Russlands Biennale Musik

Mai 3, 2026
1 min read
Russischer Pavillon auf der Biennnale

Russlands Rückkehr zur Biennale in Venedig löst scharfe Kritik aus: Trotz Angriffskrieg spricht Moskau von kultureller Vielfalt, während EU und Ukraine den Pavillon als Propaganda und „Kulturwashing“ verurteilen. Die Musik soll eine Hauptrolle spielen.

Dass Russland trotz des anhaltenden Angriffskrieges gegen die Ukraine mit einem eigenen Pavillon zur Kunstbiennale in Venedig zurückkehrt sort für internationale Kritik. Innerhalb der EU und der ukrainischen Kulturszene wird der Schritt als »Kulturwashing« kritisiert. Die Jury der Biennale ist inzwischen ebenfalls zurückgetreten.

Russlands Sonderbeauftragter für internationale kulturelle Zusammenarbeit Mikhail Shvidkoi, ehemaliger Kulturminister und enger Putin-Vertrauter, bestätigte die Teilnahme seines Landes und pries sie als Beweis gegen westliche »Auslöschungsversuche« der russischen Kultur. Er versprach eine »mehrsprachige Polyphonie der Kulturen«.

Tatsächlich verrät bereits die Auswahl der Kommissarin des russischen Nationalpavillons die Tendenz: Anastasiia Karneeva ist Tochter des Ex-Rostec-Chefs Nikolai Karnejew (ein ehemaliger FSB-General und Rüstungskonzern-Vorstand), außerdem ist sie Geschäftspartnerin von Ekaterina Vinokurova, der Tochter des Außenministers Sergej Lawrow.

Sie plant unter dem Titel The Tree is Rooted in the Sky (Der Baum ist im Himmel verwurzelt) eine Art Musikfestival, beziehungsweise ein Musical, das im Pavillon der Giardini als Video aufgenommen werden soll. Nach Medienberichten sollen über 50 Musiker, Dichter und Philosophen aus Russland sowie Argentinien, Brasilien, Mali und Mexiko eingebunden sein. Offensichtlich soll der Pavillon  nur während der Preview-Tage (vor dem 9. Mai) geöffnet sein. In dieser Zeit soll ein Film entstehen, der danach gezeigt wird. 

Als einer der Teilnehmer wird von russischer Seite auch der Komponist Alexey Retinsky genannt. Er hat ukrainische Wurzeln, lebt in Wien wird aber bei Wikipedia inzwischen als »russischer Künstler« geführt. Retinsky war immer wieder Partner des umstrittenen Dirigenten Teodor Currentzis, dessen Ensemble MusicAeterna ebenfalls staatsnah finanziert ist (VTB-Bank, Gazprom), und dessen Schweigen zum Ukraine-Krieg in Kiew und Europa kritisch gesehen wird. 

Currentzis hat Retinsky als einen der zentralen Komponisten seiner Programmatiken etabliert: In St. Petersburg war er erster »Resident Composer« bei musicAeterna. Auch für den SWR gab Currentzis mehrere Kompositionsaufträge in Auftrag, darunter La Commedia, das 2023 in Stuttgart Premiere hatte und mit Werken von Manoury, André und Schwartz eine eigene Mahler‑inspirierte Reihe bildete.

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kündigte aus Protest über die Teilnahme Russlands Kürzungen von Fördermitteln an und nannte die Rückkehr des russischen Pavillons als »moralisch falsch«. In der Ukraine und Litauen protestieren Medien und Aktivisten gegen die Präsenz eines Landes, das ukrainisches Kulturerbe zerstört. Und auch die Band Pussy Riot hat bereits Protest gegen den Russischen Pavillon während der Biennale angekündigt. 

BackstageClassical

BackstageClassical bringt Ihnen Debatten und Nachrichten aus der klassischen Musik. Die Seite ist kostenfrei. Bestellen Sie unseren Newsletter oder unterstützen Sie unseren unabhängigen Musikjournalismus durch Ihre Spende.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Die neue Spießigkeit

Opernhäuser versuchen auf Instagram ein neues Publikum zu erreichen und werben lieber mit Aperol-Spritz als mit Arien. Ein Panoptikum der Peinlichkeiten.

Hinterhäuser meldet sich zurück

Der ehemalige Intendant der Salzburger Festspiele wird im Juli gemeinsam mit Matthias Goerne ein neues Schumann-Album vorstellen – ob es zu einem Konzert in Salzburg kommt, scheint ungewiss.

Liebe Annette Josef,

Der MDR schaltet seinen Klassik-Sender ab und verkauft das ganze als Gewinn. Das ist mehr als ein gefährliches Spiel.

Videoanalyse im Fall Gardiner 

John Eliot Gardiner wird kritisiert, weil er einer Mitarbeiterin beim Bachfest ein Geschenk in das Hemd stecken wollte. Wir schauen uns das Video noch einmal genau an.

Radikale Krise? Radikale Hoffnung! 

Der BackstageClassical-Newsletter: Heute mit deprimierenden Zahlen und allerhand Hoffnung. Kultur und Klassik sind keine Selbstläufer – wir müssen sie behaupten: Von Paris über Berlin bis nach Ingolstadt. 

»Die Zukunft der Oper liegt in Warschau«

Klare Worte und große Ambitionen: Yoel Gamzou tritt sein Amt als Generalmusikdirektor der Polnischen Nationaloper an. Gemeinsam mit Intendant Boris Kudlička will er das Haus grundlegend erneuern – mit mehr Gegenwartsbezug und

Lieber Moritz Döbler,

ich kenne Dich ja noch aus Bremen, als Chefredakteur des Weser-Kurier. Kultur hat Dich schon damals herzlich wenig interessiert. Zahlen, Geld und Selbstdarstellung – das waren eher Deine Themenfelder.  Als Chefredakteur der Rheinischen

Friedman doch in Bayreuth

Nach Kritik an der Absage eines Gedenkkonzerts hat Festspielleiterin Katharina Wagner den Publizisten Michel Friedman um Entschuldigung gebeten – er wird nun doch bei den Festspielen reden.