Ab Dienstag beginnen die letzten Hearings: Barrie Kosky gilt als Favorit für die Nachfolge von Markus Hinterhäuser. Aber vielleicht stellt Salzburg auch die falsche Frage. Es geht nicht darum, wer neuer Intendant wird – sondern darum, ob die Festspiele überhaupt noch einen Alleinherrscher brauchen.
English summary: The final hearings begin on Tuesday: Barrie Kosky is considered the favourite to succeed Markus Hinterhäuser. But perhaps Salzburg is asking the wrong question. It is not about who will become the new artistic director – but whether the Festival still needs a single all-powerful figure at the top at all.
Glaubt man österreichischen Medien, ist die Sache klar: Barrie Kosky – so die Gerüchte – wird neuer Intendant der Festspiele und damit Nachfolger von Markus Hinterhäuser. Dabei beginnen die Hearings der letzten Runde erst am Dienstag. Viele der als Favoriten gehandelten Intendantinnen und Intendanten haben inzwischen auch öffentlich abgewinkt: Matthias Schulz wird wohl in Zürich bleiben, Serge Dorny seine Münchner Freiheit genießen, Alexander Neef hat gerade in Paris verlängert, und Lotte de Beer wollte die Volksoper in Wien nicht verlassen. Auch die von vermeintlichen Insidern genannten Namen wie Elisabeth Sobotka aus Berlin oder Benedikt von Peter aus Basel sind offenbar nicht in der aktuellen Auswahl.
Sie alle sind ja auch jung genug, um eine weitere Runde abzuwarten, ebenso wie der auf dieser Seite immer wieder ins Spiel gebrachte Viktor Schoner aus Stuttgart. Derzeit ist der Job des Intendanten der Salzburger Festspiele noch so etwas wie der Beruf des Fußball-Bundestrainers: Eine Art Karriere-Endstation. Man sagt zu, wenn man zuvor einige Male die Champions League gewonnen und nichts mehr zu verlieren hat.
All das trifft vor allen Dingen auf Barrie Kosky zu. Auf den ersten Blick wirkt er wie der ideale Hinterhäuser-Nachfolger: Fraglos ein Weltstar der Klassik, einer, der Erfahrung mit einem Haus wie der Komischen Oper hat, der regelmäßiger Gast bei internationalen Festspielen ist. Hinzu kommt, dass Kosky – zumal, wenn er (so das Gerücht) mit einer Frau antritt – gleich mehrere Diversitäts-Kästchen bedient. Seine künstlerische Autorität ist groß genug, um die Querelen um die Trennung von Markus Hinterhäuser vorübergehend vergessen zu machen.
Einfach die Namen tauschen?
Doch eine Bestellung Koskys könnte auch schnell wie ein »Weiter so« wirken. Als würden lediglich die Namen ausgetauscht, nicht aber die Struktur der Festspiele, die ja das eigentliche Problem der Vergangenheit war: zu viel Macht auf den Schultern eines Intendanten. Der Fall Hinterhäuser hat gezeigt, dass die auf eine Person versammelte Machtfülle durchaus zu ungewünschten Nebenwirkungen führen kann.
Tatsächlich war das Verhalten und die Führungsschwäche Hinterhäusers nur ein Problem der Festspiele. In den letzten Jahren war kaum noch künstlerische Vielfalt zu erleben. Es kamen immer wider die gleichen Gäste: Warlikowski, Castellucci, Sellars, Carsen oder Currentzis. Die Festspiele haben schon lange nicht mehr die moderne Vielfalt der darstellenden Kunst abgebildet. Eher wurden – Jahr für Jahr – die Netzwerke eines einzigen Intendanten bedient: Wer in Ungnade fiel, wurde ausgeladen. Markus Hinterhäuser ist am Ende seiner Amtszeit vielen Trends höchstens noch hinterhergelaufen. So war es auch nicht verwunderlich, dass ausgerechnet diese Dauergäste sich am Ende auch am vehementesten für den Verbleib Hinterhäusers eingesetzt haben.
Zu groß für einen allein
Die Salzburger Festspiele mit ihren Sparten Oper, Schauspiel und Konzert sind zu groß für eine Person geworden. Und auch den Gründungsvätern Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss und Max Reinhardt schwebte eigentlich ein anderes Salzburg vor. Sie wollten die moderne Vielfalt der Genres vorstellen, Dialoge zwischen unterschiedlichen Ästhetiken schaffen und damit auch einen politästhetischen Grundton der Salzburger Festspiele legen: ein künstlerisches Friedensprojekt in politisch bewegten Zeiten.
Gerade heute, da die darstellende Kunst mindestens so vielfältig (und zum Teil auch so ideologisch verbohrt) daherkommt wie unsere gesellschaftliche Wirklichkeit, wäre es durchaus sinnvoll, beim größten europäischen Kulturfestival nicht nur die Vorlieben eines Intendanten oder einer Intendantin zu präsentieren, sondern die gesamte Bandbreite der ästhetischen Spielformen der darstellenden Künste: von Florentina Holzinger bis zu den Wiener Philharmonikern, von Franz Welser-Möst bis Tarmo Peltokoski, von etablierten Regierecken wie Tobias Kratzer bis zu Theaterkollektiven wie dem Zentrum für Politische Schönheit oder der Frankfurter Hauptschule. Die Salzburger Festspiele könnten vormachen, was unserer Gesellschaft gerade am dringendsten fehlt: der ästhetische Dialog zwischen den Ideologien.
