
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute gibt es viele gute Nachrichten: Von neuen Programmen, neuen Museen, neuen Büchern, Neuer Musik – bis zum glücklichen Überleben einer Geige.
So bunt wird die nächste Saison
So viele Gesichter wie in dieser Saison hatte die Oper selten! Unsere Bühnen suchen nach ganz unterschiedlichen, neuen Ästhetiken: Zurück zum Mythos, hin zum Kitsch, die Suche nach Tiefe und Liebe unter der blinkenden Oberfläche – oder die Renaissance des klassischen Erzählens! Die spannende Suche spiegelt sich auch in den Programmen und in den Looks der nächsten Spielzeit: Comic-Sprache, Neue Sachlichkeit, virtuelle Ästhetik, klassischer Humor oder doch lieber schillernder Pop? Lesen Sie den ersten Teil unseres großen Spielplan-Checks. Wer sind die Gewinner und Verlierer? Welche Künstlerinnen und Künstler sind überall zu hören – und wer hat die besten Trouvaillen?

Die letzte Experimentiermaschine unserer Gesellschaft
Oper – und die Klassik allgemein – scheinen sich gerade (mal wieder) neu zu erfinden! Klar, es gibt überall massive Einsparungen, viele Häuser müssen sich gesund sparen – aber es gibt kaum einen anderen Ort in unserer Gesellschaft, an dem so viel und leidenschaftlich probiert, experimentiert und versucht wird wie in der Oper. Ich bin als Journalist in den letzten Monaten mehrere Male über die Grenzen getanzt und habe den Betrieb aus anderer Perspektive kennenlernen – als Regisseur, als Autor und als Mitwirkender. In einem ausführlichen Essay berichte ich, was ich bei diesen Exkursen für das Schreiben gelernt habe, wie es ist, selber kritisiert zu werden – aber vor allen Dingen, wie offen der Geist an deutschen Häusern ist: »Ich habe das Theater – anders als den Film mit seinen übervorsichtigen Senderedakteuren – als Ort kennengelernt, in dem das ‚Nein‘ nie am Anfang steht, sondern höchstens am Ende aller Versuche, eine Idee zu verwirklichen.« Lesen Sie den gesamten »Grenzgang eines Kritikers« hier.
Ermittlungen in San Carlo
Auf die Ermittlungen am Theater in San Carlo bin ich erst aufmerksam geworden, als Jonas Kaufmann bei Instagram gepostet hat, dass bei ihm alles ordnungsgemäß abgelaufen sei. »Ich kann nur sagen, dass ich erfüllt habe, was vertraglich vereinbart war«, ließ er in den sozialen Medien wissen. Die italienische Polizei hatte zuvor Razzien im Rahmen von Ermittlungen abgehalten. Es ging dabei offenbar um fingierte Lehraufträge und Meisterklassen, heißt es in der Zeitung Il Mattino. Kontrolliert würden nach Angaben italienischer Behörden Verträge, die den ehemaligen Intendanten Stéphane Lissner beträfen, aber auch Jonas Kaufmann, Regisseur Krzysztof Warlikowski oder die Sängerin Asmik Grigorian. Außerdem würden unklare Zahlungen zwischen der früheren Generaldirektorin und ihrem Sohn untersucht. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Die ganze Geschichte hier.

Der Staat zahlt drauf. Gut so!
Dieses Mal war es das Berliner Boulevard-Blatt BZ, das die Kostenrechnung aufgemacht hat: Während man in der Hauptstadt durchschnittlich 62,20 Euro für ein Opernticket hinblättert, zahlt der Staat für jedes verkaufte Ticket 251,60 Euro drauf! Das ist Deutschland-Rekord. Und, klar: Es weckt Neid. Aber kommt die Klassik durch derartige Rechnungen in die Defensive? Nein, finde ich. Jedenfalls nicht, wenn wir begreifen, dass Oper eben nicht nur von jenen gezahlt wird, die sie besuchen, sondern auch von jenen (vielen Menschen!), die nur selten oder nie hingehen. Nein, es muss nicht jeder Mensch in die Oper gehen! Das war nie so, das wird niemals so sein! Aber der Oper sollte bewusst sein, dass sie ihre Existenz allen Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern verdankt. Klar, dass diese auch mitkriegen müssen, wofür hier ihr Geld ausgegeben wird. Hier meine Gedanken dazu.
Existenzangst in Chemnitz
Und weil wir gerade darüber reden: Ich habe das Theater Chemnitz in Zeiten der Kulturhauptstadt kennengelernt, als hier der Europäische Kulturpreis verliehen wurde. Den Generalintendanten Christoph Dittrich, seine vielen Mitarbeiter – ein Haus, das auf allen Ebenen einlöst, was Stadttheater tun sollten: Hier werden keine Dogmen inszeniert, sondern sowohl Unterhaltung geboten als auch Räume zum Nachdenken geöffnet. Nun überlegt die Stadt, alle Sparten im Opernhaus zu bündeln. Das hätte dramatische Konsequenzen! Das künstlerische Angebot würde halbiert werden. Betroffen wären neben Oper, Operette, Musical, Ballett und Schauspiel auch das Figurentheater und die Robert-Schumann-Philharmonie. Liebe Leute in Chemnitz, gerade habt Ihr Euren kulturellen Geist in die Welt getragen – habt Ihr nicht gemerkt, wie viel dafür zurückkam?
Warten in Bayreuth
Eigentlich sind es ja die Bayreuther Festspiele, die pünktlich vor dem Sommer die Schlagzeilen dominieren: Führerwein von Schlingensief, Hakenkreuz-Tattoos oder sonstige Aufreger – was es nicht schon alles gab! Diesen Frühling haben die Salzburger Festspiele Katharina Wagner in Sachen Medien-Spektakel den Rang abgelaufen. Aber Bayreuth holt wieder auf: Der Amtsantritt des neuen Generalmanagers, Matthias Rädel, verzögert sich weiterhin. Man befinde sich in der Endabstimmung des Vertrages, hieß es aus der Verwaltung in München. Kunstminister Markus Blume will erst einmal alle Kraft für das 150. Jubiläum bündeln, »parallel klären wir mit Hochdruck die offenen Governance-Fragen.« Tatsächlich haben die Festspiele eine grundlegend neue-Förderstruktur nötig, denn schon vor einigen Monaten befürchtete Katharina Wagner bei BackstageClassical, dass die Festspiele 2028 zahlungsunfähig sein könnten, wenn sich die Träger – besonders der Bund – nicht entschließen, die steigenden Kosten (etwa durch Tarife) abzusichern.
Erlösung in Venedig

