktuellen Verteidigung gar: »Mein Freund, der CDU-Politiker Joe Chialo«.  Der Spiegel brachte erst kürzlich ein großes Chialo-Interview, in dem es weniger um seine Berliner Kulturpolitik ging als um genau jene Frage, die wohl auch Scholz umgetrieben hat: Wie positioniert sich Chialo mit seiner persönlichen Geschichte zur AfD-Kooperation der Merz-CDU?

Michel Friedman über Joe Chialo

Was die Kulturpolitik betrifft, ließ der Spiegel Chialo weitgehend unwidersprochen Dinge wie diese sagen: »Wir haben frühzeitig informiert und deutlich gemacht, dass herausfordernde Zeiten kommen. Aber man war in der Kultur durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre sehr daran gewöhnt, Krisen durch zusätzliche Mittel zu überbrücken, ohne langfristige strukturelle Änderungen anzustreben. Das hat wohl dafür gesorgt, dass die Dringlichkeit sich versendet hat.« Dieses Zitat ist ein typischer Chialo: Es wird schwer sein, in Berlin nur einen verantwortlichen Kulturschaffenden zu finden, der vom Kultursenator »frühzeitig« informiert wurde. Und, ja, für strukturelle Änderungen plädieren Beobachter in Berlin schon lange – aber Chialos Sparmaßnahmen sind alles andere als strukturell! Sie sind ein irrationaler, willkürlicher Kultur-Kahlschlag.  

Den Vogel im gigantischen Chialo Ablenkungsmanöver hat allerdings die Süddeutsche Zeitung abgeschossen. Sie redet mit dem Kultursenator über: Mode! Das SZ Magazin zitiert den  Kultursenator mit Mütze, Umhängetasche und Victory-Zeichen so: »Sexy ist nicht die Kleidung an sich, sondern das Selbstbewusstsein, sich mehr zu trauen als die Allgemeinheit. So verstehe ich auch Politik: Für seine Ideen zu kämpfen, dem Gegenwind standzuhalten, ist sexy!« 

Man kann sich leicht ausmalen, was sich die Intendanzen der Komischen Oper, der Berliner Philharmoniker, der Deutschen Oper oder der freien Szene bei derartigen Sätzen denken. Oder die ehemaligen Mitarbeiter, die mitbekommen haben, wie der Senator sein Team führt. Man muss sich nur einmal die Fluktuation in seinem Stab anschauen und wie er seine eigene Staatssekretärin Sarah Wedl-Wilson kaltgestellt hat. Aber all das scheint kein größeres Medienthema zu sein.

Es ist schon interessant, wie Joe Chailo es im wahrsten Sinne schafft, sich als »sexy« mover und shaker zu inszenieren, und wie ihm Journalisten dabei Schützenhilfe geben. Kulturschaffende schauen derweil lieber nach Hamburg, wo Kultursenator Carsten Brosada tut, was ein Kulturpolitiker eigentlich so tun sollte: Er macht Kulturpolitik! Ein Arbeiter im Weinberg der schönen Künste.

Der Vorsitzende des Deutsche Bühnenvereins kennt die tiefen und verschlungenen Abgründe des Tarifrechtes in den Theaterverträgen, weiß um die Regeln für Zuschüsse, kennt die Bedürfnisse von Künstlerinnen und Künstlern und ist sich auch nicht zu schade, sich gegen (berechtigte) Kritik ein Opernhaus von einem Multimilliardär schenken zu lassen. Während Chialo von privaten Kulturengagement quatscht und Zuschüsse streicht, erhöht Brosda seinen Kulturetat und schleppt die Sponsoren gleich selber an.

Carsten Brosda im Podcast

Kulturschaffenden in Berlin wird schwindelig, wenn sie daran denken, dass Joe Chialo unter einer Merz-Regierung in die Bundeskultur abwandern könnte. Und genau daran scheint er mit seiner Presse-Offensive derzeit zu arbeiten. Auf der anderen Seite würden viele in Berlin auch jubeln, denn dann würde Chialos Staatssekretärin Sarah Wedl-Wilson vielleicht wieder Sachverstand walten lassen.   

Carsten Brosda sprach bereits beim Neujahrsempfang in Blankenese vom »Hofnarren« – meinte damit aber die Rolle aller Kultursenatoren. Hie gehts zur ganzen Rede.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Bogdan Roščić Porträt

Lieber Bogdan Roščić,

Bogdan Roščić will sich über Milo Rau lustig machen und mach sich durch seine verquaste Spracharroganz dabei selber lächerlich. Ein Brief an den Wiener Staatsoperndirektor.

Leo Hussain wird neuer Chef in München

Das Münchner Rundfunkorchester hat Leo Hussain zu seinem neuen Chefdirigenten berufen. Der 47-jährige Brite folgt auf einen Posten, der für ihn die erste Leitungsfunktion in einer Großstadt ist.

#moderndenken, #rechtsdenken #dummdenken

Die AfD macht Kultur zum ideologischen Kern: als national definierte „Leitkultur“, die Identität, Politik und Zugehörigkeit bestimmt. Sie fordert mehr »deutsches« Erbe, Kürzungen für Theater und den Kampf gegen »Systemkultur«. Nirgends wird

Lieber Jackie Chan,

Der chinesische Schauspieler Jackie Chan hat die Oper »Turandot« inszeniert. In Italien steht dafür ein westliches Ensemble auf der Bühne. In China wurde die Auführung dagegen von Valery Gergiev dirigiert. 

Wie geht es weiter in Salzburg? 

Am Freitag endet die Bewerbungsfrist für die Intendanz der Salzburger Festspiele. Wie geht es dann weiter? Wichtig sind weniger die Namen als das Konzept, das Kuratorium und Findungskommission verfolgen.

Evan Rogister für Düsseldorf

Die Deutsche Oper am Rhein hat den deutsch-amerikanischen Dirigenten Evan Rogister (46) zum neuen Generalmusikdirektor berufen. Wie das Opernhaus mitteilte, tritt Rogister sein Amt zur Spielzeit 2027/28 an. Die Vertragslaufzeit beträgt fünf
Milo Rau in Sturmmaske bei der Pressekonferenz der Wiener Festwochen

Absagen mit Ansagen

Der BackstageClassical Newsletter: Heue mit zwei vorhersehbaren Absagen, mit einem verklemmten SWR, einem offenherzigen Hans Werner Henze und bedrohlichen, kulturpolitischen Szenarien.

Lieber Peter Thiel,

Milo Rau hat Peter Thiel von den Festwochen ausgeladen. Persönlich würde der Intendant am undemokratischen Tech-Milliardär festhalten, beugt sich aber dem Druck anderer Künstlerinnen und Künstler.

Bayreuth wartet weiter auf Geschäftsführer

Unklare Zuständigkeiten und offene Governance-Fragen verzögern die Berufung von Matthias Rädel als General Manager in Bayreuth. Verträge sind erst nach finaler Organisationsreform möglich; Streitpunkt bleibt die Machtverteilung zwischen künstlerischer Leitung und Geschäftsführung.

Verpassen Sie nicht ...