Christian Thielemann hat sein Wagner-Haus perfekt eingerichtet. Nun scheint ihm selber ein bisschen langweilig darin zu werden. Gedanken zur Wagner-Kultur anlässlich der Bayreuther Walküre.
Eine »Machtdemonstration« sei das Rheingold von Christian Thielemann bei den Bayreuther Festspielen gewesen, hat Markus Thiel neulich im Merkur geschrieben. Und er meint das offensichtlich positiv: Christian Thielemann, der Gralshüter der reinen Wagner-Lehre. Christian Thielemann, der romantische Klangmagier. Christian Thielemann, der »die Partitur im kleinen Finger hat«, sodass es »ein Fest des Wissens und der Finessen« ist. So schrieb es Thiel.
Aber was bedeutet das Wort »Machtdemonstration« in der Musik? Ist »Macht« eine kreative Kategorie? Und Wagner-Macht, was soll das sein? Wird ein Musiker durch sein Wissen (sein Geheimwissen gar) zu einer Autorität? Und wie hört sich eine musikalische »Machtdemonstration« konkret an?
So klingt Machtdemonstration
Vielleicht so wie Wotans Abschied gestern Abend in der Walküre: Da setzt Thielemann nicht auf den erstbesten Effekt, sondern baut die musikalische Szene mit großem Wissen für die großen Bögen auf. In langer Wellenform.
Thielemann zelebriert die ewige Schwere zwischen Dur und Moll als extreme Balance von musikalischer Schwerkraft, von Licht und Schatten. Er lässt die Dur-Akkorde mit großer Lust in den Abgrund des donnernden Molls schauen und freut sich an ihrer Angst, hinabzustürzen.
Dann wartet er den Fluss ab und lauert auf die chromatischen Vorhalte, die er provokant auskostet. Die aufgeschobenen Auflösungen werden von ihm zelebriert, und der Übergang vom Abschied zum eigentlichen Feuerzauber passiert nicht ruppig (wie früher bei ihm), sondern durch einen homogen eingefädelten Kontrast. Thielemann weiß, dass sein Triumph erst noch kommt: Die Dominantspannungen baut er fast unerträglich langsam auf, wohl wissend, dass die »Macht« dieser Musik darin besteht, das Gegenüber (in diesem Falle uns, das Publikum) in seinen Erwartungen immer wieder zu enttäuschen, um ihm letztlich die Gnade der tonalen Ruhe zu schenken. Christian Thielemann ist ein Meister darin, das Leiden zu inszenieren, das Sehnen – und die Meriten der Erlösung ganz auf seine Kappe zu nehmen.
Oder ist all das schon Angebertum?
An diesem Abend funktioniert das auch, weil Camilla Nylund und Michael Volle ihm in seinem Zauber kompromisslos folgen (und auch folgen können!) und ihm ein perfektes Drama schenken. Das sieht mit Elza van den Heever als Sieglinde schon anders aus – sei kommt sehr schrill daher. Klaus Florian Vogt ist schon als Siegmund ein Siegfried.
Vielleicht ist Thielemanns Spiel mit dem Sensorium des Publikums auch gar nicht gemeint, wenn Thiel von »Machtdemonstration« schreibt. Vielleicht geht es eher um das Angebertum, das sich auch in diesen Dirigenten schleicht. Manchmal mit ausgestellter Langeweile (das Rheingold hat Thielemann sehr flott dirigiert, und trotzdem kam es einem sehr entschleunigt, ja fast zu langsam vor), dann wieder mit ordentlichem Bürsten gegen den erwartbaren (auch eigenen) Strich. Thielemann lenkt seinen Wagner wie einen himmelblauen Porsche Cabrio zwischen Goldkronach und Bayreuth. Am liebsten fährt er freihändig, die Haare flattern im Wind, ein Fuß steht auf dem Gas, der andere auf der Bremse. Und, klar, er weiß, dass alle dem coolen Typen auf der Überholspur zuschauen. Es hört sich an, als würde er uns andauernd zuwinken: »Schaut mal, ich fahre 180 Sachen und habe trotzdem noch die Hände frei!«
Thielemanns Wagner-Haus
Und hier fängt er dann an, seine eigene Arbeit an Wagner zu demonstrieren. Neuerdings sucht Thielemann gern das Understatement: Zum Beispiel im Walkürenritt: Kein Säbelrasseln am Anfang, stattdessen provokante Behäbigkeit – am Ende dafür umso mehr Tschingderassabum. Zunächst schlägt er noch einen großen Bogen über die neun Achtel dieses Opern-Hits, dann trennt er sie immer brutaler mit dem Säbel in Dreiergruppen. Martialisch. Der Rhythmus im Blech verdrängt die Melodie der Streicher. Holzschnittartig.
