»Kein Glück ohne Leiden« 

August 30, 2026
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Max-Emanuel-Cencic (Foto: Lukasz Rajchert)

Am 4. September beginnt Bayreuth Barock. Intendant und Sänger Max Emanuel Cenčić über Händel, Sex, Macht und das Glück des Leidens.

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Kaum ist Wagner in Bayreuth verklungen, geht es weiter: Am 4. September beginnt Bayreuth Baroque – und der Intendant will zeigen,dass Barockoper sehr viel mehr mit unserer Gegenwart zu tun hat, als mancher glaubt.

Im neuen Podcast von BackstageClassical spricht Axel Brüggemann mit Max Emanuel Cenčić, Gründer und künstlerischer Kopf von Bayreuth Baroque. Inzwischen läuft das Festival zum siebten Mal. »Mittlerweile ist das eher easy going«, sagt Cenčić. Das siebte Jahr sei »besser, als man sich denkt«.

Vielleicht liegt das auch am Ort. Das Markgräfliche Opernhaus ist für Cenčić keine hübsche historische Kulisse, sondern Teil der Idee des Festivals: »Das Opernhaus selbst ist natürlich schon etwas ganz was Besonderes, weil es ja eines der ganz wenigen Bibiena-Opernhäuser ist, die noch existieren. Es ist komplett aus Holz.«

Im Mittelpunkt des diesjährigen Festivals steht Händels selten gespielte Oper Floridante. Und Cenčić liest Händel nicht als dekoratives Rokoko, sondern als radikales Theater. »Händel ist jemand, der sich sehr stark mit der Frage auseinandergesetzt hat, was passiert innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft, wenn der Mann, der die ganze Macht hat, sexuelle Gewalt ausübt und wenn die Frau Nein sagt.«

Plötzlich ist der Barock ziemlich gegenwärtig. Für Cenčić stellen viele Händel-Opern soziale, politische und ökonomische Fragen. Und gerade die langen Rezitative der Opera seria seien keine musealen Endlosschleifen, sondern »im Grunde genommen Theaterstücke« – lebendige Dialoge, die sich auch heute unmittelbar inszenieren lassen.

Am spannendsten wird das Gespräch aber dort, wo Cenčić grundsätzlich wird: »Leid und Glück sind miteinander verbunden. Man kann sie nicht trennen«, sagt er. Und hält wenig von einer Gegenwart, die Erfolg gern ohne Anstrengung hätte: »Diese Idee, ich werde erfolgreich sein, aber ich möchte chillen, ist eben so ein bisschen das Problem unserer Zeit.«

Für Cenčić steht die Arbeit an erster Stelle: »Ich diene der Kunst und der Musik.« Das klingt streng, beinahe aus der Zeit gefallen. Aber vielleicht liegt genau darin auch der Erfolg von Bayreuth Baroque. Mehr als 80 Prozent des Publikums reisen von außerhalb an. Viele kennen das Repertoire bis in seine entlegensten Winkel. Manchmal, sagt Cenčić, »wissen die mehr als ich«.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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