Anne Netrebko kommt nach Bonn. Die Hütte ist voll. Den Intendanten freut’s. Aber ist es wirklich ein Grund zur Freude, wenn eine der zweifelsohne bekanntesten, aber auch nicht unumstrittenen Sängerinnen unserer Zeit in der Bundesstadt vorbeischneit? Und warum tut sie das überhaupt? Ein Kommentar von Guido Krawinkel.
»Dream-Team« lautete in der letzten Saison die Überschrift meiner Premierenkritik der »Nabucco«-Inszenierung am Theater Bonn. Man konnte es nicht anders sagen: Was der Dirigent Will Humburg und der Regisseur Roland Schwab aus Verdis Oper gemacht haben, war ein großer Wurf. Humburg tat das, was er immer tut: Er knechtete das Beethoven Orchester und trieb es regelrecht durch die Partitur. Das Ergebnis war ein musikalischer Triumph.
Schwab verdichtete und aktualisierte die Handlung so geschickt, dass Verdis Parabel über Liebe und Macht gleichzeitig ebenso zeitlos wie hochaktuell war. Pointierter geht es kaum. Auch die Besetzung war vom Feinsten: ein brillantes Ensemble mit einigen Gästen, aber vorwiegend hauseigenen Kräften. Alles bestens also. So geht Oper.
Weltstars in Bonn
In der aktuellen Spielzeit ist die Inszenierung wiederaufgenommen worden – eine erfreuliche Nachricht. Am 6. November findet eine Spezialvorstellung statt: Anna Netrebko gibt sich die Ehre und singt die Abigaille. »Weltstars in Bonn« ist das Ganze übertitelt. Man fühlt sich fast zurückversetzt in vergangene Zeiten: damals, als Jean-Claude Riber und Giancarlo del Monaco (übrigens seit Dezember 2024 mit der russischen Staatsbürgerschaft ausgestattet) das Intendantenzepter schwangen.
Bonn war unter Riber noch Bundeshauptstadt und glänzte unter del Monaco weiterhin im Ruhm der Vergangenheit. Da schien die Welt noch in Ordnung. Weltstars gaben sich im »Bundeshauptdorf« die Klinke in die Hand, Geld spielte kaum eine Rolle.
Eigentlich waren diese Zeiten längst vorbei, doch Bernhard Helmich, gerade erst bis 2030 verlängerter Intendant des Theaters Bonn, hat in den letzten Jahren seiner seit 2013 währenden Intendanz scheinbar wieder ein Faible für reisende Stars entwickelt. In der Spielzeit 2024/25 gab es bereits eine »Tosca« in szenischer Sparversion, die eher als praktisches Passepartout für zahlreiche Gaststars denn als Hingucker konzipiert war.
Das setzt sich in dieser Saison mit der »Weltstars«-Reihe fort, in der neben Netrebko auch Namen wie Freddie De Tommaso oder Johan Tetelman in verschiedenen Inszenierungen gastieren. Über das Für und Wider eines solchen Starkarussells kann man geteilter Meinung sein. Nötig hätte es die Bonner Oper gewiss nicht, zumindest in künstlerischer Hinsicht. Das Haus hat ein ausgezeichnetes Ensemble mit zahlreichen Publikumslieblingen und immer wiederkehrende Gäste, die selbiges bereichern. Aber die Zeiten sind schwierig.
Ein Opernhaus unter Druck
Nicht nur in Bonn steht die Oper auf der Abschussliste. Das architektonisch markante Haus am Rhein ist marode, und die von zahlreichen Finanz- und Verkehrskrisen gebeutelte Stadt wandelt am finanziellen Abgrund. Zuerst wurde eine Verlagerung samt Schauspiel auf die Beueler Rheinseite diskutiert, dann wurde eine Schließung des Schauspiels in Erwägung gezogen. Man wagt nicht zu prognostizieren, welcher unausgegorene Vorschlag als Nächstes die Runde macht.
Immerhin: Eine vielfach geforderte Schließung der in der letzten Spielzeit eine Auslastung von rund 92 Prozent vorweisenden Oper ist vom Tisch – würde sie doch nicht zuletzt das unter seinem Generalmusikdirektor Dirk Kaftan prosperierende Beethoven Orchester eines Großteils seiner Arbeit berauben. Aber eine Oper ohne Schauspiel?
