
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute müssen wir einige Nachrichten der letzten Tage noch einmal sortieren, vieles wurde uns auf Wiedervorlage gelegt: Salzburg, Karajan, Timothée Chalamet – und ein Brief an Rolando Villazón. Außerdem schauen wir nach Bonn, in den Nahen Osten und Wolfram Weimer auf die Finger.
Villazon reagiert auf Kritik
Vor einiger Zeit hatte ich einen »Brief von Brüggi« an Rolando Villazón geschrieben: Es ging um seine Pamina-Suche. In jeder Stadt seiner Tournee soll eine andere Nachwuchssängerin an seiner Seite auftreten – von Gage war damals nicht die Rede. Nun schreibt der Sänger in einem »Brief an Brüggi«, was hinter seinem Projekt steckt, dass er die Förderung des Nachwuchses sehr ernst nimmt und die Künstlerinnen sehr wohl entlohnen will: »Ich habe den Einwand zur Kenntnis genommen, dass ein formelles Engagement den Künstlerinnen gegenüber fairer und transparenter sei. Ich habe darüber nachgedacht und stimme dem zu. Alle acht Künstlerinnen werden einen Vertrag bekommen, der die Konditionen ihres Auftritts im Konzert inklusive der Auftrittsgage ganz klar und branchenüblich regelt. Anfallende lokale Reisekosten werden selbstverständlich erstattet. Alle Gagen und Unkosten bezahle ich ebenfalls persönlich, mit großer Freude.« So geht Debatte, so geht Größe!

Wie geht es weiter an der Salzach?
Am 20. März wird das Kuratorium der Salzburger Festspiele erneut über die Zukunft von Markus Hinterhäuser beraten – bis dann wird auch eine Stellungnahme des Intendanten erwartet. BackstageClassical hat das Gerangel sehr lange und (zum Teil als betroffenes Medium) durchaus emotional begleitet. Um so wichtiger war es mir, auf der Zielgeraden noch einmal einen kühlen und sachlichen Blick auf die Situation zu werfen. Die Kultur-Ressortleiterin der Salzburger Nachrichten, Hedwig Kainberger, ordnet die Geschehnisse rund um die Festspiele in unserem aktuellen Podcast ein: analytisch, sachlich und perspektivisch. Sie macht vor allen Dingen klar: Es gibt keine politische Einflussnahme auf künstlerische Entscheidungen. Ich werde heute Abend dazu im KulturMontag des ORF sprechen. Derzeit gibt es unterschiedliche Varianten für kommenden Freitag: Entweder verlässt Hinterhäuser die Festspiele mit sofortiger Wirkung (also ab 21. März), oder er zieht sich nach dem Festspiel-Sommer zurück. Er könnte auch erst nach den Festspielen 2027 (die er wohl zum größten Teil schon geplant hat) zurücktreten, oder – auch das ist noch nicht ganz vom Tisch – sein Vertrag wird doch bis zum Ende weiterlaufen. Die letzten beiden Varianten halte ich persönlich allerdings für eher unwahrscheinlich. Hier geht es zur letzten Ordnung der Dinge vor dem Showdown. Und hier ein Überblick über die möglichen Nachfolgerinnen und Nachfolger.
Karajan-Debatte weitet sich aus
Die Debatte um Herbert von Karajan, seine Rolle in Nazi-Deutschland und das Buch Genie und Gewissen von Michael Wolffsohn ist diese Woche noch einmal aufgeflammt. Nachdem der Historiker Oliver Rathkolb bei BackstageClassical schon Kritik übte, erhebt nun auch der Musikwissenschaftler Friedrich Geiger im Spiegel Vorwürfe gegen Wolffsohns Arbeitsmethoden und Schlussfolgerungen: »Der wissenschaftliche Wert ist gering, die Tendenz deutlich erkennbar, der Ton anmaßend.« Ich habe den Streit um das Buch noch einmal in einem ausführlichen Text zusammengefasst.

