Die große Klassik-Lüge

Juli 6, 2026
4 mins read
Jetzt neu: Das Wagner-Quartett von BackstageClassical

Willkommen in der neuen Klassik—Woche,

heute mit prominenter Kritik am Opern-Zirkus, einer spielerischen Wagner-Gaudi und der Frage, wie gut uns der allgemeine Jugendwahn tut.

Rheintöchter stechen Wotan! 

Da ist er: Unser Beitrag zum Wagner-Jahr! Spielen Sie mit! Pünktlich zum Jubiläum der Bayreuther Festspiele bringt BackstageClassical ein Wagner-Quartett heraus. Wer hat die größere Mythos-Qualität: Wotan oder Lohengrin? Und wer stirbt schöner: Senta oder Elsa? Mit »Wagner-Wahn« können Sie sowohl klassisches Quartett als auch Trumpf spielen. Sammeln Sie alle Protagonisten einer Oper, oder lassen Sie die einzelnen Charaktere gegeneinander antreten. Eine Gaudi für alle Wagner-Nerds. Wagner-Anfänger lernen hier die Opern und ihr Personal kennen. Das Spiel ist ab sofort online (und in ausgewählten Geschäften) erhältlich. Bestellen Sie Ihr Exemplar für 12,95 Euro direkt bei uns. Ich wünsche Ihnen viel Spaß.

»Wir haben uns selbst belogen«

Auch diese Woche war ich noch einmal für eine arte-Doku in Paris. Eine der spannendsten Begegnungen: Gemeinsam mit Tenor Benjamin Bernheim haben wir im Archiv der Opéra wütende Briefe von Wagner und spannende Autographe von Gounod und Offenbach entdeckt. Und: Wir haben einen BackstageClassical-Podcast aufgenommen, der es in sich hat: »Wir haben uns jahrelang selbst belogen«, sagt Bernheim, wenn wir geglaubt haben, Oper sei – ähnlich wie die Popmusik – eine Kunst, die jedermann erreiche. Nein: Wir müssten endlich akzeptieren, dass wir eine Nische sind und dürfen aus Spar- und Legitimationsdruck nicht in Angst verfallen. Intendantinnen und Intendanten dürften nicht in den Panikmodus geraten. Es sei falsch, wenn wir unsere Kunst für den schnellen Kommerz verraten, sagt Bernheim und mahnt an, dass wir neue Strukturen brauchen. Seit Jahren habe er keine Neuproduktion mehr angenommen, weil er nicht wisse, was wirklich passieren wird, denn die Produktion fünf Jahre nach der Unterschrift stattfindet. Bernheim fordert einen intensiveren Austausch zwischen Regisseuren und Sängern – und findet, dass Intendanten diese Kommunikation fördern sollten. Hören Sie das Gespräch hier oder lesen Sie die wichtigsten Punkte hier – ich verspreche Ihnen: das hat Zündstoff!

Der Tenor Benjamin Bernheim (Foto: BC)

Jugendwahn ist auch keine Lösung

Kein Text wurde bei uns diese Woche so viel debattiert wie der Artikel des 22-jährigen Karl Keller, der sich die Anbiederung der Konzerthäuser beim jungen Publikum vornimmt: Lockt Techno in der Tonhalle wirklich ein neues Publikum? Und ist die totale Digitalisierung wirklich die Zukunft der Klassik? Oder ist das Konzert nicht der letzte, echte analoge Ort, an dem Digital Natives erleben können, was sie sonst nirgends erleben? Unser Autor arbeitet sich pointiert – und am Beispiel der Tonhalle Zürich – an diesem Phänomen ab. Ein brillanter Text! Mein Lieblingssatz, den ich mir selber hinter die Ohren schreibe: »Kritik ist keine schlechte Laune mit Fachvokabular«. 

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Der Nagelsmann der Oper? 

