Neue Intendanz rein! Altes Ensemble raus?

Oktober 18, 2026
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Protest in Düsseldorf (Foto: Privat, verbessert mit KI)

Heute Abend protestierten Künstlerinnen und Künstler in Düsseldorf auf offener Bühne gegen Vertragskündigungen durch die neue Intendantin Ina Karr. Und auch in Münster wird gegen den Kurs des designierten Intendanten Neil Barry Moss demonstriert. Wie viel Neuanfang braucht die Kunst – und wie viel soziale Verantwortung trägt ein Theater?

Vor der »La Traviata-Aufführung an der Deutschen Oper am Rhein betraten Ensemblemitglieder in Warnwesten und mit Plakaten die Bühne in Düsseldorf. Mit Sprüchen wie: »Gestern im Rampenlicht, heute nicht verlängert«, oder »Zeit für Würde an Deutschen Bühnen«. In einer Ansprache erklärten sie, dass die designierte Intendantin, Ina Karr, plane, 20 Solistinnen und Solisten nicht zu verlängern – 65 Prozent des Sängerensembles.

Die Demonstrierenden forderten neue Tarifverträge mit »besserem Schutz vor willkürlichen Entlassungen«. Der Protest würde sich nicht gegen das Publikum richten und auch nicht gegen die Deutsche Oper am Rhein oder die gegenwärtige oder kommende Theaterleitung. Man demonstriere gegen den Arbeitgeberverband in ganz Deutschland. »Es geht nicht nur um Zahlen, sondern um Menschen«, hieß es in der Erklärung, die von mehreren Künstlerinnen und Künstlern vorgetragen wurde. Man sorge sich um Kolleginnen und Kollegen, die vor Ort verwurzelt seien und ihren Lebensmittelpunkt in Düsseldorf und Duisburg verlieren könnten. Das Ende ihres Vertrages bedeute für viele den »Verlust der Existenzgrundlage«.

Außerdem sei das Kündigungsgespräch für einige die erste Begegnung mit der neuen Intendanz gewesen. »Ein derartiger Kahlschlag ist nicht zeitgemäß und nicht nachhaltig«, hieß es, »eine neue Intendanz übernimmt kein Gebäude, sondern ein Theater mit Menschen.«

Auch in Münster sollten letzte Woche die Schwäne tanzen. Stattdessen standen auch hier plötzlich Künstlerinnen und Künstler in pinken Warnwesten auf der Bühne. Ebenfalls ein Protest gegen drohende Entlassungen. Am Theater soll mit dem neuen Generalintendanten Neil Barry Moss ein großer Teil des Ensembles gehen.

Nach Angaben der Gewerkschaft GDBA sollen 92 Prozent des Tanzensembles, 67 Prozent der Opernsängerinnen und Opernsänger und das gesamte Ensemble des Jungen Theaters ihre Arbeitsplätze verlieren. Das Haus selber will offizielle Zahlen erst in der kommenden Woche liefern. Man befinde sich noch in der »Erwägungsphase«, verbindliche Entscheidungen werden frühestens am Dienstag bekannt gegeben. Die Protestierenden wurden vom Publikum mit großem Applaus gefeiert.

Der Kampf um Kündigungen

Dabei sind Nichtverlängerungen an deutschen Bühnen zunächst einmal nichts Ungewöhnliches. Der Normalvertrag Bühne (NV Bühne) ermöglicht es, Verträge aus künstlerischen Gründen nicht zu verlängern. Intendantenwechsel gelten dabei explizit als Anlass für derartige Entscheidungen. Wer ein Theater übernimmt, soll die Möglichkeit haben, es nach seinen Vorstellungen zu gestalten: Neue Regisseurinnen und Regisseure, neue Stücke, neue Ästhetik – und eben auch neue Sängerinnen und Sänger. Die Idee dahinter: Ein Ensemble ist keine unveränderliche Belegschaft, es ist Teil einer künstlerischen Idee.

Doch genau das sieht die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) derzeit etwas anders. Sie fordert – auch mit Blick auf Münster – eine Reform der Nichtverlängerungen. So wie das Ensemble in Düsseldorf meint die Gewerkschaft, ein Intendanzwechsel dürfe kein alleiniger Grund sein, Verträge zu beenden; »Kahlschläge« müssten verhindert werden, zum Wechsel von Theaterleitungen fordert die Gewerkschaft »soziale Nachhaltigkeit« – und ein Ende des »Irrglaubens, neue künstlerische Handschriften wären nur mit dem Austausch der gesamten künstlerischen Belegschaft möglich«.

