Warum wir investigativen Kulturjournalismus brauchen

August 9, 2024
2 mins read
Recherche ist auch in der Kultur nötig. (Foto: BC)

Noch immer bedeutet Journalismus in der Kultur oft: Kritik. Dabei zeigen Fälle wie Teodor Currentzis, François-Xavier Roth, aber auch das Verhalten einiger Intendanten und die prekären Verträge der Branche, dass gerade in der Kultur Recherchejournalismus wichtig ist

Kultur ist nicht nur die Tapete unseres Alltags. Sie ist – im Idealfall – ein freier Diskursort, und im Problemfall: Ort politischer Propaganda. BackstageClassical versteht sich nicht nur als Nachrichten- und Rezensionsportal, sondern versucht auch hinter die Kulissen des Klassik-Betriebes zu schauen. Wir tun das im Umgang von Intendantinnen und Intendanten mit ihrer Macht, bei der Problematik prekärer Verträge in der Kultur, bei der Ungleichbehandlung von Menschen mit Einschränkungen und natürlich auch, wenn es politisch wird.   

Kontinuierlich begleiten wir etwa die Russland-Verflechtungen von Teodor Currentzis, haben die Netzwerke seiner Geldgeber aufgedeckt, europafeindliche Posts seiner Musiker und ihn immer wieder persönlich um Stellungnahme gebeten. Viele Medien haben unsere Berichterstattung aufgegriffen. Gerade erschien in der New York Times ein kritischer Bericht, der schlussfolgert: »Was wird aus seinem Lebenswerk, wenn er weiterhin den Spaatz zwischen dem Westen und der russischen Politik schaffen will? Krieg ist oft auch ein moralischer Testfall, und Currentzis Erbe wird auch daran gemessen, wie er sich heute verhält.«

Wir haben uns auch immer wieder um das Vorgehen des SWR – besonders von Programmdirektorin Anke Mai und Orchestergesamtleiterin Sabrina Haane –  in dieser Causa gekümmert, mit dem Ergebnis, dass die Kolumne von BackstageClassical-Gründer Axel Brüggemann beim Sender gestrichen wurde. 

Um so wichtiger ist es, dass auch Magazine wie VAN innerhalb der Kultur recherchieren: Die Kolleginnen und Kollegen haben maßgeblich die Vorwürfe gegen den Dirigenten François-Xavier Roth recherchiert. 

Unterstützen Sie unseren Journalismus mit Ihrer Spende. Einfach auf das Bild klicken und mitmachen.

Auch hier sorgt investigativer Journalismus für Druck: Die Badische Zeitung berichtete vor fast zwei Wochen, dass 48 Musikerinnen und Musiker sich gegen den SWR gestellt haben. Letzten Montag hatten wir das hier bei BackstageClassical aufgegriffen, einen Tag später berichtete auch der BR, und heute kommentiert Christian Wildhagen in der NZZ: »Das von der Leitung des Orchesterbereichs beim SWR gewollte Stillschweigen zur Causa Roth wurde inzwischen ohnehin durchbrochen. (…) Mit der wohlmeinenden Idee einer zweiten Chance für Roth dringen die SWR-Verantwortlichen schon länger nicht mehr durch. Für den Sender wird der öffentlich ausgetragene Konflikt zunehmend zum Problem: Neben Shitstorms im Netz mehrt sich die Zahl verunsicherter Abonnenten und Sponsoren. Ebenso dürften künftige internationale Auftritte mit Roth vielerorts kaum mehr vermittelbar sein. Das alles erhöht den Druck auf den SWR, bald eine klare Entscheidung zu kommunizieren. Alles andere als eine vorzeitige Vertragsauflösung wäre eine Überraschung.« Bei BackstageClassical haben wir das Thema mit ganz unterschiedlichen Meinungen debattiert.

Es zeigt sich also immer wieder, wie dringend nötig auch in der Kultur ein Journalismus ist, der hinschaut, Missstände aufdeckt – und eine offene Debatte aus allen Perspektiven führt.

Über genau diese Notwendigkeit hat sich Axel Brüggemann im neuen Podcast von Kulturmanager Fabian Burstein unterhalten. Hier ist die aktuelle Folge des Podcasts Bühneneingang:  

BackstageClassical

BackstageClassical bringt Ihnen Debatten und Nachrichten aus der klassischen Musik. Die Seite ist kostenfrei. Bestellen Sie unseren Newsletter oder unterstützen Sie unseren unabhängigen Musikjournalismus durch Ihre Spende.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.

Verpassen Sie nicht ...