Opernarien zwischen Schweiß und Blut: Der amerikanische Sänger Tobias Greenhalgh begeistert als Ringsprecher die MMA-Fans. Er singt Puccini, Verdi und Orff. Im Podcast »Guten Morgen« von BackstageClassical erzählt er von seiner Doppelkarriere, seiner Mission für die Oper und seinem Wechsel vom Bariton zum Heldentenor.
Wenn Tobias Greenhalgh die Stimme erhebt, kann es schon einmal sein, dass kurz zuvor jemand einen Faustschlag ins Gesicht bekommen hat. Der amerikanische Opernsänger arbeitet nicht nur auf großen Musiktheaterbühnen, sondern auch als Ringsprecher bei internationalen Boxveranstaltungen und Mixed-Martial-Arts-Kämpfen (MMA). Dort kündigt er Kämpfer an, verkündet Ergebnisse und singt zwischendurch Opernarien. Puccini zwischen Blut und Schweiß, Verdi vor Tausenden Kampfsportfans.
Im Podcast »Guten Morgen« von BackstageClassical spricht der Sänger mit Moderator Axel Brüggemann über seine ungewöhnliche Doppelkarriere. Greenhalgh sieht im Kampfsport nicht nur eine zusätzliche Einnahmequelle, sondern eine Möglichkeit, klassische Musik zu Menschen zu bringen, die vermutlich noch nie ein Opernhaus betreten haben.
Von der Juilliard School in den Boxring
Eigentlich begann seine Karriere ganz klassisch. Greenhalgh studierte an der renommierten Juilliard School in New York. Es folgten Engagements unter anderem im Jungen Ensemble der Wiener Staatsoper und am Aalto-Theater in Essen. Er sang Rollen wie Papageno in Mozarts »Zauberflöte« oder die Titelpartie in »Don Giovanni«.
Seine Begeisterung für Kampfsport entwickelte sich zunächst unabhängig von der Musik. Nach einer bedrohlichen Situation auf den Straßen von New York wollte Greenhalgh lernen, sich selbst zu verteidigen. Später begann er in Wien mit Aikido. Das Training half ihm, seine Nervosität zu kontrollieren, die Körperhaltung zu verbessern und sich auf Bühnenauftritte vorzubereiten.

Die entscheidende Idee für seine zweite Karriere kam ihm während eines Opernengagements in Las Vegas. Auf dem Weg zur Arbeit fuhr er regelmäßig am Trainingszentrum der Ultimate Fighting Championship (UFC) vorbei. Greenhalgh erkannte Parallelen zum Musiktheater: Auch im Kampfsport gibt es Helden und Außenseiter, dramatische Auftritte, aufwendige Kostüme und große Emotionen. Eine zentrale Rolle spielt der Ringsprecher, der das Publikum auf den bevorstehenden Kampf einstimmt.
Zurück in Deutschland trainierte Greenhalgh im Essener Boxstudio Brooklyn’s Finest. Als der Betreiber für eine Veranstaltung kurzfristig einen Ringsprecher benötigte, fragte er den Sänger, ob er einspringen könne. Greenhalgh sagte zu. Sein erster Auftritt wurde zum Erfolg. Aus dem spontanen Einsatz entwickelte sich eine zweite Karriere.
Shakespeare im MMA-Käfig
Inzwischen moderiert Greenhalgh internationale Kampfsportveranstaltungen, häufig auf Deutsch und Englisch. Er schreibt seine Ansagen selbst, stellt die Kämpfer vor, begleitet die einzelnen Runden und verkündet die Entscheidungen der Kampfrichter. Dabei muss er sich gegen den Lärm einer Arena durchsetzen.
Im Podcast ziehen Greenhalgh und Brüggemann einen bemerkenswerten Vergleich: Die Atmosphäre bei Kampfsportveranstaltungen erinnert sie an das Theater zu Shakespeares Zeiten. Das Publikum sitzt nicht still auf seinen Plätzen. Menschen essen, trinken, unterhalten sich. Die Aufmerksamkeit muss immer wieder neu gewonnen werden.
