Selbstverwaltung, Klangideal und Unabhängigkeit 

März 26, 2026
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Michael Bladerer und Daniel Froschauer im Gespräch mit BackstageClassical-Herausgeber Axel Brüggemann (Foto: BC)

»Die Politik braucht uns« – Im BackstageClassical-Podcast verteidigen die Wiener Philharmoniker ihren Kurs gegen Kritik. Vorstand Daniel Froschauer und Geschäftsführer Michael Bladerer sprechen über die USA-Tournee, ihr Klangideal, neue Dirigentinnen und den Stellenwert des Orchesters in Salzburg.

English summary: In this BackstageClassical-Podcast, the Vienna Philharmonic defends its independence, rejecting political pressure and artistic criticism. Leaders Daniel Froschauer and Michael Bladerer stress their self-governance, unique sound, and commitment to music over politics.

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Die Wiener Philharmoniker verteidigen in einem ausführlichen Podcast-Gespräch mit BackstageClassical ihren Kurs gegen Kritik und betonen ihre politische wie künstlerische Eigenständigkeit. Die Vorstände Daniel Froschauer und Michael Bladerer verweisen dabei auf die demokratische Selbstverwaltung des traditionsreichen Klangkörpers und dessen spezifisches Klangideal.

Ein Thema ist die jüngste USA-Tournee, die das Orchester auch ins politisch polarisierte Washington führt – und in das »Donald J. Trump and John F. Kennedy Center for the Performing Arts«. Die Entscheidung, hier aufzutreten, sei intern breit diskutiert worden, betont Froschauer: »Wir haben eine Versammlung gemacht nur für dieses Thema und dort entschieden, dass wir fahren und spielen.« Man verstehe sich als Botschafter der Musik, nicht der Politik, unterstreicht Bladerer: »Die Wiener Philharmoniker per se, wir machen keine politischen Statements. Wenn wir sagen würden, wir spielen nicht, würden wir ein politisches Statement machen.« Froschauer ergänzt, man wolle das Publikum nicht im Stich lassen: »Man bestraft die Musikliebhaber, indem man nicht spielt. Man spielt ja nicht als politische Botschaft für oder gegen jemand (…), sondern man spielt für ein Publikum.«

Antwort auf Kritik

Die in deutschen Feuilletons geäußerte Kritik an der künstlerischen Qualität des Orchesters – gerade bei Beethoven oder Mahler – weisen die Vorstände zurück. Bladerer hebt den »Originalklang« des Orchesters als zentrales Alleinstellungsmerkmal hervor: »Den Klang verändern aktiv werden wir sicher nicht, denn er ist, was uns von allen anderen unterscheidet und auch auszeichnet.« Modernisierung erfolgt aus Sicht der Philharmoniker durch den andauernden Generationenwechsel im Orchester. Bladerer verweist auf ein breites Repertoire mit mehreren zeitgenössischen Werken in den Abonnementkonzerten, darunter Kompositionen von Lutosławski und Penderecki: »Man muss Alleinstellungsmerkmale haben. Wenn man nur ein Orchester ist, das genauso spielt wie alle anderen, dann werden die Leute auch nicht die doppelten Preise dafür zahlen wollen.«

Auf die Kritik, zu wenig Frauen einzuladen, erklärt Froschauer, man öffne sich verstärkt Dirigentinnen, und nennt als Beispiele die Engagements von Joana Mallwitz oder Karina Canellakis in Abonnementkonzerten und an der Wiener Staatsoper. Wichtig – gerade beim Neujahrskonzert – sei aber auch eine »gewachsene, langfristige Beziehung«, erklärt Bladerer.

Rolle in Salzburg

Zur veränderten Rolle der Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen, die in der Oper heuer durch das Ensemble Utopia des umstrittenen Dirigenten Teodor Currentzis eröffnet werden, erklären Froschauer und Bladerer dies mit organisatorischen und künstlerischen Gründen. Die »Carmen« sei für sie nicht das entscheidende Werk. Der spätere Einstieg des Orchesters in Salzburg hängt mit einer fixen dreiwöchigen Urlaubsphase im Juli zusammen: »Diese Zeit darf einfach nicht angetastet werden.« Künstlerisch setze man in Salzburg bewusst auf Großprojekte wie Olivier Messiaens Oper »St. François d’Assise«. »Das ist eine Gewaltanstrengung für uns (…)«, erklärt Bladerer, »aber derartige Stücke bringen uns weiter.«

Trotz eines allgemeinen Relevanzverlustes der klassischen Musik in vielen Ländern sehen sich die Wiener Philharmoniker derzeit in einer komfortablen Lage. Die Abonnementreihen sind über viele Jahre hinweg ausverkauft, das Orchester steht wirtschaftlich weitgehend auf eigenen Beinen. Als selbstverwalteter Verein, der seine Gagen selbst erwirtschaftet, sei man gegenüber der Politik besonders unabhängig, erklärt Froschauer: »Die Politik braucht uns, wir brauchen die Politik nicht so sehr.« Dass die Stadt Wien gerade Zuschüsse in Höhe von 250.000 Euro für das Open-Air-Konzert in Schönbrunn gestrichen hat, kommentieren die Vorstände mit Unverständnis: »Wenn wir im Ausland spielen, begleiten uns Politiker gern, wenn wir dann um Zuschüsse für Aktivitäten in Wien bitten, bleiben sie still.«

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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