Überhaupt hat man den ganzen Abend das Gefühl, dass da jemand voll und ganz bei seinem Wagner zu Hause ist, dass er die Pantoffeln auszieht und sich unter dem Feinripp-Unterhemd kratzt, während er die harten Wagner-Eier kocht. Zu Hause ist, wo man den Bauch nicht einziehen muss. Vielleicht ist das die »Machtdemonstration«, von der Thiel schreibt: Christian Thielemann lässt uns alle wissen, dass Richard Wagner sein Einfamilienhaus ist.

Hier kennt er jede Tapete, jedes undichte Fenster, er weiß, was im Kühlschrank steht, und kennt die Geheimtür im Keller. So, wie Christian Thielemann sein Wagner-Haus in den letzten 30 Jahren eingerichtet hat, ist es schlüssig. Hier steht alles, wo der Hausherr es haben will. Und manchmal meint man nun zu hören, dass ihm in seinen eigenen vier Wänden ein bisschen langweilig wird. Dann stellt er die Couch in die Küche und das Bett ins Wohnzimmer. Christian Thielemann ist eigentlich fertig mit seinem Wagner.
Es gibt Alternativen
Anderswo passiert etwas Spannendes. Es gibt Dirigentinnen und Dirigenten, die ihren Wagner nicht aus Thielemanns Wagner-Haus dirigieren, sondern mit einer Außenansicht. Sie öffnen die Fenster und die Perspektiven, die Thielemann in seinem Wagner-Konstrukt noch nie aufgegangen sind. Sie bringen Möbel von Mozart und Beethoven mit, richten sich eine Bauhaus-Ecke ein.
Kirill Petrenko hat seinen Wagner zu Ostern in Salzburg vorgestellt: Da wehte plötzlich ein ganz frischer Wind durch die Partitur. Er zerlegte die Kaffeemaschine und interessierte sich für die Baugeschichte des Hauses. Plötzlich ging es nicht mehr um den horizontalen Rausch, sondern um die vertikale Tiefe der Partitur, weniger um musikalische Schwerkraft als um die innere Konstruktion. Wer Petrenkos Rheingold gehört hat, dem kommt Thielemanns Wagner-Bude inzwischen ein bisschen langweilig vor.
Und Petrenko ist ja nicht der Einzige. Pablo Heras-Casado zeigt in seinem Ring, dass Wagner neben der Frage der musikalischen Schwerkraft auch die Frage der musikalischen Farben stellt. Und er beantwortet sie mit einem Farbspektrum, das man so noch nicht gehört hat. Simone Young hat in ihrem letzten Ring das Drama inszeniert. Dann sind da noch Vladimir Jurowski in München und Antonio Pappano in London.
Ratschläge annehmen statt sie zu geben?
Christian Thielemann soll anderen Kolleginnen und Kollegen gern Ratschläge geben. Altväterlich seine Wagner-Macht demonstrieren. Aber inzwischen scheint es so, dass andere längst ihren eigenen Wagner finden, dass sie hinausziehen in Siegfrieds Wälder, abtauchen in die Tiefen des Rheins und aufsteigen in Walhalls Höhen, während Christian Thielemann gerade eine neue Alarmanlage für sein Wagner-Haus bestellt. Ja, ein bisschen hört sich seine Walküre an, als hätte er Angst vor Einbrechern.
Was für eine Machtdemonstration also war die Walküre in Bayreuth wirklich? Ein bisschen schien es, als würde Thielemann sich in seinem eigenen Haus inzwischen langweilen. Es ist höchste Zeit, mal wieder durchzulüften!

