Mickischs Leitmotiv-Erbe in Buchform

April 13, 2026
2 mins read
»Ring«-Illustration von Oliver Bieber

Bei seinem ersten Bayreuth-Besuch traf Stephan Knies den Wagner-Experten Stefan Mickisch. Aus seiner Leidenschaft für Wagners Leitmotive entstand nun ein Buchprojekt, das seine einzigartige Analyse des »Rings« fortführt und erstmals in Buchform zugänglich macht.

Meinen ersten Bayreuth-Besuch bekam ich geschenkt: als Orchestervorstand des Hochschulorchesters in Würzburg erhielt ich ein Stipendium des Richard-Wagner-Verbandes Unterfranken und seiner legendären Vorsitzenden Margot Müller – Karten für den Flimm-Ring. Am Grünen Hügel angekommen, erfuhr ich sofort auch von Stefan Mickisch und seinen stets ausverkauften Einführungen am Klavier; Stipendiaten durften immer rein, auch wenn wir ja angehalten waren, doch bitte die offiziellen Einführungen der Festspiele zu besuchen. 

Ich gehörte sofort zu den Vielen, die Mickischs Gesprächskonzerte ebenso packend fanden wie die abendlichen Aufführungen. Über die Jahre folgten weitere Begegnungen, natürlich bald auch solche, für die er halt auch berüchtigt war, mit Anreden und Auffassungen, die nicht jeder aushalten mag. Ich hatte aber etwas erfahren über seine Diagnosen und Medikationen und habe den Kontakt gehalten. 

Der Mann der Leitmotive

Zuletzt war ich im Februar 2021 in seinem Haus in Schwandorf, um ein Interview für das Magazin Opernwelt zu führen. Wir redeten bis tief in die Nacht, ich hatte keine Ahnung, dass ich wenige Tage später stattdessen einen Nachruf schreiben müssen würde.

Der Gipfel von Mickischs gewaltigem Lebenswerk ist zweifellos die Neufassung aller Leitmotive im Ring des Nibelungen, die »größte jemals unternommene« Anstrengung dieser Art, wie er so stolz wie richtig erklärte. Stefan Mickisch hat hier einen neuen Maßstab gesetzt. Was das Schwert-Motiv ist und dass Siegfrieds Hornruf in verschiedenen Versionen erklingt, kann jeder schnell rausfinden, wenn es ihn oder sie interessiert. Mickisch aber hat das in einer Tiefe erfasst, die ihm keiner nachmacht. 

Mein Lieblingsbeispiel: Wie Wagner das Verwandlungsmotiv selbst verwandelt! Im Rheingold hören wir es, wenn Alberich sich damit zu einer Riesenschlange macht, in der doppelten Basstuba. Nur vier Noten. Dieselben vier Noten hören wir dann bei Brünnhildes Erwachen im dritten Aufzug des Siegfried (und dann nochmal genauso als Eröffnungstakte der Götterdämmerung): Jetzt sind diese vier Noten ins Riesenhafte vergrößert, in höchsten Höhen, statt einem Takt sind es nun sechzehn, Harfenarpeggien inklusive, „sehr langsam“ steht in der Partitur. Wie soll das bitte zusammen gehen? Die schwarze Magie des Nibelungenzwerges ist, erklärt uns Mickisch, zur weißen Magie des Alls geworden, Verwandlung aber findet nunmal hier wie dort statt. Und Verbindungen dieser Art hat er ziemlich viele entdeckt. 

Der Ring des Nibelungen wird landauf, landab gespielt. Eine Beschreibung der musikalischen DNA des größten Opernwerkes überhaupt, ein ausführlicher Leitmotivführer also, ist aber derzeit nicht erhältlich. Stefan hätte in breitem Oberpfälzer Dialekt gesagt: „Und wenn man dann einen rausbringt, dann doch gerne den besten“ – seinen. Diese aktuell nur auf CD nachhörbare unfassbare Arbeit, die akribisches Quellenstudium genauso umfasste wie die für ihn so typische launige und unterhaltsame Präsentation, habe ich nun in Buchform fassen dürfen, bisweilen ergänzt durch meinen Blickwinkel des Dramaturgen und Orchestermusikers.

Teil des Buches ist die Einbindung von originalen Mickisch-Audios, hier auf BackstageClassical exklusiv einer davon vorab: 

Über die Figuren im Rheingold

Mit Oliver Bieber habe ich einen unglaublichen Illustrator gefunden, der für jedes (!) der 261 Leitmotive ein kleines visuelles Kunstwerk geschaffen hat – pünktlich zum 150. Geburtstag der Bayreuther Festspiele, die ja auch der 150. Jahrestag der Ring-Uraufführung sind. Olli, ich kann dir gar nicht genug danken! 

Das Rheingold kommt als erster der vier Bände nächste Woche offiziell heraus, vorab – und nur noch bis Freitag vergünstigt – ist die hochwertige Hardcoverversion auf der Mickisch-Webseite zu bekommen

Stefan Mickisch/Stephan Knies (Herausgeber):
Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen: alle 261 Leitmotive
Band 1: Das Rheingold (Motive 1-75)
Illustrationen von Oliver Bieber
ISBN 978-3-00-086063-8 (Hardcover) 

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Stephan Knies

Stephan Knies ist Dramaturg, Musiker, Librettist und Autor und schnell begeistert von gutem Theater-Handwerk, frischen Ideen und ungewöhnlichen Formaten. Seine Opern-Moderationen, beispielsweise für sein Ensemble »D´Accord« und dessen Wagner-Paraphrasen im Haus Wahnfried in Bayreuth oder in der Hamburger Elbphilharmonie, stoßen beim Publikum auf relativ wenig Ablehnung. Ein Schwerpunkt seiner Reisetätigkeit für Magazine wie die »Opernwelt« ist Nordeuropa – von Riga bis Reykjavik.

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