»Es war Mord« – Bachmanns Malina als Oper

April 27, 2026
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Malina in Schwetzingen (Foto: Fath)

Mit Ingeborg Bachmanns »Malina« wagen sich die Schwetzinger SWR Festspiele an einen der rätselhaftesten Texte der Nachkriegsliteratur. Aus dem fragmentarischen Bewusstseinsstrom formt das Komponistenduo eine atmosphärisch dichte Oper.

English summary: The Schwetzingen SWR Festival opens with an operatic adaptation of Ingeborg Bachmann’s “Malina,” turning its fragmented, autobiographical text into an atmospheric, enigmatic score. Strong vocals meet uneven orchestral balance as it probes identity and violence.

»Es war Mord.« Die letzten Worte von Ingeborg Bachmanns einzig vollendetem, autobiographisch gefärbtem Roman Malina aus dem Jahr 1971 gehören zu den berühmtesten Schlusssätzen der Literatur. Die namenlose Ich-Erzählerin verschwindet in einem Riss in der Wand.

Wurde sie getötet? Ist sie am Patriarchat untergegangen? Hat sie nur ihre Stimme verloren und auf Malina, ihr männliches Alter Ego übertragen? Gerade die Offenheit und der Assoziationsreichtum, aber auch die Musikalität von Bachmanns Sprache veranlassten die Librettistin Tina Hartmann und das Komponistenduo Karola Obermüller und Peter Gilbert daraus eine Oper zu machen, die nun die 74. Schwetzinger SWR Festspiele eröffnete: atmosphärisch dicht, melodiös, rätselhaft. 

Alles ist Bachmann, was gesungen und gesprochen wird. »Hoffnungslos ist meine Beziehung«, sagt Ich zu Beginn, »Ich habe in Ivan gelebt. Ich sterbe in Malina« am Ende. Es gibt keine durchgehende Handlung, sondern eine sprunghafte Aneinanderreihung von Alltagsszenen, Selbstreflexionen, Märcheneinsprengsel und Alpträumen. Wie der Bewusstseinsstrom der Erzählerin reißt auch die Musik nicht ab. Klangflächen verbinden die Bilder miteinander, dumpfe Schlagzeugrhythmen tragen in Übergängen den Puls der Protagonistin weiter.

Musikalischer Akt

Die Musik von Karola Obermüller und Peter Gilbert kann in diesem Auftragswerk des Theater Aachen auch mal illustrativ sein, wenn ein im Video (Fabio Stoll) angedeuteter Geschlechtsakt mit penetranten Repetitionen im Orchester untermalt wird. Immer wieder verwenden die beiden Oktavklänge, die sich zu scharfen Dissonanzen verschieben und wieder zurück in die Konsonanz gleiten: ein hörbares Zeichen für die spannungsreiche, vielschichtige Beziehung zwischen Ich und Malina, die sich am Ende in der Vereinigung auflöst.

Larisa Akbari schenkt der Hauptfigur Ich mit ihrem flexiblen Sopran viele Zwischentöne – von hellen Momenten der Hoffnung bis zur Ohnmacht und völligen Verzweiflung. Valer Sabadus ist mit seinem androgynen Countertenor eine ideale Besetzung für Malina, wenn er mit einem kühlen Lächeln die Melodien belebt, und doch ganz konturenlos bleibt.

Malina in Schwetzingen (Foto: Fath)

Regisseurin Franziska Angerer unterstützt diese Ungreifbarkeit, indem sie ihn an verschiedenen Orten im Zuschauerraum des Schwetzinger Schlosstheaters positioniert. Der Bariton Micah Schroeder als cooler, zynischer Liebhaber Ivan, die Koloratursopranistin Jelena Rakić als höhensichere Prinzessin im schwarzen Kleid und der Tenor Ángel Macías als etwas forciert singender Prinz komplettieren mit den Kindern Melissa Zingsem (Béla) und Bela Scheuritzel (András) das Solistenensemble. Was die vielen gesprochenen Texte angeht, erreicht die Premiere leider nicht das sängerische Niveau. Sie wirken oft wie auswendig gelernt, werden teilweise nicht akzentfrei gesprochen und entfalten wenig Präsenz. 

