Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor seinem Publikum.
Salzburg im August, gegen sechs Uhr. Die Hofstallgasse liegt im Abendlicht, Barrie Kosky geht mit seinem Hund vorbei, im Triangel lösen die Vorstände der Wiener Philharmoniker sich mit Musikern des Utopia Orchesters ab, und am roten Teppich braucht Opera Bert noch einen siebten Anlauf für seinen »Walk«, weil sich beim sechsten ausgerechnet Manuel Brug ins Bild geschoben hatte. Um acht Uhr geht das Licht aus – nun zählt nur noch, was zwischen Bühne und Saal passiert.
Am Sonntag, im Haus für Mozart, endete die Premiere von Ariadne auf Naxos mit einem Buh-Feuerwerk für Ersan Mondtag. Es waren nicht drei beleidigte Besucher, es war eine Wand, wie man sie sonst am Grünen Hügel hört.
Darum also zu Ihnen, lieber Herr Mondtag: In derselben Nacht haben Sie auf Instagram zwei Storys repostet. In der einen steht: »Provinzpublikum at Salzburger Festspiele«. In der anderen ein Lob aus der eigenen Bubble: »Bravo Ersan Mondtag for shaking up the opera world with a brave take on Ariadne auf Naxos«. Sie haben also in zwei Storys die Resonanz aus dem Saal abgewertet und sich selbst gratuliert. Das ist, immerhin, effizient.
Galaktisches Eigenlob
Ich will mich hier nicht über Ihre Manieren aufregen, obwohl es Anlass gäbe. Mich interessiert die Denkfigur dahinter, weil sie inzwischen zum Standardrepertoire gehört. Sie funktioniert so: Man bestreitet nicht das Urteil, man bestreitet die Zuständigkeit. Nicht »ihr irrt euch«, sondern »ihr seid nicht befugt«. Das ist der älteste aristokratische Reflex, den es gibt, und bedient wird er heute ausgerechnet von denen, die sich für die Fortschrittlichen halten.
Machen Sie sich einmal klar, wie ungleich die Mittel verteilt sind. Sie haben ein Programmheft, eine Pressekonferenz, ein Dramaturgieteam und einen Instagram-Kanal. Das Haus hat eine Presseabteilung. Ich habe hier ein paar tausend Zeichen. Und das Publikum? Das Publikum hat zwei Silben und zwei Hände. Applaus, Bravo oder Buh, mehr Kanal steht ihm nicht zur Verfügung, ein Kommunikationsmittel aus dem 19. Jahrhundert, grobkörnig, undifferenziert, laut.
Wer es benutzt, sagt nicht: Ich habe eine ausgearbeitete Position zur Bildregie des zweiten Teils. Er sagt: Ich war da, und es hat mich nicht erreicht. Mehr Tiefe lässt das Format nicht zu. Das dann als Beweis intellektueller Schlichtheit zu lesen, ist ungefähr so fair, wie jemanden für seine Handschrift zu verurteilen, dem man nur einen Filzstift gegeben hat.
Buhe ist teurer als Klatschen
Dazu kommt: Buhen ist teurer als Klatschen. Wer buht, stellt sich gegen den Raum, in dem er sitzt, und riskiert die Blicke seiner Reihe. Das ist Aufwand, und ich halte diesen Aufwand für eine Form von Ernsthaftigkeit. Gleichgültigkeit sieht anders aus: lauwarmer Applaus, schneller Weg zur Garderobe. Ihr Saal hat übrigens sehr genau unterschieden. Für die Sänger und Sängerinnen gab es Jubel; laut wurde es erst, als Ihr Regieteam an die Rampe kam.
Und ja, ich kenne die Gegenrechnung, und sie ist ernst zu nehmen. Buhrufe haben eine unangenehme Tradition: Oft genug haben sie in der Operngeschichte das Neue getroffen und das Bequeme geschont. Ein Premierenpublikum ist kein Gericht, es irrt sich regelmässig, und es hat schon Abende niedergebrüllt, die zehn Jahre später kanonisch waren. Nur folgt daraus nicht, dass Sie recht haben. Es folgt daraus, dass man abwarten und weiterarbeiten muss, statt noch in der Premierennacht das Telefon zu entsperren.
