Liebe Elisabeth Sobotka,

Juli 8, 2026
2 mins read
Wir haben die KI gefragt, wie sie eine Boulevard-Titelseite mit Elisabeth Sobotka gestalten würde.

ich kenne das. Ich bin auch schwach geworden. Damals, als BILD gefragt hat, ob ich nicht über Klassik schreiben wolle. Ich habe »Ja« gesagt und blutrote Boulevard-Tränen über den Tod von Luciano Pavarotti vergossen, 100 Punkte zum 100. Geburtstag von Herbert von Karajan aufgeschrieben. Ja, ich habe vor vielen Jahren sogar den ersten Opern-Livestream bei BILD mitorganisiert: die »Salomé« aus Aachen.

Heute schäme ich mich ein bisschen dafür. Zum einen, weil ich erlebt habe, dass es überhaupt nichts gebracht hat. Richtig toll fanden das schon damals nur die Opern-Fuzzis, die dachten, dass sie mit BILD ganz Deutschland erreichen. Aber die BILD-Leser haben einfach weitergeblättert.

Heute weiß ich, dass meine Kritiker in Wahrheit recht hatten. Sie haben mir erklärt, dass all das, was BILD so schreibt, nichts, aber auch gar nichts mit dem Ethos der Oper oder der Kunst zu tun habe. Meine Antwort damals: »Vielleicht, aber die Oper muss Grenzen überwinden. Dafür muss sie sich manchmal eben auch dreckig machen.« Heute weiß ich, dass ich mich massiv selbst beschissen habe: Ich habe mich an der Auflage berauscht – nicht an der Botschaft.

Und Sie, Frau Sobotka? Wie fühlt es sich an, wenn Ihre Staatsoper nun mit BILD ins Bett steigt? Seien Sie ehrlich!

Seit Tagen wird der Springer-Stream der »Entführung« mit Bülent Ceylan von der Springer-Presse beworben. Sie werden da als erste Intendantin an Ihrem Haus gefeiert, Thomas Guggeis zum »Stardirigenten« ernannt. Und dann wird da die alte Rechnung aufgemacht, dass mehr Menschen die Opernhäuser in Deutschland besuchen als die Stadien der Fußball-Bundesliga. Das war schon immer eine schräge Rechnung: Auf der einen Seite 18 Vereine mit einem Spieltag, auf der anderen 80 Opernhäuser mit Repertoire – und von Fernsehübertragungen oder der 2. Liga ist gar nicht erst die Rede. Für wie blöde verkaufen wir die Leute da?

Kann es sein, dass BILD die Oper vor allen Dingen deshalb geil findet, weil man sich mit ihr den Anschein von Kultur erschleichen kann? Der Stream wird von einem ehemaligen Servus-TV-Mann mitorganisiert. Und klar, ausgerechnet Springer-Chef Mathias Döpfner kann sich so mal wieder als Opern-Mann gerieren. Döpfner, der immer wieder als Trump-Versteher durch die Medien geistert, dessen Ressentiments gegen Ostdeutsche lange Thema waren, der jemanden wie Ulf Poschardt förderte und mit BILD überhaupt eine Zeitung unter sich hat, die immer wieder einen Keil in unsere Gesellschaft treibt.

Döpfner stellt dem Boulevard-Image seines Medienimperiums gern seine Kulturaffinität gegenüber. Weniger durch seine Sammlung weiblicher Akte, mehr, indem er immer wieder in Bayreuth ist, gern Interviews mit Christian Thielemann führt und vielleicht auch still an die Zeiten zurückdenkt, als er selbst noch Musikkritiker war.

Wie dem auch sei: Ihre »Entführung« mit Bülent Ceylan ist ein Publikumsrenner. Gratulation dazu! Aber glauben Sie wirklich, dass Ihre Staatsoper mit BILD zu einer VOLKS-Oper werden wird? Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich mich bis heute schmutzig fühle. Ich hoffe, Ihnen geht es damit besser.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Montero kritisiert Millionenhilfe der USA für El Sistema

Die venezolanische Pianistin Gabriela Montero hat die geplante Millionenförderung der USA für das staatliche venezolanische Musikprogramm El Sistema scharf kritisiert. Nach Angaben der US-Botschaft in Caracas will das Außenministerium gemeinsam mit dem

BackstageClassical ist in den Sommerferien

Die Klassik-Welt dreht weiter, aber wir machen Ferien. Am 1. September sind wir wieder für Sie da – mit täglichen News aus der Welt der Klassik. Bis dahin hier ein wenig Lektüre und

Publikumsbeschimpfug ist auch keine Lösung, Herr Mondtag

Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor

Friedman, Rienzi, Ring und Co. – eine Bayreuth-Bilanz

Peter Huth, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und Kommunikationschef von Axel Springer, bespricht mit Axel Brüggemann die erste Festspielwoche im Podcast von BackstageClassical. Auch Nathalie Stutzmann, Michel Friedman oder Katharina Wagner

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Verpassen Sie nicht ...