Luft nach oben

Auch das Sinfonieorchester Aachen, das erstmals in Schwetzingen im Graben sitzt (nächstes Jahr soll wieder das SWR Symphonieorchester spielen), hat unter der Leitung von Chanmin Chung Luft nach oben. Gegenüber den Solisten ist es tendenziell zu laut, manchen Details vor allem im Schlagzeug fehlt es an Raffinesse und Klangqualität.

Stärker agiert das Orchester, wenn sich Melodien in den Holzbläsern oder dem Solocello entfalten. Auch die Koordination mit den Gesangsstimmen und dem aus Lautsprecherboxen eingespielten Chor des Theaters Aachen gelingt ausgezeichnet. Enorm plastisch klingt das Orchester im zweiten Kapitel Der dritte Mann, wenn zu Alpträumen von Gaskammer, Gewalt (»den roten Henkersmantel mit schwarzen Stiefeln«), Missbrauch (»Er kommt ins Zimmer. Altes Blut. Wie hungrig ist mein Vater heute?«) Glissandi den Boden unter den Füßen wegziehen. Der Vater taucht als großer Schatten an der roten Wand auf.

Auch szenisch spielt Blut eine große Rolle (Bühne und Kostüme: Pia Dederichs). Ein Spiegel als Symbol für Selbstreflexion, eine kopflose, riesige Pferde-Skulptur, die von der Decke schwebt als Verweis auf die integrierte Märchenerzählung Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran, Blumen mit Augen – die expressive Darstellung passt gut zur bildhaften Sprache von Ingeborg Bachmann, die am 25. Juni 2026 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte.  

Was nächstes Jahr kommt

Im zweiten Jahr der Intendantin Cornelia Bend präsentieren die Schwetzinger SWR Festspiele unter dem diesjährigen Motto »Haltung« mit Claudio Monteverdis Oper Orfeo als Koproduktion mit dem Nationaltheater Mannheim (Musikalische Leitung: Residenzkünstler Jörg Halubek, Regie: Markus Bothe, Premiere am 2.5.) noch eine zweite szenische Produktion. Georges Bizets CarMEN (mit dem Sopranisten Maayan Licht und der Drag-Formation The Queens of Mannheim, 14.5.) und Johann Strauss‘ Operette Die Fledermaus (mit dem Schauspieler Boris Alijnovic und dem clair-obscur saxophonquartett, 15.5.) zeigen Musiktheater im neuen Gewand.

Überhaupt legt Bend großen Wert darauf, die gängigen Klassikformate aufzubrechen und neues Publikum zu generieren. Bei der Rock Lounge des Signum Quartetts treffen Led Zeppelin auf Ludwig van Beethoven. Ein reiches Vermittlungsprogramm richtet sich speziell an Schulen. 

Zurück zu Malina: Nach den elektronisch eingespielten Worten »Es war Mord« summt die Prinzessin weiter. Zarte Wassertropfen und Gongs entfalten eine friedliche Stimmung. Nach all dem Dunklen schimmert Licht in das allmähliche Verstummen. Eine tiefe Ruhe ist zu spüren, ehe das erste Klatschen die Spannung bricht. 

Folgevorstellungen am Theater Aachen: 2./8. Mai, 6./25. Juni 2026. „Malina“ im Radio: SWRKultur, 27. Juni, 20.03 – 23.00 Uhr. Das Festival dauert bis 23.Mai 2026. Infos unter www.swr.de/schwetzinger-swr-festspiele

Georg Rudiger

Georg Rudiger hat Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Freiburg und Wien studiert. Er beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und dem Elsass - als fester Freier für die Badische Zeitung, überregional u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, neue musikzeitung und Der Tagesspiegel. Er ist bei wichtigen Musikfestivals und Opernpremieren (Jurymitglied der Opernwelt), gelegentlich auch Rock- und Jazzkonzerten.

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