Die Argumente von Neil Barry Moss

Proteste auf der Bühne in Münster (Foto: GBDA)

Intendant Neil Barry Moss erklärt gegenüber BackstageClassical, dass ein Ensemble auch für ihn das Herz des deutschen Stadttheaters sei: »Der deutsche Ensemblegedanke ist einmalig in der Welt, er ist die Grundlage dafür, dass man als Team gemeinsam an einer Idee von Theater arbeiten kann.«

Aber das gesamte System funktioniere erst durch den Gedanken der Fluktuation. In Paris würden Tänzerinnen und Tänzer fest angestellt und mit 42 Jahren pensioniert – das sei in Deutschland schon durch die Vielzahl der Theater nicht finanzierbar. Stattdessen habe man es bei uns mit einem System zu tun, das vom Wandel lebe. »Sowohl Intendantinnen und Intendanten als auch die Künstlerinnen und Künstler sind auf Zeit bestellt, da nur so Neuerfindungen, Neupositionierungen, der Wandel künstlerischer Konzepte und die Neubefragung von Theater möglich ist«, sagt Moss. »Welche Perspektiven können wir als Theater den tausenden Nachwuchstalenten, Absolventinnen und Absolventen aus den Bereichen Tanz, Schauspiel, Musiktheater, Regie und Ausstattung denn bieten, die uns täglich kontaktieren?«

Neil Berry Moss

Und tatsächlich hatte auch die derzeitige Intendantin Katharina Kost-Tolmein bei ihrem Amtsantritt 2022 das Ensemble erheblich verändert. Damals waren nach Medienberichten mehr als 40 Beschäftigte von Nichtverlängerungen betroffen. Mit anderen Worten: Einige jener Künstlerinnen und Künstler, die nun darauf pochen, ihre Stelle nicht zu verlieren, haben sie erst bekommen, weil die Verträge ihrer Vorgängerinnen oder Vorgänger nicht verlängert wurden. Diese Fluktuation ist im deutschen Theatersystem derzeit explizit vorgesehen und geschützt.

Bindungen zum Publikum

Letztlich funktioniert ein Theater in gewisser Weise wie ein Fußballteam: Man stellt eine Mannschaft auf Zeit zusammen, die einem bestimmten taktischen Spiel entspricht. Ein neuer Trainer bringt neue Ideen mit, setzt auf andere Spieler, verändert die Aufstellung. Im Fußball gilt das als selbstverständlich. Im Theater wird derselbe Vorgang schnell zu einer moralischen Frage. Allerdings sind die finanziellen und sozialen Folgen eines solchen Wechsels für die Betroffenen auch kaum vergleichbar.

Dabei ist klar, dass gerade in einer emotionalen Kunstform wie dem Theater Bindungen an den Ort und an das Publikum entstehen. Dass einzelne Künstlerinnen und Künstler zu Stars werden, dass das Publikum sich mit ihnen solidarisiert. Dass ein Ensemble über Jahre zu einer Gemeinschaft wächst, deren Wert sich nicht allein an einzelnen Leistungen messen lässt.

Die Protestaktion in Münster wurde von der Theaterleitung explizit zugelassen, um eine transparente Diskussion zu ermöglichen. Denn es geht hier um mehr als um einzelne Schicksale. Es geht darum, wie sich Stadttheater in Deutschland positionieren.

Krise in der Krise

Ina Karr

Die designierte Intendantin an der Deutschen Oper am Rhein, Ina Karr, kommt aus Luzern und übernimmt das Haus zur Spielzeit 2027/28. Nach Informationen aus dem Ensemble, die BackstageClassical vorliegen, plant sie ebenfalls massive Nichtverlängerungen – offenbar auch bei Mitgliedern, die kurz vor der 15-Jahresgrenze stehen. Im Ensemble geht die Angst um. Die Rede ist von über 30 Beschäftigungsverhältnissen – darunter (und auch das ist oft der Fall) die gesamte Dramaturgie.

Gerade die 15-Jahresgrenze ist von besonderer Bedeutung. Der NV Bühne sieht für langjährig Beschäftigte nach mehr als 15 Jahren einen besonderen Bestandsschutz vor. Wer kurz davor steht, hat diesen Schutz unter Umständen noch nicht erreicht. Nichtverlängerungen können deshalb weitreichende Folgen für die berufliche und persönliche Zukunft haben. Hier zeigt sich ein weiteres Problem des Systems: Ein Schutz, der erst nach einer bestimmten Beschäftigungsdauer greift, kann den Anreiz schaffen, Verträge kurz vor Erreichen dieser Grenze nicht mehr zu verlängern. 

Bereits vor den Bühnenprotesten am Sonntag hat BackstageClassical bei der Pressestelle der Deutschen Oper am Rhein angefragt. Diese bestätigte indirekt, dass aktuell Verhandlungen laufen, wollte die Situation aber nicht kommentieren, »weil der Prozess gerade noch im Gange ist.« Durch die öffentlichen Proteste dürfte dieser Dialog nun forciert werden.

Beispiel Volksoper in Wien

Die neuen Verhandlungen treffen auf ein Haus, dessen Zukunft ohnehin ungewiss ist. Die Politik hat sich gegen den geplanten Opernneubau entschieden, eine langfristige Perspektive für die Deutsche Oper am Rhein fehlt. Und auch die öffentliche Solidarität mit dem Haus scheint begrenzt – ausgerechnet in einer Zeit, in der es sie besonders nötig hätte.