Interessiert niemanden mehr
Ja, ja, ja: Es ist alles über Timothée Chalamets Opern-Bashing gesagt und geschrieben worden. Wirklich alles? Nein! Der Intendant des Podium Esslingen, Joosten Ellé, beschreibt in seinem Essay bei BackstageClassical, welche Konsequenzen wir aus der ganzen Debatte ziehen sollten: »Findet die Leichtigkeit im Spiel wieder. Bohrt euch in die Tiefe eures Nerdtums. Übt wie verrückt. Inszeniert bis sich die Bretter biegen. Feiert die Schrägheit, die Komplexität, die Radikalität eurer Kunst. Aber macht das alles ohne Angst. Relevanz lässt sich nicht herbeidiskutieren. Sie entsteht da, wo man selbstverständlich ist und diese Selbstverständlichkeit kann nur dort entstehen, wo man zu allererst selbst von der eigenen Kunst überzeugt ist.« Und das war nun wirklich das letzte Wort!
Baut Bonn eine neue Oper?
Die kommenden Jahre stehen unsere Theater und Opern auch deshalb im Zentrum der Debatte, weil viele von ihnen marode sind. Die Bundeshauptstadt Bonn steht nun vor einer Grundsatzentscheidung: Das alte Haus kostspielig sanieren oder einfach ein neues bauen? Die maroden Theatergebäude zwingen die Stadt, über einen neuen Kulturstandort nachzudenken – mit möglichen Folgen für Stadtbild, Kosten und kulturelle Identität. Bei BackstageClassical haben wir die aktuelle Debatte einmal zusammengefasst.
Briefe von Brüggi
In dieser Woche habe ich drei Briefe geschrieben – und einen erhalten:
- An Peter Heilker den designierten Intendanten in Leipzig
- An Wolfram Weimer, den hoffentlich bald Ex-Kulturminister
- An die Dresdner Philharmonie, die sparen muss
- Von Rolando Villazón, der Künstlerinnen fördern will

Kulturförderung vom Golf
Wenn die Salzburger Osterfestspiele dieses Mal mit den Berliner Philharmonikern und Kirill Petrenkos Dirigat von Wagners Rheingold eröffnen, fließt auch Geld vom Golf an die Salzach – Katar ist einer der Hauptsponsoren des Festivals. Aber auch Peter Gelb in der New Yorker Met hofft auf Millionengelder aus Saudi-Arabien. In einer Zeit, in der die europäischen Kulturnationen immer weniger für ihr kulturelles Erbe ausgeben, liegen immer mehr Hoffnungen auf Millionen-Ölgeldern aus Nahost. Aber das ist gerade in Zeiten des Krieges ein problematisches Unterfangen. Bei BackstageClassical schaue ich mir die westlichen Hoffnungen, die Interessen am Golf und die aktuelle Situation einmal genauer an.
Personalien der Woche

Es war eine krampfhafte Suche mit vielen Fehlern. Aber nun hat Leipzig einen neuen Opernintendanten gefunden: Peter Heilker vom Theater an der Wien – ob er genügend Kraft hat, einen dringenden Strukturwechsel in Leipzig voranzubringen? Ich habe Zweifel. +++ Richard Grenell, ein enger Vertrauter von US-Präsident Donald Trump, verlässt nach rund einem Jahr seinen Posten als Leiter des John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington – Nachfolger wird Matt Floca. Eine Reaktion des Präsidenten auch darauf, dass immer mehr Künstlerinnen und Künstler dem Haus einen Korb gegeben haben? +++ Nachdem das Board des Boston Symphony Orchestra beschlossen hat, Andris Nelsons Vertrag nicht zu verlängern, haben einige Musikerinnen und Musiker protestiert. Nelsons wird aber wohl trotzdem gehen müssen. +++ Die Philharmonie in Dresden muss sparen. Eine der Überlegungen: Sängerinnen und Sänger des (ehrenamtlichen) Chores sollen in Zukunft Kohle zahlen, um mitsingen zu können. Ob das eine gute Idee ist? +++ Am Mittwoch spielt die vorerst letzte Aufführung meiner Peter und der Wolf-Adaption für das Hamburgische Staatsorchester im Tivoli auf St. Pauli – nun hat auch das heute journal über das Stück, das den Mörder Mucki Pinzner und Prokoffjews Musik miteinander verbindet, berichtet: Die Aufführungen sind ausverkauft, eventuell gibt es kommende Saison eine Wiederaufnahme.
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier: Auch Kulturstaatsminister können nicht tun, was sie wollen. Für Wolfram Weimer wird es eng. Er hat es sich mit so ziemlich jeder kulturellen Gruppe verspielt: den Opernfans (unsichere Bayreuth-Förderung), der Filmbranche (Berlinale) und nun auch – vollkommen unnötig – mit dem Buchhandel (abgesagter Buchhandelspreis). Claudius Seidl hat in der Süddeutschen einen wunderbaren Verriss der Arbeit des Kulturstaatsministers aufgeschrieben, und ich habe mich für den Freitag daran erinnert, wie Weimers Presse-Wuffis mir nach meinen ersten kritischen Texten überhebliche Absurd-Mails geschickt haben. Darin wollten sie mir erklären, dass ich »außerhalb der Seitenlinie« stünde. Nicht ausgeschlossen, dass das Spielfeld die ganze Zeit woanders war als der Kulturstaatsminister dachte. Auf jeden Fall kann man kaum noch weiter außerhalb der Kulturszene stehen als Wolfram Weimer in diesen Tagen. Zeit, den Rückzug anzutreten und an einen Kulturpolitiker zu übergeben, der tut, was ein Kulturpolitiker tun sollte: Jenseits des Scheinwerferlichtes Dinge abarbeiten. Bahn frei für Carsten Brosda!
In diesem Sinne: halten Sie die Ohren steif.
Ihr
Axel Brüggemann

