Lieber Moritz Döbler,

Juni 18, 2026
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Eine Möglichkeit für den Neubau der Oper Düsseldorf am Stadtpark (Bild: RKW Architektur)

ich kenne Dich ja noch aus Bremen, als Chefredakteur des Weser-Kurier. Kultur hat Dich schon damals herzlich wenig interessiert. Zahlen, Geld und Selbstdarstellung – das waren eher Deine Themenfelder. 

Als Chefredakteur der Rheinischen Post scheint sich das nicht geändert zu haben. Wenn Du nun in einem Kommentar argumentierst, dass Deine neue Heimat keine Oper braucht – was ist das: Anbiederung an den Spar-Bürgermeister? Oder zur Schau gestellte Kulturlosigkeit? Ich finde: es ist Stadt-Verrat.

Deine Argumente sind absurd: Die explodierten Kosten des Kölner Opernumbaus werden von Dir als Grund angeführt, warum Düsseldorf sein Projekt »neue Oper« nun lieber einstellen soll.  Es gebe doch Opern genug in der Nähe: Köln. Duisburg. Dortmund. Bonn.

Was Du vergisst: Wenn andere Städte (die nächste ist Bonn!) bei ihren anstehenden Sanierungen ebenso argumentieren wie Du, leistet sich bald gar keiner mehr Oper.

Klar, das würde Dir nichts ausmachen. Denn Du rechnest Kunst in Euro statt in Emotionen. Hauptsache, es gibt einen guten Italiener, in dessen Fenster man gesehen wird. Dir geht es eher um Fettuccine statt ums Feuilleton! Aber wenn alle Leute so rational ticken würden wie Du – in was für Städten und Gemeinwesen würden wir dann leben? Was für eine Enttäuschung muss das Opern-Aus für die designierte Intendantin Ina Karr sein. Aber, hey: Menschen waren Dir schon in Bremen oft egal! Nein, Moritz: Ich habe Deine eiskalte Tschaka-Tschaka-Welt schon einmal kennengelernt. Bereits der Gedanke daran bringt mich zum Frösteln. 

In der Oper Düsseldorf arbeiten nicht nur 570 Menschen. Von ihr hängen die Musikschulen und Bibliotheken ab – und, was in den Zeiten des vermeintlichen Rationalismus, der in Wahrheit ja ein politischer Irrationalismus ist, besonders wichtig ist: Die Bildung einer ganzen Stadt! Das Aufwachsen der Kinder mit Musik. Mit Geschichten. Mit Fiktion. Mit Phantasie!

Menschen, die mit dem endlosen Horizont der Oper aufgewachsen sind, würden nie so kleinkrämerisch tagesaktuell denken wie Du, lieber Moritz. Menschen und Institutionen sind für Dich am Ende austauschbar. Und, was Du vielleicht vergisst, Du bist es auch! 

Liebes Düsseldorf, schaut mal nach Bremen, wo Euer Chefredakteur den Weser-Kurier geleitet hat. Er hat ihn als meinungsstarkes Blatt übernommen und als irrelevantes Käseblatt zurückgelassen. Döbler hat sich in Bremen lieber um sein eigenes Image und den Geschäftszweig »Leih-Fahrräder« gekümmert als um gute Texte. Heute rosten seine Zweiräder in der Stadt vor sich hin – und Bremen hat keine ernstzunehmende Zeitung mehr. 

Nein, Moritz, Menschen wie Du verstehen den Sinn von Kultur nicht! Es ist ein Sinn jenseits der Zahlen. Es ist der Sinn der Sinnlichkeit! Oper schafft Debatte. Öffnet Räume jenseits allen Geldes. Sie ist Identifikationsraum für eine dialogische Stadtgesellschaft. Und die sollte ein Chefredakteur eigentlich fördern!

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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