Ein Kopfstand für die Staatskapelle

April 27, 2026
1 min read
Peter Güke (Foto: Wandke, MDG)

Wie Peter Gülke die Stasi verwirrte. Ein schmunzelnder Nachruf von MDG-Chef Werner Dabringhaus.

English summary: Obituary for conductor and scholar Peter Gülke highlights his profound impact on music and thought. Werner Dabringhaus recalls their collaboration and a humorous Stasi incident where Gülke, calmly doing a headstand mid-interrogation, so baffled officials that they released him.

Der Dirigent, Musikwissenschaftler und Autor Peter Gülke ist tot. Mit ihm verliert die Musikwelt einen ebenso kenntnisreichen wie reflektierten Künstler, der Interpretation und Analyse auf besondere Weise verband.

Gülke, 1934 in Weimar geboren, prägte über Jahrzehnte das Musikleben als Dirigent und Intendant. Er leitete unter anderem die Brandenburger Symphoniker, war Kapellmeister an der Staatsoper Dresden und leitete dort auch das Symphonieorchester der Musikhochschule. Außerdem war er ab 1981 Generalmusikdirektor der Staatskapelle Weimar. Zugleich machte sich Gülke als Musikwissenschaftler und Essayist einen Namen. Seine Schriften gelten als wichtige Beiträge zum Verständnis musikalischer Strukturen und Aufführungspraxis. Für sein Wirken wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit renommierten Preisen der deutschen Musikkultur.

Hier ruft ihm der Tonmeister und Gründer des Labels MDG, Werner Dabringhaus, nach:

Lieber Peter,

gerne möchte ich Dir etwas nachrufen. Wir sind uns immer wieder begegnet, Du mit Deinen Musikern zunächst in Wuppertal und später in Brandenburg – ich mit meinen Mikrofonen.

Es war immer eine ganz fantastische Zusammenarbeit, ich werde nie vergessen, wie das Orchester die acht Takte Überleitung zur Wiederholung der Exposition in Schuberts Achter völlig überrascht das erste Mal überhaupt gespielt hatte. Und: Es war genau richtig, denn nur so offenbart sich die ganze Größe einer im direkten Umfeld von Beethovens 9. entstandenen Sinfonie. »Schubert konnte auch ohne Chor die ganz große Form« war Dein knapper Kommentar.

Unvergessen Deine immer mit gewissem verschmitztem Lächeln vorgetragenen kleinen Geschichten über die große Musik – lass mich eine Ankekdote hier erwähnen, die bestimmt in keinem der Nachrufe vorkommt, mir aber besonders imponiert hatte:

Du warst nach einer Tournee als Chef der Weimarer Staatskapelle in die Fänge der Stasi geraten. (Einige Musiker waren nicht wieder aus dem Westen in die DDR zurückgekehrt.) Man befragte Dich stundenlag, bis Du irgendwann gesagt hattest: »Tut mir leid, ich habe heute Abend ein Konzert zu dirigieren und muss mich jetzt vorbereiten« – sprachst es und wechseltest vor dem staatssichernden Schreibtisch in den Kopfstand. Vor lauter Überraschung und Irritation hat man Dich umgehend frei gelassen.

Danke für die vielen wunderbaren menschlichen und musikalischen Momente,

Werner Dabringhaus

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