
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute geht es bei uns um die Zukunft: Kleinkinder in Konzerten, Transparenz in Kulturmedien, der Vormarsch der AfD – und ganz konkret um die zukünftigen Intendanzen in Berlin, Leipzig und Salzburg.
In Salzburg geht es um die Wurst

Eigentlich sollte die Nachfolge von Intendant Markus Hinterhäuser bereits letzte Woche bekannt gegeben werden, dann wurde noch ein Hearing nachgeschoben. Nun ist wohl diese Woche mit einer Verkündung zu rechnen – die Vorzeichen bleiben jene, über die wir bereits berichtet hatten: Barrie Kosky gilt (überall wird von einer »Doppelspitze« geflüstert) noch als Favorit, ebenfalls wohl lange im Rennen: Peter de Caluwe aus Brüssel. Hier noch mal unsere Einschätzung zur Lage. Und was macht der alte Intendant? Der ließ sich beim österreichischen Musiktheaterpreis feiern, erklärte aber auch, dass er »nicht viel sagen« dürfe. Die Kronen Zeitung will herausgefunden haben, dass Hinterhäusers letzte öffentliche Attacken gegen Salzburgs Politik wohl schon Konsequenzen hatten: Landeshauptfrau Karoline Edtstadler bestätigte gegenüber der Zeitung, dass es einen Briefwechsel der Anwälte des Festspielfonds und Hinterhäusers zur Verschwiegenheitsklausel gegeben habe. Auch gegen den Beschluss, die Abfindungszahlungen offenzulegen, wurde vom Fonds Beschwerde eingelegt. Gegenüber der dpa erklärte die Landeshauptfrau aber, dass die Zahlungen nicht – wie kolportiert – im Millionenbereich lägen.

Transparenz in unseren Kulturredaktionen
Neulich erhielt ich eine Anfrage von SWR-Redakteur Malte Hemmerich. Eigentlich war es weniger eine Anfrage als eine Art als Frage verkleidete Unterstellung: »Kannst Du uns bestätigen, dass es sich bei Karl Keller um ein Pseudonym von Dir handelt?« Nein, das kann ich nicht! Aber für mich war diese Anfrage Anlass, einmal darüber zu räsonieren, wie es der SWR eigentlich selbst mit Anfragen im Falle Teodor Currentzis oder François-Xavier Roth gehalten hat. Gerade in diesen Zeiten, in denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk so massiv unter Beschuss steht, wäre es besonders wichtig für die Sender, die Spielregeln des Journalismus nicht nur von anderen einzufordern, sondern in Sachen Transparenz und Offenheit mit gutem Beispiel voranzugehen. Aus Angst vor Kontroversen oder aus Taktik, damit das eigene, öffentlich umstrittene Handeln nicht zum großen Thema wird, auf Transparenz zu verzichten, ist gerade in der aktuellen politischen Situation fahrlässig. Hier mein Essay dazu.
Was ist ein Orchester wert?
Besagter Karl Keller hat sich in dieser Woche dann auch mal die neue Studie der Berliner Philharmoniker vorgenommen. Die haben ausgerechnet, dass sie mehrere Milliarden Euro wert sind. Aber was passiert eigentlich, wenn Kultur beginnt, sich mit Rendite, Reichweite und Wirtschaftskraft zu rechtfertigen? Wer den Taschenrechner hervorholt, muss damit rechnen, dass auch andere ihn benutzen: auch die Kulturfeinde! Kellers These: »Am Ende leistet sich ein Land Kultur aus demselben Grund, aus dem es Parks behält, statt Parkplätze daraus zu machen: weil das Leben darin besser ist. Das ist der ganze Grund.« Den ganzen spannenden Text über den Wert von Orchestern lesen Sie hier. Anlass der Rechnungen ist sicherlich auch die geplante Sanierung der Philharmonie – und ihre Kosten. Was Kellers Text nicht verrät: Wie es personell weitergeht in Berlin. Intendantin Andrea Zietschmann hat ihren Abgang für 2028 angekündigt – zieht es sie vielleicht nach Leipzig zum Gewandhaus? Die dortige Ausschreibung betreut der Partner von Zürich-Intendantin Ilona Schmiel – sie scheidet hier also aus. Weil sie ein Auge auf Berlin geworfen hat?

