Die verlorene Generation

April 29, 2026
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Der Dirigent im besten Alter wird von der neuen bunten Klassik-Mode überholt. (Bild: KI)

Große Orchester engagieren schillernde Stars, die Erfahrung wird zweitrangig. Ältere Dirigenten schauen in die Röhre. Jahrelange Erfahrung jenseits der Metropolen ist weniger gefragt als Glamour und Jugend.

English summary: Major orchestras increasingly favor young, charismatic conductors with striking stories over experienced veterans. Careers now rise fast without traditional training paths, sidelining older maestros. While fresh faces bring energy and visibility, critics warn that hype may outweigh substance and disconnect elite institutions from grassroots musical work and long-term artistic development.

Wenn es stimmt, dass das Cleveland Orchestra Santtu-Matias Rouvali zum neuen Chefdirigenten ernennen will, bestätigt das nur einen allgemeinen Trend: Große Orchester wählen in den letzten Jahren besonders gern jüngere Dirigentinnen und Dirigenten mit außergewöhnlichen Geschichten an ihre Spitze – oder laden sie zumindest in ihre Konzerte ein.

Über Rouvalis US-Verpflichtung gibt es derzeit unterschiedliche Versionen: Die einen sagen, das Orchester treffe erst Ende des Jahres eine endgültige Entscheidung, dennoch ist Clevelands Intendant André Gremillet gerade zu einem Rouvali-Konzert nach Wien gereist.

Egal, wer am Ende das Rennen macht: Einer wie der blonde Lockenkopf aus Finnland fällt im Klassik-Zirkus aus dem Rahmen. Rouvali spricht nur ungern mit Medien, hat keine große Lust auf den Klassik-Jet-Set, geht zur Work-Life-Balance gern angeln und verschwindet am liebsten in den Wald, um Wildschweine zu jagen. Beim Musikmachen taucht er dann gemeinsam mit seinen Orchestern tief hinab und sucht vor allem den Klangrausch und eine Menge Spaß. Das London Philharmonia Orchestra ist unter ihm zwar nicht außergewöhnlich aufgefallen, aber Santtu-Matias Rouvali ist definitiv anders. Er sorgt für Aufsehen. Und das ist für einige Orchester eine durchaus wichtige Währung.

Die jungen Wilden

Viele der aktuell heiß gehandelten »Pultstars« haben ähnliche Biografien oder ausgefallene Geschichten – und oft nur wenig Erfahrung an Repertoire-Häusern. Einer der aktuell wohl erfolgreichsten Dirigenten ist der erst 30-jährige Klaus Mäkelä. Der finnische Cellist hat einen wahren Hype ausgelöst und große Orchester weltweit in einen Millionen-Poker um seine Verpflichtung getrieben. Er ist Chefdirigent in Paris und übernimmt in Zukunft das Chicago Symphony Orchestra und das Concertgebouw-Orchester in Amsterdam. Viel Last für einen jungen Mann, dessen musikalische Interpretationen schon jetzt nicht mehr so einhellig gefeiert werden wie noch vor einigen Jahren.

Überhaupt die Finnen! »Er ist noch viel besser als Mäkelä« – so wird derzeit über den erst 26-jährigen Tamo Peltokoski gesprochen. Er ist designierter Chefdirigent des Hong Kong Philharmonic Orchestra und wurde mit einem Exklusiv-Vertrag bei der Deutschen Grammophon ausgestattet. Allerdings ist hier viel PR-Geschnatter dabei. Ebenso wie bei Mäkelä kann man nicht sicher sein, ob Peltokoskis musikalische Qualität mit dem Turbo seiner Karriere mithalten wird. Bei Spotify ist er gerade als Mozartdirigent mit der Kammerphilharmonie Bremen zu sehen (in einem mies produzierten Video!). Eine Aufnahme, bei der es derart klappert und scheppert, dass man nicht versteht, wer dieses misslungene Projekt überhaupt freigegeben hat. Peltokoski ist sicherlich ein unglaublicher Klassik-Nerd. Ob er aber langfristig zu einem Meisterdirigenten wächst? Vorsicht ist geboten. Eine Karriere wie die von Pietari Inkinen zeigt, wie schnell der Aufstieg eines Wunderkindes stagnieren kann.

Der Dirigent Santtu-Matias Rouvali (Foto: Borggreve)

Und dann sind da natürlich noch die spannenden Dirigentinnen, auf die sich derzeit viele Orchester geradezu stürzen. Marie Jacquot (frisch gebackene Chefdirigentin beim WDR), Elim Chan (sie gastiert gerade bei allen großen Orchestern), Karina Canellakis (die erste Gastdirigentin beim London Philharmonic Orchestra ist derzeit ebenfalls bei den international angesagten Ensembles zu Gast), Mirga Gražinytė-Tyla (die ehemalige Chefin aus Birmingham gastiert in der ganzen Welt), die litauische Dirigentin Giedrė Šlekytė oder Joana Mallwitz (Chefin des Berliner Konzerthausorchesters). Nicht allein, dass viele dieser Musikerinnen sehr gut sind, es ist verständlich, dass Orchester den Frauen – nachdem sie in der jahrhundertelangen Musikgeschichte brutal benachteiligt wurden – nun Vorfahrt bei der Jobsuche gewähren.

Die neuen Gesichter tun der klassischen Musik ja auch gut: Spannende und dynamische Biografien, die sowohl den Orchestern als auch dem Publikum aufregende Konzerte versprechen. Dirigentinnen und Dirigenten, die sich weniger um die zähe und oft aufreibende Tagespolitik eines Ensembles kümmern, um die soziale und finanzielle Verankerung der Orchester innerhalb einer Stadt. Junge Künstlerinnen und Künstler, die sich lieber voll und ganz auf den Klang eines Abends konzentrieren: 100 Prozent für Mahler, Mozart oder Mendelssohn statt die mühsame Auseinandersetzung mit Kämmerern, Bürgermeistern, Freundeskreisen oder Sponsoren.

