Lieber Kai Wegner,

April 30, 2026
1 min read
Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner

Sie regieren eine Stadt, deren Herz Sie nicht verstehen! 

Sie regieren Berlin: Eine Metropole mit Opernhäusern, Orchestern und unendlich vielen freien und kreativen Gruppen.  

Für Sie ist Kultur ein Ressort. Und Kulturschaffende sprechen nicht ihre Sprache. Sie sprechen Herzensdeutsch und Leidenschafts-Dialekt. Das ist Kauderwelsch für Unternehmensberater wie Sie. 

Für Sie ist Politik eiskalte Macht-Mathematik: Kontrollieren und Rationalisieren.  Dabei haben große Gefühle und überbordende Kreativität in Berlin einst die Wende gewuppt und der bankrotten Stadt ihren Sexappeal erhalten. 

Jetzt regieren Ihre grauen Männer in blauen Anzügen mit Rasenmäher-Kürzungen und Vetternwirtschaft.

Joe Chialo sollte für Sie die Kultur stutzen. Am Ende wurde er rasiert, weil er die Emotionalität der Kulturschaffenden unterschätzt hat. Dann haben Sie Sarah Wedl-Wilson in die Schlacht geschickt, und ihre Partei hat hinter ihrem Rücken Schwesternmord begangen. 

Jetzt soll also ausgerechnet Ihr Finanzsenator Stefan Evers die Kultur übernehmen. Der Mann, der den Kulturhaushalt schon lange abholzen wollte. Der natürliche Feind von Chialo und Wedl-Wilson. 

Lieber Kai Wegner, wer in Krisenzeiten Tennis spielt und selten ins Theater geht, kennt weder Shakespeares Königsdramen noch Verdis Opern oder Wagners in Verträgen verstrickten Weltengott Wotan. Spoiler: Für die machtbesoffenen Herrscher geht es meist nicht gut aus. 

Lieber Kai Wegner, wenn Sie die kommende Wahl verlieren, könnte es daran gelegen haben, dass Sie Berlins Kultur-Herz nie verstanden haben.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.

Verpassen Sie nicht ...