Dafür nutzt Greenhalgh Techniken aus seiner Gesangsausbildung. Er arbeitet mit Atemführung, präzisen Konsonanten, Klangfarben und bewussten Spannungsbögen. Seine Ansagen sind kleine dramatische Auftritte. Für ihn sind Oper und Kampfsport deshalb keine Gegensätze. Beide leben von körperlicher Präsenz, Emotionen und dem unmittelbaren Kontakt zum Publikum.
Puccini zwischen Blut und Schweiß
Besonders ungewöhnlich wird es, wenn Greenhalgh im Ring zu singen beginnt. Die Idee entstand, als ein Kämpfer mit Carl Orffs berühmtem Chorstück »O Fortuna« aus den »Carmina Burana« einmarschierte. Greenhalgh entwickelte daraufhin eine eigene Solofassung des Werkes. Nach eigenen Angaben hat er sie inzwischen mehr als 20 Mal bei Kampfsportveranstaltungen gesungen.
Mittlerweile umfasst sein Repertoire weitere Werke mit besonderer dramatischer Wucht. Dazu gehört »Nessun dorma« aus Giacomo Puccinis Oper »Turandot«. Auch das »Dies irae« aus Giuseppe Verdis Requiem hat Greenhalgh für seine Auftritte bearbeitet.

Dabei beschränkt er sich nicht auf klassische Musik. Den AC/DC-Hit »Thunderstruck« interpretiert er in einer eigenen, an den Heldentenor angelehnten Version. Als nächstes Projekt plant er eine Bearbeitung des Walkürenrufs »Hojotoho« aus Richard Wagners »Walküre«.
Dass ausgerechnet Wagner, Verdi und Puccini bei MMA-Kämpfen funktionieren, überrascht den Sänger nicht. Schließlich seien diese Werke selbst voller Konflikte, Gewalt, Leidenschaft und existenzieller Entscheidungen. Entscheidend sei, dass die Musik unmittelbar wirke. Greenhalgh muss seinem Publikum nicht erklären, wer Puccini oder Orff waren. Er singt, und die Menschen reagieren.
Netflix und internationale Kampfsportveranstaltungen
Die ungewöhnliche Kombination aus Operngesang und Kampfsport hat Greenhalgh inzwischen auch internationale Aufmerksamkeit verschafft. Er ist in der französischen Netflix-Serie »La Cage« zu sehen, die von einem jungen MMA-Kämpfer erzählt. Greenhalgh spielt darin einen Ringsprecher – eine Rolle, die seinem tatsächlichen Berufsalltag entspricht. Nach seiner Darstellung war es gerade die Verbindung aus Sprechererfahrung und Opernausbildung, die ihn beim Casting von anderen Bewerbern unterschied.
Auch bei realen Veranstaltungen ist er regelmäßig im Einsatz. Unter anderem arbeitet er als Hauptsprecher für die niederländische Kampfsportorganisation Levels Fight League.
Ende November steht für Greenhalgh ein besonderes Projekt auf dem Programm: Bei »Symphony of the Ring« im Europa-Park Rust sollen klassische Musik und Kampfsport ausdrücklich miteinander verbunden werden. Im Dezember ist ein weiterer Einsatz bei einer Kampfsportveranstaltung in Oberhausen geplant.
Vom Bariton zum Heldentenor
Während seine Karriere im Kampfsport wächst, verändert sich auch seine Arbeit als Opernsänger. Greenhalgh bereitet derzeit einen Fachwechsel vor: vom Bariton zum Tenor, perspektivisch zum Heldentenor.
Ein solcher Wechsel ist für Sänger eine erhebliche Herausforderung. Die Stimme muss sich an neue Tonlagen, andere technische Anforderungen und ein verändertes Repertoire gewöhnen. Greenhalgh versucht, diesen Übergang schrittweise zu gestalten.
Am Aalto-Theater Essen wirkt er an der Uraufführung der Oper »Day of Night« mit. Seine Partie ist nach seinen Angaben ausdrücklich für den Übergangsbereich zwischen einem hohen lyrischen Bariton und einem tiefen Heldentenor konzipiert worden. Auch in den Vereinigten Staaten steht eine weitere Uraufführung mit dem Buffalo Philharmonic Orchestra auf seinem Programm.