Die alten Mechanismen funktionieren nicht mehr

Ihr schneller Aufstieg setzt dabei allerdings einen alten Mechanismus des Klassik-Betriebs außer Kraft. Lange Zeit begann eine internationale Dirigenten-Karriere in einem (meist) deutschen Stadttheater, nahm ihren Lauf über eine GMD-Stelle an einem größeren Haus und führte dann irgendwo – oft über ein Radioorchester – in die Weltspitze. Es galt der alte Grundsatz, dass es wichtig sei, zunächst einmal ein paar Jahre den täglichen Chaos-Betrieb einer Oper zu managen, um mit allen Wassern (und dem entsprechenden Handwerk) für die großen Ensembles gewaschen zu sein. Von dieser Tradition ist inzwischen kaum noch etwas übrig.

Kein Wunder also, dass ein leises Grummeln in einer Generation zu vernehmen ist, die noch auf diesen Karrierewegen gesetzt hat und nun, da der letzte Sprung zu den ganz großen Orchestern, ans Pult der Berliner oder Wiener Philharmoniker, nach Cleveland oder Boston nicht stattfindet, erkennen muss, dass der Weg nach oben ins Stocken gerät.

Natürlich war die Arbeit im regionalen Weinberg der Musik noch nie Garantie für eine Weltkarriere. Aber es ist durchaus nachvollziehbar, wenn sich einige Dirigenten ausgebremst vorkommen und dafür einen nach neuen Regeln tickenden Klassik-Markt verantwortlich machen. Viele von ihnen sind erstklassige Musiker, die mit langem Atem jenseits der Metropolen begeistern und ihre Ensembles mitten in der Gesellschaft verankern.

Arbeit im Weinberg der Musik

Dirk Kaftan hat genau das mit dem Beethovenorchester in Bonn geschafft: Aufopferungsvoll hat er mit großem persönlichem Engagement (und allerhand Karriere-Verzicht) sein Ensemble positioniert und den Vertrag gerade noch einmal verlängert. Markus Stenz hat das Gürzenich-Orchester in Köln 11 Jahre lang geleitet, Axel Kober war verantwortlich für die Glanzzeit der Oper Leipzig (an der Seite von Riccardo Chailly) und hat die Deutsche Oper am Rhein (ebenso wie die Duisburger Philharmoniker) zu großartigen Ensembles entwickelt. Patrick Lange hat die musikalische Qualität an der Oper in Wiesbaden erheblich verbessert, Sebastian Weigle die Oper in Frankfurt musikalisch positioniert, Markus Bosch hat das Haus in Nürnberg, später in Rostock geprägt und ist überaus erfolgreich mit seinem eigenen Festival in Heidenheim. Die Liste der Namen ist endlos: Alexander Liebreich, Cornelius Meister, Marc Albrecht, Ingo Metzmacher, Jukka-Pekka Saraste oder Alan Gilbert.

Gut inszeniert und von vielen gefeiert: Dirigentin Joana Mallwitz (Foto: Pauly)

Klar, es gibt auch Gegenbeispiele wie die Ausnahmeerscheinungen Kirill Petrenko oder Christian Thielemann (beide haben ihre Karrieren durchaus im Alltag an kleineren Opernhäusern begonnen), wie Vladimir Jurowski oder Markus Poschner, der jetzt endlich sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gibt.

Die anderen gehen ein größeres Risiko

Aber für einen Großteil der Generation der »Boomer« und der Generation X geht es nicht mehr automatisch bergauf. Manche Karrieren sind ins Stocken geraten, weil den Dirigenten der Mut fehlte, ins offene Wasser zu springen, weil sie – anders als die jungen Musikerinnen und Musiker – nicht auf das freiberufliche Jetsetting setzen wollten. Manche, weil sie sich als Chefdirigenten im Klein-Klein des Alltagsgeschäfts aufgerieben haben, oder aber, weil sie schlicht und einfach irgendwann unter die Räder (oder außerhalb des Radars der Agenturen und großen Orchester) geraten sind, als der Klassik-Markt plötzlich vollkommen andere Dirigentenpersönlichkeiten suchte.

Wenn man mit Intendantinnen und Intendanten über dieses Phänomen spricht, hört man oft ein Bewusstsein über die Situation, aber auch die Argumentation, dass die neue Generation einfach anders tickt, spannender sei, mehr Risiko eingehe und sowohl innerhalb der Orchester als auch beim Publikum besser zu vermitteln sei.

Bedeutet all das, dass die Arbeit im Weinberg der klassischen Musik nichts mehr wert ist? Ist es klug, wenn die großen Orchester die Arbeit an den kleineren Häusern immer weiter von ihrem eigenen Betrieb abkoppeln? Wenn der Quereinsteiger nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel wird? Werden die Stadttheater, die an vielen Orten um ihre Existenz kämpfen, von Sprungbrettern für Weltkarrieren zu Verhinderern einer weiteren Karriere? Und was bedeutet diese Entwicklung für die Breitenwirkung der klassischen Musik in den Städten jenseits der Metropolen?

Jeder Markt sucht aufregende Geschichten, junge Gesichter und Menschen, die sich nicht im Klein-Klein aufhalten, sondern groß denken. Aber das internationale Geschäft der klassischen Musik kann nur dann Blüten treiben, wenn es die Verbindung zu den Wurzeln nicht kappt. Vielleicht lohnt die Überlegung, mal wieder einen »alten Recken« zu engagieren gerade in diesen Zeiten, da neue Trends ebenso schnell vergehen wie sie geboren werden.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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