Überforderung AfD
Überhaupt scheinen viele etablierte (und wichtige) Institutionen vom Wahlerfolg der AfD überfordert zu sein. Dass der Deutsche Musikrat sich gegen Fremdenfeindlichkeit vor der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern positionieren will – sehr gut! Aber die Art, wie er das auf Instagram macht, ist fatal: Statt Lob hagelte es dann auch blaue AfD-Herzchen unter dem holprigen Aufsagen von Dirigent Cornelius Meister. All das wirkt wie der zitternde Hilferuf eines Drittklässlers, dem auf dem Schulhof andauernd das Butterbrot geklaut wird. Kämpft zur Abwechslung doch bitte mit Ironie und Wissen um die Deutungshoheit von Bach, Beethoven und Wagner, und erklärt den Dummdeutschen, dass Ihr ihnen nicht unsere klugdeutsche Musikkultur überlassen wollt.
Babyalarm in Leipzig

Ich habe mich in den letzten 50 Jahren in einem Konzert noch nie so ohnmächtig gefühlt wie im Gewandhaus, als ein Kleinkind die ganze erste Hälfte lang am Bühnenrand herumturnte. Statt den Saal zu verlassen, setzte sich die Mutter – als befänden wir uns in der Krabbelgruppe Buntes Batiktuch – daneben und begann mitzudirigieren (der ganze Bericht hier). Was für ein egoistisches Selbstverständnis vor 1.900 Menschen im Publikum, vor Orchester und Solisten? Immerhin: Sol Gabetta und Petr Popelka ließen sich nicht irritieren und gruben sich konzentriert, energisch und begeisternd durch Schostakowitsch’ 2. Cellokonzert!
Personalien der Woche
Letzte Woche haben wir es angekündigt: Das Beethoven-Haus Bonn hat eine sehenswerte Retrospektive über Andy Warhol und die Musik gestartet – bei BackstageClassical schreibt Guy Minnebach über die Entwicklung der Plattencover, die der Pop-Art-Künstler gestaltet hat: Von Jazz bis Pop! +++ Anna Netrebko erleidet im Rechtsstreit mit der Metropolitan Opera eine weitere Niederlage. Ein New Yorker Gericht weist ihre Vorwürfe gegen Intendant Peter Gelb zurück. +++ Raus aus dem Operngraben, rauf auf die Konzertbühne: 116 der 174 Musiker des Orchesters der Pariser Oper haben mit Philopéra ein eigenes Symphonieorchester gegründet. Vorbild sind unter anderem die Wiener Philharmoniker, die Filarmonica della Scala und das Bayerische Staatsorchester. Philopéra ist unabhängig und selbstverwaltet: Die Musiker wählen Programme und Dirigenten selbst. Das Gründungskonzert fand mit Daniel Harding statt. +++ Der japanische Praemium Imperiale geht dieses Jahr an Dirigent Herbert Blomstedt. Der Preis ist mit 80.500 Euro dotiert – auch die australische Schauspielerin Cate Blanchett wird geehrt.
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn! Vielleicht ja hier. BackstageClassical schaut seit über zwei Jahren hinter die Kulissen des Musikbetriebs. Aber hin und wieder schauen wir auch gern von vorne auf die Bühnen! Dank Ihrer Unterstützung (Spenden gerne hier) werden wir unsere Rezensionen dieses Jahr ein wenig ausbauen und ausgewählte Aufführungen auch in unserem Podcast besprechen. Der BackstageClassical-Podcast bietet Ihnen regelmäßig ausführliche Interviews, Debatten und – nun eben auch – Kritiken. Neugierig? Dann abonnieren Sie uns kostenlos hier für Spotify oder bei Apple Podcasts. Den Anfang macht der Saisonauftakt an der Hamburgischen Staatsoper: Tobias Kratzer inszenierte hier eine Begegnung von Macbeth und Mäc-Geiz. Aber lesen – oder hören – Sie doch selbst: Hier entlang.
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.
Ihr
Axel Brüggemann