Das schönste Beispiel dafür stand an diesem Abend in Ihrer Kulisse. Die Version von Ariadne auf Naxos, die wir heute kennen, ist selbst das Produkt eines Misserfolgs. Die erste Fassung von 1912, gekoppelt an Molières Bürger als Edelmann, kam beim Stuttgarter Publikum nicht an; die Kombination war unpraktikabel und wurde nicht geliebt. Strauss und Hofmannsthal haben daraus nicht geschlossen, dass Stuttgart zu dumm sei — sie bauten das Stück um und gaben ihm jenes komponierte Vorspiel, das 1916 in Wien herauskam.
Zur Sache selbst
Zur Sache selbst: Denn es gab durchaus vieles, worauf sich reagieren ließe. Sie verlegen das Stück auf den Mars, in den Palast eines Superreichen. Für das Vorspiel ist das erst einmal eine gute Idee. Im zweiten Teil kippt sie in einen Überschwall aus Plastikästhetik, unnötig sexuellen Kasperletheater, Farbe und Dauerbewegung. Etwas das eher einem TikTok-Feed ähnelt als einem Theaterabend.
In den intimsten Momenten stehen fünf Sänger mit den ausladendsten und pornografischen Gesten auf der Bühne und machen so viel Betrieb, dass keine Emotion mehr durchdringt. Verloren geht dabei ausgerechnet das, wofür die Leute nach Salzburg fahren: Qualität. Und mit dieser Ästhetik sind Sie leider nicht einmal originell; Anna Bernreitner und Sie könnten gute Freunde werden.
Nun ist dieser Abend mehr als ein misslungener Abend, und deshalb schreibe ich überhaupt darüber. Sie sollen in Wien den nächsten Ring inszenieren. in Insiderkreisen heißt es, dass an Ihren Bühnenentwürfen zum Rheingold bereits gearbeitet würde. Ursprünglich, so heisst es, hätte Wien den Ring von Kirill Serebrennikov übernehmen sollen, der derzeit bei den Osterfestspielen mit Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern entsteht — diese Produktion geht nun wahrscheinlich woanders hin. Ich würde das für einen erheblichen Fehler von Bogdan Roščić halten.
Einhelligkeit als Argument
Kurz noch zur zweiten Story: Die Opernbubble aufzuregen ist eigentlich die leichteste Übung von allen, dafür genügt meist schon ein Kostüm. Interessant wäre dann der Streit darüber, ob ein Abend gut oder schlecht war. Nur streitet gerade niemand: Die Kritiken sind bemerkenswert einhellig.
Wie der andere Ton klingt, hätten Sie zwei Tage später hören können. In der Felsenreitschule läuft Messiaens Saint François d’Assise, und es passt, als wäre der Fels dafür ausgehöhlt worden. Was dieser Abend Ihnen über Respekt beibringen könnte, ist unspektakulär und deshalb leicht zu übersehen: Romeo Castellucci und Maxime Pascal muten dem Publikum vier Stunden Messiaen zu, ohne Augenzwinkern, ohne Erklärstück, ohne den Versuch, es unterwegs bei Laune zu halten. Die beiden trauen ihm zu, dass es aushält, langsam zu sein.
Das ist die höchste Form von Achtung, die eine Bühne einem Saal erweisen kann — und der Saal hat geantwortet. Schon zu Beginn des dritten Teils brandet ein Applaus auf, wie man ihn zu Kleibers Zeiten für einen Dirigenten hörte. Am Ende eine Wand aus Bravos, ja, auch für die Regie, und von meinem Platz aus kein einziges Buh. Das war grosse Oper. Schauen Sie sich das an, falls Sie noch in Salzburg sind, und lernen Sie daraus.
Nur damit zum Ende die Provinz-These auch statistisch erledigt ist: Im vergangenen Sommer zählten die Festspiele rund 256’600 Besucher aus 88 Ländern, bei 98,4 Prozent Auslastung. Man kann diesem Publikum vieles vorhalten, aber Enge des Horizonts wird schwierig.
An dieser Ariadne ändert das alles nichts mehr. Aber vor Ihnen liegen vier Abende Wagner in Wien, und dafür braucht es vor allem eines: Respekt vor denen, die kommen. Nicht Zustimmung, nicht Applaus – Respekt. Denn diesen hat sich am Sonntag jeder verdient, der zweieinhalb Stunden lang Ihre Inszenierung ertragen musste.

