Wagner will Gedenkveranstaltung mit Friedmann kostenlos veranstalten

Juli 4, 2026
2 mins read
Katharina Wagner, Leiterin der Bayreuther Festspiele (Foto: KickFilm)

Nach dem Eklat um die abgesagte Gedenkveranstaltung mit Michel Friedman räumt Festspielleiterin Katharina Wagner Fehler ein. Nun soll der Termin doch stattfinden – mit kritischen Worten zu Wagner, Antisemitismus und dem NS-Erbe Bayreuths.

English summary: After the uproar over the cancelled memorial event with Michel Friedman, festival director Katharina Wagner admits mistakes. The event is now set to go ahead after all – with a critical look at Wagner, antisemitism and Bayreuth’s Nazi legacy.

Nach dem Streit um die zunächst abgesagte Gedenkveranstaltung mit Michel Friedman wollen die Bayreuther Festspiele den Termin nun doch in der Eröffnungswoche ihres 150. Jubiläums nachholen. Festspielleiterin Katharina Wagner bestätigte der Süddeutschen Zeitung, dass die Veranstaltung stattfinden werde – wenn auch etwas früher als ursprünglich geplant.

Der Publizist Friedman soll über den Antisemitismus Richard Wagners, die Verbindungen seiner Nachfahren zum NS-Regime und das Schicksal ermordeter jüdischer Musiker sprechen. Die zunächst mit Sicherheitsbedenken begründete Absage hatte heftige Kritik ausgelöst. Friedman bezeichnete die Streichung von Veranstaltungen aus solchen Gründen als „in einer Demokratie der Tod durch Selbstmord«.

Wagner entschuldigte sich später persönlich bei Friedman und lud ihn erneut ein. »Das alles tut mir von Herzen leid«, sagte die 48-Jährige. Hausintern habe es »ein erhebliches Kommunikationsdefizit« gegeben. Als Leiterin der Festspiele trage sie die Verantwortung.

Kostenlose Veranstaltung

Nach Wagners Darstellung bezogen sich die Sicherheitsbedenken nicht auf Warnungen von Behörden. Vielmehr habe die interne Haussicherheit auf organisatorische Probleme hingewiesen. Nach der Gedenkveranstaltung müsse in kurzer Zeit die Bühne für die Premiere von Rienzi vorbereitet und der Saal unter anderem mit Polizeihunden durchsucht werden. »Aber diese Probleme müssen eben gelöst, die Bedenken ausgeräumt werden«, sagte Wagner der Süddeutschen Zeitung.

Eintritt soll nicht verlangt werden. Stattdessen sind Spenden vorgesehen, die nach Friedmans Vorschlag Stipendien für israelische Musikerinnen und Musiker zugutekommen sollen. »Kein Mensch sollte aufgrund seiner Herkunft, seiner Ethnie oder seines Glaubens ausgegrenzt oder ‚gecancelt‘ werden«, sagte Wagner.

Noch offen sind nach ihren Angaben einzelne organisatorische Fragen, darunter die endgültige Musikauswahl und die Verpflichtung des Dirigenten. Christian Thielemann stehe nicht zur Verfügung. Mit einem anderen »hervorragenden Dirigenten« gebe es eine mündliche Vereinbarung.

Wagner betonte, sie habe Friedman bewusst eingeladen, um das Festspieljubiläum nicht nur zu feiern. »Ich erwarte eine sehr kritische Rede von Herrn Friedman.« Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Hauses und der Familie Wagner gehöre für sie zu den zentralen Aufgaben der Festspiele.

Die Außenwirkung der Absage sei »zweifellos unglücklich gewesen, räumte Wagner ein. Eine Ausladung Friedmans sei von ihr jedoch nie beabsichtigt gewesen. Die Gedenkveranstaltung müsse gerade in der Eröffnungswoche stattfinden, »wenn Bayreuth im Fokus der medialen Aufmerksamkeit steht«.

Auch Kritik, die Festspiele stellten im Zweifel die Kunst über die historische Aufarbeitung, wies Wagner zurück. »Aufarbeitung und Kunst sind für mich als Intendantin der Bayreuther Festspiele kein Widerspruch.« Vielmehr wolle sie mit und über die Kunst einen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit Wagners Werk und dem Erbe der Festspiele leisten.

BackstageClassical

BackstageClassical bringt Ihnen Debatten und Nachrichten aus der klassischen Musik. Die Seite ist kostenfrei. Bestellen Sie unseren Newsletter oder unterstützen Sie unseren unabhängigen Musikjournalismus durch Ihre Spende.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Vom Kopf auf die Füße?

In den letzten Wochen ist bei BackstageClassical die Welt der Vorsingen für Opernhäuser unter die Lupe genommen worden. Hier schreibt der Geschäftsführende Dramaturg der Oper Rostock, Stephan Knies, warum derartige Wettbewerbe gar

Gefangen in der Erinnerung

Die Hölle hat ein Gedächtnis. In ihr wird das Vergangene zur dauernden Gegenwart. Pascal Dusapins »Il Viaggio, Dante« macht diese Wiederkehr an der Staatsoper Hannover zu einer bemerkenswerten Theatererfahrung: Claus Guths Inszenierung

Die fünf Neuerscheinungen der Woche

Fünf neue Aufnahmen, fünf sehr unterschiedliche Welten: Schostakowitsch mit Wucht und Tiefenschärfe, eine fast vergessene Revolutionsoper, Barock zwischen Himmel und Hölle, Fatma Said vor den Pyramiden – und Susan Tomes mit einem

Lieber Simon Rattle,

Simon Rattle verlängert seinen Vertrag beim BRSO. Als Maskottchen ist das sicherlich eine gute Wahl – aber musikalisch stagniert das Orchester.

Kulturjournalismus: München steckt im Gestern

Der Musikjournalismus steckt in der Krise: Redaktionen schrumpfen, Magazine verschwinden, vom Schreiben allein kann kaum jemand leben. Doch ausgerechnet die Hochschulen reagieren darauf kaum. Sie modernisieren die Technik, aber nicht den Journalismus.

Was Sachsens Theatern blüht

Sachsens Kulturszene läuft Sturm gegen den geplanten Doppelhaushalt 2027/28. Der Gesamthaushalt wächst auf rund 53,5 Milliarden Euro, bei der Kultur sind dennoch Einschnitte geplant. Wir zeigen, wen es besonders hart trifft.

Verflacht jetzt auch der Deutschlandfunk?

Die letzte Bastion des Kulturauftrags verändert ihren Kurs. Ein internes »Stylebook« des Deutschlandfunks zeigt, wohin die Reise geht: breiter, zugänglicher, gesellschaftlicher. Was als Öffnung gedacht ist, könnte zu einer massiven Verflachung führen

Verpassen Sie nicht ...