Mit ihm nicht, hat Intendant Helmich unmissverständlich klargemacht – nachdem der Vorschlag just zu dem Zeitpunkt in Umlauf gebracht wurde, als man seinen Vertrag gerade erst bis 2030 verlängert hatte. Er hat das Haus wie kein Zweiter klug und langfristig entwickelt, sich für seine Belange eingesetzt und mit einer ebenso vielfältigen wie publikumswirksamen Spielplanpolitik für gute Zahlen gesorgt.
Warum ausgerechnet Netrebko?
Der neue Weltstar-Fetisch aber wirkt wie ein anachronistischer Rückfall in vergangene Zeiten. Oder wie ein verzweifelter Versuch, die kulturelle Relevanz des Hauses angesichts immer neuer finanzieller wie politischer Drohkulissen zu erhöhen. Zumal sich noch eine ganz andere Frage stellt: Warum ausgerechnet Netrebko? Tut man sich da wirklich einen Gefallen, oder könnte der ungetrübte Stimmenkult auch nach hinten losgehen?
Die Befürchtung ist nicht ganz substanzlos, denn kaum wurde Netrebkos Engagement bekannt, regte sich Widerstand: Netrebko sei zu teuer für die klamme Stadt und politisch obsolet, wohingegen Stimm-Aficionados Netrebkos Engagement ebenso heftig verteidigten. Aber darf man es sich wirklich so einfach machen? »Leider sei eben heute alles Politik, es gebe keine geistige Reinheit mehr«, klagt eine Figur in Thomas Manns »Doktor Faustus«.

Der Erzähler Serenus Zeitblom denkt sich dazu seinen Teil: Ist es nicht gerade derjenige, der die geistige Reinheit beschwört, der die Kunst politisiert? Damit hat er nicht ganz unrecht, denn die Zeiten, in denen guter Wille und das sogenannte »Wahre, Schöne und Gute« ausreichen, sind angesichts vielfältiger Bedrohungen durch kriegslüsterne Möchtegerndiktatoren und sich ihnen willfährig andienende Politiker ohne Rückgrat wohl vorbei.
Man muss Netrebko zugutehalten, dass sie sich 2022 vom Ukraine-Krieg distanziert hat, anders als etwa Taktstock-Guru Teodor Currentzis. Ein Gschmäckle freilich bleibt, denn seitdem hält sie sich bedeckt. Echte Solidarität sieht anders aus. Entscheidender ist jedoch die Frage, warum einem künstlerisch florierenden Haus nichts Besseres einfällt, als teuer eingeflogene Stars einmalig in ihnen fremde Inszenierungen zu verpflanzen.
Geht es da wirklich nur um ein paar verkaufte Karten mehr, eine prominentere Schlagzeile und künstlerische Relevanz? Und warum gastiert der weltweit auf den bekanntesten Bühnen singende Megastar Netrebko überhaupt an einem international deutlich weniger relevanten Haus wie Bonn? Nur weil das gewiss nicht unrelevante Honorar stimmt? Oder weil es so schön ist? Wer’s glaubt …
Die wahren Helden der Oper
Es ist doch so: Letztendlich sind Namen Schall und Rauch, auch große. Die wahren Helden des Opernalltags sind in den Ensembles zu finden, wo sie Tag ein, Tag aus zumeist ausgezeichnete Leistungen abliefern und viel näher am Publikum sind, als es durchfliegende Jetset-Weltstars je sein können. Bestes Beispiel: Eindrucksvoller als jeder stargeschwängerte Abend ist mir gerade die letzte Spielzeit in Erinnerung, in der ich – neben tollen Produktionen auch in Bonn – unter anderem dreimal das Theater Krefeld/Mönchengladbach besucht habe.
Dreimal habe ich ganz überwiegend ausgezeichnete Produktionen gesehen, was die Leistungsfähigkeit dieses kleinen und unter schwierigen Verhältnissen operierenden Stadttheaters unterstreicht. Ganz ohne Stars, ohne Schlagzeilen, aber dafür 100 Prozent authentisch und auf einem sehr, sehr guten Niveau. Ganz ehrlich, was brauche ich da noch eine Netrebko?