Um die Zukunft der Oper geht es derzeit auch am Theater an der Wien. Stefan Herheims Haus muss massiv sparen: Die Kammeroper wird »pausiert«, das Theater muss fünf Millionen einsparen – inzwischen gibt es nur noch sieben statt einst 13 Premieren. All das tut weh. Herheim selber spricht von »Kulturkampf«. Kann es aber auch sein, dass er die Entwicklung des Musiktheaters ein wenig verpennt hat? Dass er sein Haus nicht wirklich in die Stadt integriert hat? Hat er sich mit seinem stellvertretenden Intendanten Peter Heilker (er geht nach Leipzig) und seiner künstlerischen Betriebsdirektorin Carolin Wielpütz (sie geht ebenfalls nach Deutschland) zu sehr eingekapselt? Es sieht ein bisschen aus, als transportiere Herheim statt künstlerischer Euphorie eher eine institutionelle Niedergeschlagenheit. Ist er dabei so etwas wie der Julian Nagelsmann der Oper geworden? Was wir bräuchten, ist ein Norweger, der beherzt ruft: »Ro! Ro! Ro!« Hier meine Gedanken, warum das Theater an der Wien symbolisch für viele andere Opernhäuser unter Druck steht. 

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Salzburger Positionierungen

Wir hatten bereits am Freitag vor einer Woche berichtet, dass die Intendantin der Berliner Philharmoniker, Andrea Zietzschmann, ihren Vertrag nicht über 2028 hinaus verlängern wird. Nun hat das Orchester diese Nachricht bestätigt. Ich habe Zietzschmann einen Brief geschrieben. Nicht ausgeschlossen, dass sie Richtung Salzburg blickt. Überhaupt werden gerade die Ellenbogen überall ein wenig ausgefahren. Auch die lieben Kollegen versuchen, ihre Kandidaten zu positionieren. Unser Freund von News in Österreich favorisiert Stefan Herheim (der ihm aber erklärte, dass er sich weder beworben habe noch gefragt worden sei). Und ob es Matthias Schulz aus Zürich helfen wird, dass sich ausgerechnet Manuel Brug von der Welt für ihn einsetzt – manche Hymnen kommen auch vergiftet daher. Ich persönlich finde, es sollte derzeit eher um Konzepte statt um Namen gehen! 

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Personalien der Woche

Der langjährige Musikkritiker des New Yorker, Alex Ross, gibt nach 30 Jahren seinen Posten auf. Der 56-Jährige kündigte an, sich als leitender Musikkritiker des Magazins zurückzuziehen, der Redaktion jedoch als Autor für längere Essays erhalten zu bleiben. +++ Alexander Neef, Intendant der Pariser Oper hat diese Woche bekannt gegeben, dass der Umbau der Opéra Garnier mindestens fünf Jahre lang dauern wird, statt der bisher angenommenen zwei Jahre. Schuld sind giftige Bleikonzentrationen im Haus. +++ Es ist schon merkwürdig, wie der Klassik-Markt neuerdings tickt. Es werden nicht mehr tolle Klavierspieler von den Sendern gezeigt oder von den Labels »gesignt«, sondern »Insta-Stars«, die auch Musik machen. Letztes Beispiel: Die Deutsche Grammophon verpflichtet Justus Friedrich Eichhorn. Ob seine Klicks sich auch in Streams für das gelbe Label verwandeln? Ich habe Zweifel.

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Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! Ich kenne den Autoren und Gründer des Stefan Zweig Zentrums in Salzburg, Klemens Renoldner, schon aus den 1990er Jahren. Damals war er in Freiburg Schauspieldirektor – und wir standen auf unterschiedlichen Seiten und lieferten uns erbarmungslose Gefechte. Heute sind wir befreundet, und Klemens hat ein amüsantes und kluges Buch herausgebracht: In seinem Roman Die Wolken von beiden Seiten gesehen geht es unter anderem um die erfundene (aber an vielen Dokumenten orientierte) Behauptung, dass Jacques Offenbach eine Operette über Franz Schubert geschrieben hat. Bei BackstageClassical dekliniert Renoldner diese Fiktion anhand realer Quellen durch.    

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.

Ihr 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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