Am Ende der Saison einfach noch einmal das Repertoire dranhängen, das ganze »Festival« nennen und die Preise erhöhen. Die Bayerische Staatsoper hat die Airline-Logik im Frack perfektioniert.
English summary: At the end of the season, simply tack on the repertoire once more, call the whole thing a “festival,” and raise the prices. The Bavarian State Opera has perfected airline logic in white tie.
Es gibt einen Trick, den offenbar so manches Opernhaus irgendwann für sich entdeckt hat: Man nehme den ganz normalen Spielplan, hänge ein paar Hochsommerwochen hinten dran, klebe das Wort »Festspiele« darüber – und schon darf man mehr verlangen. Umetikettieren als Geschäftsmodell. München betreibt diese Kunst seit 1875 und hat sie zur Perfektion gebracht: gleiche Route, gleiches Flugzeug, aber wer in der Ferienzeit fliegt, zahlt den Aufschlag.
Die Münchner Opernfestspiele 2026 dauern satte sechs Wochen, vom 18. Juni bis zum 31. Juli. Wer ein exklusives Kurzformat mit handverlesenen Höhepunkten erwartet, wird überrascht: Turandot, Macbeth, Rigoletto, La Cenerentola, Fidelio, Norma, Rusalka, Faust, Der Freischütz – also mehr oder weniger das reguläre Repertoire der Saison, ergänzt um zwei, drei Premieren. Nur diesmal mit Sommerhitze, Touristen aus aller Welt und einem selbstbewussteren Preisschild.
Und das steigt, zumindest bei einem Teil der Vorstellungen, spürbar: Dieselbe Inszenierung, dieselbe Besetzung, derselbe Vorhang – im Festspielsommer aber im Schnitt rund 23 Prozent teurer als im März. Bezahlt wird am Ende nicht für besondere und seltene Ereignisse, sondern für den Rahmen: Aperitif auf der Nationaltheater-Treppe, Sonnenuntergang über den Türmen der Altstadt, das wohlige Gefühl, nicht in einer x-beliebigen Repertoirevorstellung zu sitzen, sondern bei den »Festspielen«. Sehen und gesehen werden hat eben seinen Preis.
Ein Schlaraffenland
Nun lässt sich das durchaus grossartig finden – und aus Publikumssicht ist es das oft auch. Was von aussen wie ein überfüllter Spielplan wirkt, ist für Opernliebhaber ein Fest: Wo sonst kann man über Wochen rund ein Dutzend Opern erleben, dazu Ballettabende, Liederabende und Kammerkonzerte, ohne durch halb Europa reisen zu müssen? Wer aus dem Ausland anreist, sieht bei einem einzigen Aufenthalt, wofür man sonst eine ganze Saison bräuchte – Verdi am Freitag, Wagner am Sonntag, Barock im Prinzregententheater dazwischen. Diese Dichte ist ein Luxus, den weltweit nur eine Handvoll Opernhäuser bieten können. Und das ist für jeden, der die Oper liebt, schlicht ein Schlaraffenland.
Man muss die Festspiele also nicht kleinreden: Sie funktionieren, und sie machen grosse Freude. Das eigentliche Problem liegt aber tiefer, und es zeigt sich im Vergleich. In Aix-en-Provence, Salzburg oder Bayreuth weiss man, wofür man den Aufpreis zahlt: Bayreuth spielt ausschliesslich Wagner im traditionellen Festspielhaus, Aix-en-Provence und Salzburg konzentrieren sich auf eine Handvoll eigens für den Sommer gebaute Neuproduktionen mit besonderen und seltenen Besetzungen und wochenlangen Proben.
Business-Class oder Ryanair?
Das Ergebnis ist Qualität in allen Registern. München macht das Gegenteil: Es stemmt in sechs Wochen fast seinen kompletten Jahresspielplan – und hantiert damit am absoluten Limit. Wer ein Haus so ausreizt, darf sich über Abendroutine nicht wundern; im Zweifel bekommt man im Festspielsommer sogar weniger Sorgfalt als in einer ruhigen Repertoirevorstellung im November.
Wie routiniert der Betrieb inzwischen läuft, zeigt ein weiterer Blick ins Programm: Jahr für Jahr steht dort ein Liederabend mit Jonas Kaufmann und das zum Preis einer ganzen Opernvorstellung. Diesen Sommer sind noch reihenweise Karten zu haben. Der immer gleiche Star, das ist eben irgendwann kein Business-Class-Erlebnis mehr, sondern ein Ryanair-Flug zum Ferienpreis.
Warum also nicht auf wenige Werke setzen und diese exzellent machen, statt ein überbreites Menü aus den bekanntesten Klopfern des Repertoires anzurichten? Innovativ ist das jedenfalls nicht. Es ist einfach nur viel.
Auch die konzeptionelle Klammer wirkt aufgelegt. Ein Motto zu setzen ist grundsätzlich schön, und die Begleitveranstaltungen – die Debattenreihe »Plädoyers«, in der vor den Vorstellungen über Recht, Freiheit und Verantwortung ikonischer Opernfiguren gestritten wird, standesgemäss in der Rheingold-Bar des Nationaltheaters – sind für Klassikliebhaber tatsächlich interessant. Nur fällt auf, dass die Festspielthemen so pauschal geraten, dass sich am Ende jede beliebige Oper zwanglos einordnen lässt. Kein Wunder: Erst stehen die Titel fest, dann wird ein Thema darübergezogen. So reproduziert man eine reichlich konventionelle Programmplanung und verkauft sie als Konzept. Ausgerechnet Serge Dorny, der sich zum Amtsantritt als jemand präsentierte, der «nicht der Türhüter eines Mausoleums» sein wolle, bleibt hier hinter dem eigenen Anspruch zurück.
Freiflug auf dem Rasen
Und doch gibt es einen Programmpunkt, an dem das Haus wirklich einlöst, was es verspricht. Denn ausgeschlossen wird niemand: »Oper für alle« übertrug am 4. Juli Wagners Walküre gratis auf den Max-Joseph-Platz, live aus dem Nationaltheater, ohne Ticket, für jeden mit einer Decke. Das Format gibt es seit 1990, seit 1997 finanziert es der »Global Partner« BMW – so konsequent, dass der Konzern die Idee nach Berlin, London und Melbourne exportiert hat. Sponsoring, das als wirklicher Zugang zur Kultur endet. Ohne dieses Geld gäbe es weder Leinwand noch Tontechnik noch Sicherheitskonzept für die Zehntausenden, die kommen. Ein eigenständiges Fest, das genau jene erreicht, die sonst nie ein Opernhaus betreten.
Drinnen das zahlende Publikum, draussen die Picknickdecken – am Ende haben alle dieselbe Walküre gehört. Und darin liegt die Wahrheit über die Festspiele: Der Aufpreis kauft die bessere Aussicht, nicht die bessere Oper. München hat perfektioniert, wie man in der Hochsaison mehr verlangt; die Kunst, in derselben Zeit auch mehr zu liefern, überlässt es grosszügig Aix-en-Provence, Salzburg und Bayreuth.