Immerhin: die Wagnerianer in Venedig können aufatmen. In der Sterbestadt des Komponisten wird das Museum im Palazzo Vendramin nun offiziell in die öffentliche Museumsstruktur der Stadt aufgenommen. Bislang waren die Wagner-Räume im Palazzo privat organisiert, ihre Zukunft galt als unsicher. Mit der nun gefundenen Lösung gehen sie in eine stabile institutionelle Trägerschaft über.
Und noch mal Wagner!
Der Dramaturg und BackstageClassical-Autor Stephan Knies hat ein neues Buch herausgegeben. Seinen ersten Bayreuth-Besuch unternahm er als Stipendiat und lernte Wagner-Erklärer Stefan Mickisch kennen. Zuletzt traf er ihn im Februar 2021 in seinem Haus in Schwandorf, um ein Interview für die Opernwelt zu führen. Knies hatte keine Ahnung, dass er wenige Tage später statt eines Artikels einen Nachruf schreiben musste. Nun hat er Mickischs Ring-Erklärungen in einem wunderschön illustrierten Buch herausgegeben. Wir haben es vorabgedruckt.
Markus, Wolfram und der Rest der Welt
In der aktuellen Folge des BackstageClassical-Podcasts Takt&taktlos spreche ich diese Woche gemeinsam mit Hannah Schmidt über die aktuellen Themen der Klassik: Müssen wir auf die Kritik des Boulevards reagieren, dass Opernkarten mit über 250 Euro von Steuern finananziert werden? Wie sieht die Zukunft der Salzburger Festspiele aus? Und ist Wolfram Weimer dabei, unsere Demokratie über die Flanke der Kultur zu unterwandern? Schließlich reden wir über die neuen Spielpläne und was ihr Look über den Zustand der Oper aussagt. Spoiler: Hannah favorisiert Mainz! Ich eher die Semperoper von Nora Schmid.
Personalien der Woche
Kein Witz: Kung-Fu-Legende Jackie Chan soll in Italien Puccinis Oper Turandot inszenieren. Mit dabei: Pretty Yende und Roberto Alagna. Da ist mein Kopfkino sofort angesprungen – ich habe dem »Herzensbrecher« einen Brief geschrieben. +++ Er prägte das Berliner Musikleben über Jahrzehnte: Witiko Adler, ehemaliger Leiter der traditionsreichen Konzertdirektion Hans Adler und einer der letzten großen Konzertveranstalter, ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Wir haben ihm ausführlich nachgerufen.

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Ehrlich gesagt: Dieses Mal war doch schon sehr viel Positives und Anregendes dabei. Aber es gibt noch mehr! Zwei gute Meldungen habe ich noch. Sie haben diese Woche sicherlich auch das spektakuläre Video gesehen, in dem der Dirigent Matthew Halls der Geigerin Elina Vähälä beim Bruch-Violinkonzert aus Versehen das Instrument aus der Hand schlägt? Inzwischen gibt es Entwarnung: der Geige geht es gut!
Und dann war ich diese Woche selber noch musikalisch aktiv: Der Musikverein Wien hat Mauricio Kagels Eine Brise aufgeführt (Leitung: Marino Formenti): 111 freiwillige, fahrradfahrende Menschen (einer war ich!) umkreisten das Haus und haben dabei geklingelt, gesungen, gezischt und gepfiffen. Neue Musik: Eine ernste Angelegenheit – mit allerhand Spaß-Potenzial.
In diesem Sinne: Halten Sie die Lippen spitz!
Ihr
Axel Brüggemann