Wie weit ein struktureller und personeller Umbau gehen kann, zeigte sich 2021 an der Wiener Volksoper. Hier wollte die neue Direktorin Lotte de Beer das Haus ästhetisch radikal neu ausrichten. Weg vom traditionellen Operettenbetrieb, hin zu einem Theater, das Genregrenzen überschreitet, offensiv divers ist und neue Regiehandschriften ausprobiert.

Radikal anders: Volksoper in Wien (Foto: Volksoper)

Dafür stellte de Beer auch das Ensemble neu auf. Von damals 64 Sängerinnen und Sängern erhielten nach Medienberichten nur 25 einen neuen Jahresvertrag. 15 weitere sollten Residenz- oder Gastverträge bekommen, 14 Verträge wurden nicht verlängert. Über die tatsächliche Dimension des Umbaus gab es Streit: Betroffene warfen der neuen Leitung vor, wesentlich mehr feste Beschäftigungsverhältnisse aufzugeben, als die offiziellen Zahlen vermuten ließen.

Besonders kritisiert wurde damals auch das Verfahren. Langjährige Ensemblemitglieder mussten sich bei kurzen Vorsingen präsentieren, um ihre Zukunft am Haus zu sichern.

De Beer hat die Volksoper inzwischen tatsächlich verändert. Ihr künstlerisches Konzept wurde vielfach gelobt, ihr Vertrag bis 2032 verlängert. Das zeigt auch die andere Seite: Ein radikaler Umbau kann künstlerisch erfolgreich sein. Und es wäre wohl kaum möglich gewesen, die Volksoper grundlegend zu verändern, ohne auch das Ensemble neu zusammenzustellen.

Im System angelegt

In Münster ist aus der Auseinandersetzung inzwischen ein öffentlicher Protest geworden, in Düsseldorf ist diese Entwicklung ebenfalls absehbar. Die Gewerkschaft fordert grundsätzlich eine Reform der tariflichen Regelungen, und Münsters Oberbürgermeister Tilman Fuchs verweist darauf, dass die Nichtverlängerungen einer bundesweit üblichen Praxis entsprechen.

Theater ist sicherlich mehr als die ästhetische Handschrift seiner Intendantin oder seines Intendanten. Es wird auch von Menschen geprägt, die über Jahre hinweg ein Haus mitgestaltet haben, die ein Publikum kennen, miteinander gewachsen sind und eine eigene künstlerische Identität entwickelt haben.

Ein älterer Podcast, in dem Moss seine Theatervision erklärt.

Aber Theater darf auch nicht zum Museum seiner eigenen Geschichte werden. Wer Veränderung fordert, muss Veränderung zulassen. Mehr noch: Das deutsche Stadttheatersystem als Ensembletheater ist nur durch diesen Wandel denkbar. Sonst müssten viele Häuser auf ein sogenanntes Staggione-Konzept umsteigen und Verträge mit ganz unterschiedlichen, freien Künstlerinnen und Künstlern für jede einzelne Produktion schließen.

Und wer jungen Künstlerinnen und Künstlern Chancen eröffnen will, muss akzeptieren, dass andere dafür Platz machen. Dieser Kreislauf ist allen bekannt, die einen Vertrag am Theater unterschreiben. Diese Rotation gehört zur unbequemen Wahrheit des Ensembletheaters: Seine größte Stärke ist zugleich seine größte soziale Schwäche. Es lebt von langfristigen Bindungen und von der Möglichkeit, sie wieder zu lösen.

Verantwortung und Freiheit

Dass es bei Intendanzwechseln zu grundlegenden und sehr emotionalen Auseinandersetzungen kommt, ist kein Einzelfall. Und jeder Einzelfall an sich ist menschlich nachzuvollziehen: Für jeden, der mit seiner Familie an einem Ort lebt, Verbindungen zur Stadt und ihrer Gesellschaft aufgebaut hat, ist ein solcher Wechsel schwer. Erst recht, wenn man Teil eines künstlerischen Weges geworden ist, der viel eigene Leidenschaft und eigenes Engagement gefordert hat.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, ob Intendantinnen und Intendanten ihre Ensembles verändern dürfen. Natürlich dürfen sie das! Die interessantere Frage ist, wie wir die Menschen absichern, die von diesen Veränderungen betroffen sind. Ob es bessere Übergänge braucht, andere Vertragsmodelle, vielleicht auch mehr Verantwortung der Theaterträger. Denn eines ist ebenso klar: Wer künstlerische Freiheit fordert, muss auch die Verantwortung für ihre Folgen übernehmen.

Die Proteste in Münster sind deshalb nicht Ausdruck eines Skandals, sondern manifestieren einen grundlegenden Widerspruch unseres Theatersystems: Wir wollen die Sicherheit eines festen Ensembles und gleichzeitig die Freiheit, es immer wieder neu zu erfinden. Beides zusammen ist nicht ohne Konflikte zu haben.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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