Das Lucerne Festival will raus aus dem Konzertsaal – und zugleich die großen Orchester feiern. Der neue Intendant Sebastian Nordmann schickt junge Musiker auf die Straßen, und das KKL bleibt, was es immer war: Treffpunkt der internationalen Orchesterelite. Ein Rundgang von Georg Rudiger.
English summary: The Lucerne Festival wants to move beyond the concert hall – while continuing to celebrate the great orchestras. New artistic director Sebastian Nordmann is sending young musicians out into the streets, while the KKL remains what it has always been: a meeting place for the international orchestral elite. Georg Rudiger takes a tour.
In der Altstadt von Luzern hört man dumpfe Schläge. »Ist das eine Turmuhr?«, fragt eine Touristin ihre Begleitung – und setzt ihre Schritte Richtung Weinmarkt fort. Von allen Seiten kommen Neugierige auf den Platz, wo sich schon ein Kreis von Menschen gebildet hat und ein Schlagzeuger seine Bongos stimmt. Zwei Vibraphone und zwei Marimbas stehen auch noch auf dem Pflaster. Das kostenlose Konzert im Rahmen des neu konzipierten Festivals In den Straßen: City Stage kann beginnen. Der neue Intendant Sebastian Nordmann möchte das Lucerne Festival noch mehr in die Stadt öffnen.
Die Stadt wird zum Konzertsaal
Handys werden gezückt, manche bewegen sich zu den groovenden, rhythmisch verschobenen Klängen von Steve Reichs Mallet Quartet. Ein paar Straßen weiter auf dem Kapellplatz wird es noch interaktiver. Bei der Symphonic Jukebox können die Zuhörer aus über 30 Titeln wählen, die dann vom Lucerne Festival Contemporary Orchestra live gespielt werden.
Am Schirmerturm empfängt »Klanggärtner« Andres Bosshard eine zwanzigköpfige Gruppe zum Sound Walk. Man hört gemeinsam dem Regen zu, drückt die Nase summend an die Museggmauer, erfährt etwas über die positive soziale Auswirkung des »Murmelstroms« und ist beeindruckt von den Echos, die sogar die Kühe auf der Wiese zusammenzucken lassen. Auf diese Weise sensibilisiert, steigt man mit veränderter Wahrnehmung die Treppen zur Stadt herunter.
Und genießt die Feinheiten, die man im voll besetzten KKL hören kann. In diesem Jahr haben die Berliner Philharmoniker die Osterfestspiele Baden-Baden verlassen, um nach Salzburg zurückzukehren. Nun spielten die beiden europäischen Spitzenorchester beim Lucerne Festival direkt hintereinander. Wer hinterließ den besseren Eindruck?
Klangkörper deluxe
In Beethovens Violinkonzert klappert bei den Berliner Philharmonikern der erste Holzbläsereinsatz – dann aber findet sich das Orchester ein in einen warmen, in den Streichern voll vibrierten Klang und einen fließenden Puls. Und legt unter dem klaren Dirigat von Chefdirigent Kirill Petrenko den Teppich aus, auf dem Augustin Hadelich an der Violine mit zarten Oktaven das musikalische Geschehen betritt. Der diesjährige artist in residence des Festivals ist ein Klangästhet. Kein Bogenwechsel ist bei ihm zu hören, jede Figuration wird ausgespielt. Die Berliner Philharmoniker folgen ihm auf dem Fuß und geben ihm Raum zur Entfaltung.
Solche Ungenauigkeiten sind auch im ersten Satz von Aleksandr Skrjabins Sinfonie Nr. 3 in c-Moll zu hören: Die Tuttieinsätze nach Generalpausen und die Akkordwechsel am Ende fransen aus. Aber wie die Berliner Philharmoniker in großer Besetzung dieses klangfarbenreiche, komplexe, mitunter auch schwülstige Orchesterwerk modellieren, wie sie im sinnlichen zweiten Satz »Voluptés« in den Holzbläsern wie Vögel zwitschern und im Blech emotionale Spitzen setzen, ist berauschend. Kirill Petrenko entwickelt das Extrovertierte aus dem Introvertierten, steuert mit seiner Linken die Balance und sorgt mit seiner Rechten für musikalischen Fluss.
Beethoven aus dem 18. Jahrhundert
Das Royal Concertgebouw Orchestra zeigt am Folgeabend unter der souveränen Leitung des finnischen Gastdirigenten Santtu-Matias Rouvali eine ähnlich hohe Flexibilität. Der Beethoven-Klang beim 5. Klavierkonzert in Es-Dur ist aber ein anderer – luftiger, mit weniger Vibrato in den Streichern und einer stärkeren Phrasierung. Hier merkt man noch die langjährige Zusammenarbeit des Orchesters mit dem Alte-Musik-Experten Nikolaus Harnoncourt. Auch der isländische Pianist Víkingur Ólafsson, der in Luzern das neue Pulse-Festival im Frühjahr kuratiert, denkt Beethoven mehr vom 18. Jahrhundert her – in der Kadenz lässt er den Steinway-Flügel fast wie ein Hammerklavier klingen. Die Pizzicati der Streicher sind perfekt gesetzt; wie überhaupt die Amsterdamer mit einem vollendeten Zusammenspiel beglücken.
Auch in Sergej Prokofjews 1945 uraufgeführter 5. Symphonie präsentiert sich das Royal Concertgebouw Orchestra als lebendiger Klangkörper, dessen einzelne Instrumentengruppen bestens miteinander vernetzt sind. Der Orchestervergleich endet unentschieden. Salzburg und Baden-Baden dürfen sich freuen an diesen Klangkörpern deluxe.
Insgesamt 20 Orchester sind beim Lucerne Festival innerhalb eines Monats zu hören. Auch mit den 12 Uraufführungen setzt der neue Intendant Sebastian Nordmann die langjährige Arbeit Michael Haefligers fort. Neues Publikum möchte er mit einem poppigeren Branding, Formaten wie »Mittendrin«, bei dem das Publikum auf der Bühne sitzt, und kostenlosen Veranstaltungen wie das Open Air zu Beginn gewinnen.
Eine neue Zeit für die Academy
Mit dem früheren Freiburger Musikprofessor Jörg Widmann hat Nordmann einen charismatischen Komponisten in der Nachfolge des verstorbenen Wolfgang Rihm als Leiter der Lucerne Festival Academy eingesetzt, der auch als Dirigent und Klarinettist im Einsatz ist – besonders eindrucksvoll beim vierten Academy-Konzert.
Die Uraufführung von »Tongue of the Land« (Roche Commissions) der australischen Komponistin Liza Lim wird mit stehenden Ovationen gefeiert. Das wiederentdeckte, rekonstruierte keltische Instrument Carnyx (Solist: Marco Blaauw) steht im Mittelpunkt der sinnlichen, theatralischen Komposition. Mit der plastisch musizierten »Doctor Atomic Symphony« von John Adams schlägt sich im Academy-Konzert auch das diesjährige, im Vorfeld stark diskutierte Motto »American Dreams« nieder. Eine Komposition als Kritik an der Atombombe? Auch das ist möglich in der amerikanischen Musik.