Dialog statt Ideologie
Dafür aber müsste die Führung der Salzburger Festspiele diesen Diskurs ebenfalls verkörpern. Warum nicht drei gleichberechtigte künstlerische Protagonisten für Oper, Schauspiel und Konzert, die nicht nur für ihre Sparten stehen, sondern im Idealfall auch mit vollkommen unterschiedlichen Ansätzen daherkommen? Und daneben eine starke geschäftsführende Leitung, die sich um das kümmert, was in den kommenden Jahren ohnehin zur Mammutaufgabe wird: den Umbau der Festspiele.
Denn auch das sollte bei der Bestellung der neuen Intendanz berücksichtigt werden: Der bevorstehende Umbau ist kein Kinderspiel. Er verlangt an entscheidender Stelle weniger nach einem Künstler als nach einem Manager.

Barrie Kosky löst viele Erwartungen an eine Intendanz ein. Vielleicht wäre er sogar der beste Kandidat unter all jenen, deren Namen derzeit kursieren, un wahrscheinlich wird er eh nur im Team antreten. Aber genau darum geht es nicht. Die in der Öffentlichkeit verhärtet diskutierte und umstrittene Trennung von Markus Hinterhäuser wäre wesentlich besser vertretbar, wenn am Ende nicht nur der Austausch eines Namens stünde, sondern das Neudenken der gesamten Festspielstruktur. Nicht nur Hinterhäuser müsste ersetzt werden. Sondern auch das »System Hinterhäuser«.
Schwache Kandidaten?
Es ist fraglich, ob sich das Kuratorium und der von ihm beauftragte Leiter der Findungskommission, Christian Kircher, über all das im Vorfeld überhaupt Gedanken gemacht haben. Wenn man sich umhört, scheinen sie nicht proaktiv auf Kandidatinnen und Kandidaten zugegangen zu sein. Stattdessen haben sie offenbar erwartet, dass der Name der Salzburger Festspiele ihnen die besten Kandidatinnen und Kandidaten in den Schoß spült. Das aber war offensichtlich nicht der Fall.
Wie gesagt, mit den Festspielen verhält es sich wie mit dem Job des Bundestrainers: Ein Fußballcoach, der mit seinem Verein in der Champions League spielt und entsprechend Prestige und Geld damit verdient, versteht den Job des Nationaltrainers höchstens als Ehrung am Ende seiner Karriere.
Die Salzburger Festspiele müssten selber endlich wieder in der Champions League mitmischen: nicht nur programmatisch, sondern auch strukturell. Sonst verlieren sie den Anschluss an das, was an großen Theatern derzeit gezeigt wird: die Vielfalt der darstellenden Kunst.
Kann Kosky die Richtung ändern?
Barrie Kosky steht für viele Tugenden, die ein Intendant der Salzburger Festspiele haben sollte. Aber selbst wenn er der Beste wäre, bliebe die Frage: Ist das Modell des einen großen Intendanten überhaupt noch das richtige? Eines Künstlers dazu, von dem man erwarten muss, dass er Mindestrens eine Produktion im Sommer selber auf die Bühne bringt. Auch bei Kosky besteht die Gefahr, dass am Ende wieder ein Theater der eigenen Vorlieben und Netzwerke entsteht. Besonders, wenn er selber zum Dauerregisseur wird wie an seiner Komischen Oper, die er bis heute nicht wirklich loslassen konnte.
Und noch eine Frage bleibt offen: Was passiert mit dem Konzertprogramm der Salzburger Festspiele? Axel Hiller ist ein Leichtgewicht. Zu Beethovens Todesjubiläum 2027 alle neun Symphonien von Riccardo Muti dirigieren zu lassen, ist nicht gerade einfallsreich (als Opern werden angeblich Fidelio, La Cenerentola und Lucrezia Borgia geplant) Und Kosky selber ist ziemlich blank, wenn er im Interview mit einem österreichischen Kulturjournalisten, der gern seine eigene Agenda aufstellt, auf die Frage, ob irgendetwas gegen weitere Einladungen von Teodor Currentzis spräche, mit »Nein« antwortet.
Aber vielleicht ist Kosky auch ein Mann des Übergangs: Stark genug, um den Dissens über die Hinterhäuser-Ära vergessen zu machen und in der Lage, Bedingungen zu stellen, die Salzburg auf einen neuen Kurs bringen. Wenn er im Team regiert, könnte er auch neue Strukturen einleiten. Und als Künstler ist er vielleicht neugierig genug, auch an den Rändern der klassischen darstellenden Kunst nach neuen Gesichtern und Erzählformen zu suchen. In diesem Falle wäre Kosky jener Kommunikator, das das zerrissene Salzburg wieder einen könnte.
Wie dem auch sei: Salzburg scheint gerade nach seinem Jürgen Klopp zu suchen. Dabei wäre das Team um Luis Enrique bei Paris Saint-Germain die bessere Lösung. Salzburg braucht keinen neuen König. Salzburg braucht eine neue Verfassung.

