Die neue Spießigkeit

Juni 24, 2026
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Hemma und Jakob werben für die Wiener Staatsoper (Foto: Instagram, Snapshot)

Opernhäuser versuchen auf Instagram ein neues Publikum zu erreichen und werben lieber mit Aperol-Spritz als mit Arien. Ein Panoptikum der Peinlichkeiten.

English summary: Opera houses increasingly market themselves on Instagram through lifestyle content rather than art. Young influencers promote drinks, dress codes, and “survival tips” instead of music, reducing opera to entertainment and consumption. The result is a surprisingly conformist, shallow image of a once provocative art form.

Wer den großen Opernhäusern auf Instagram folgt, kann sich beim Scrollen durchaus die Fragen stellen: »Was ist denn da los? Wen wollt Ihr mit euren Videos eigentlich erreichen? Wen in die Oper locken? Und: Vertraut Ihr Eurer eigenen Kunst eigentlich noch?«

Fast überall springen junge Menschen durch das Bild: Das Mikrofon in der einen Hand, und im Kopf hauptsächlich Nebensächlichkeiten. Ihr Hauptthema scheint es zu sein, wie man einen Opernabend überlebt, ohne zu verhungern, zu verdursten oder sich zu langweilen. Notfalls kann man sich ja mit Alkohol die Birne zuballern, damit Oper auch sicher nicht wehtut.

Hemma und Jakob übernehmen diesen Job für die Wiener Staatsoper. Mir ist noch nicht klar, ob sie nur so dämlich tun, weil sie ihr zukünftiges Publikum auch für dämlich halten, und ob es wirklich eine Strategie der Marketingabteilung ist, in der Niedrigschwelligkeit mit Einfalt verwechselt wird.

Spielplatz aus Blattgold

Für Hemma und Jakob ist die Oper wahlweise ein Spielplatz (wenn sie mit ihren Handys wie 12-Jährige auf »Farbensuche« im Opernhaus gehen) oder ein gigantischer gastronomischer Betrieb mit allerhand Blattgold, in dem manchmal auch gesungen wird.

Auf jeden Fall werden die beiden nicht müde, ihren Zuschauerinnen und Zuschauern zu erklären, dass es in der Oper garantiert genügend Getränke gibt, und außerdem auch »coole Musik und ein geiles Rahmenprogramm«.

Ziemlich schnell wird klar, dass die Gen Z ihren Altersgenossinnen und Altersgenossen recht wenig zutraut. Schon die Pausenbestellung am Opern-Buffet wird zu einer unglaublichen Herausforderung, die ganz genau in einem Tutorial erklärt werden muss: »Erst einmal schauen, was es gibt – dann bestellen«. Ist aber auch kompliziert!

Natürlich spielen Hemma und Jakob uns auch einen Anzieh-Knigge vor (»kann ich so in die Oper gehen?«) und erklären so ziemlich alles in ihr Staatsopern-Mikrofon, was andere Kinder spätestens am Ende des zweiten Kindergarten-Jahres über den Besuch einer Kulturinstitution wissen.

Die neue Spießigkeit

Das Erschreckende an diesen Videos ist nicht, dass die Oper für die jungen Content-Creator ein gigantischer Spielplatz zu sein scheint, sondern die unglaubliche Biederkeit, mit der die beiden ein ganzes Genre vorstellen. Oper ist für sie nicht mehr Ort der Sammlung, der Auseinandersetzung oder der gesellschaftlichen Debatte, sondern ein Wohlfühlort mit genügend Getränken für die Pausen-Zerstreuung. Walter Benjamin, steh uns bei!

Aber um Hydration Breaks dreht es sich auch im Insta-Auftritt des Festspielhauses Baden-Baden recht oft. Klar, hier trinkt man keinen Veltliner wie in Österreich, sondern freut sich auf »Klassik und Spritz«. Auf dem Programm steht (neben Yannick) auch »Sundowner und ein DJ auf der After-Show-Terrasse.« All das wird uns von irgendwelchen Leuten erzählt, denen es offensichtlich schon schwer fällt, einigermaßen cool die Balance zu halten, während sie auf einem Treppengeländer sitzen.

Klar, dass sich auch Opera Bert für Baden-Baden unter die Dusche stellt (wäre vielleicht auch noch ein gutes Tutorial: Körperpflege vor dem Opernabend!), und Jonathan Tetelman soll mit Gesten auf seinen Job reagieren: Das Wichtigste für ihn sind demnach die Schlussverbeugung und das Geldzählen. Ach ja, ein Wort noch zu Richard Strauss? »Laut!«.

Wer ist der Sponsor?

Fast schon konservativ erscheint dagegen der Insta-Auftritt der Staatsoper unter den Linden. Hier scheint es in erster Linie darum zu gehen, den Sponsoren zu zeigen, dass man sie ernst nimmt. So darf der Kollege von BMW (ja: BMW sponsert die Oper) direkt auf allerhand PS (von BMW!) aus dem Motorradwerk (dem von BMW) in Berlin grüßen. Irgendwann hört man dann auch auf zu zählen, wie oft Intendantin Elisabeth Sobotka ihrem Sponsor dankt – es ist übrigens: BMW!

Nebenbei lässt die Intendantin die Oper dann auch noch ziemlich alt aussehen, wenn sie sich stolz neben Eleonore Büning ins Kritiker-Quartett stellt oder François-Xavier Roth ein bisschen über die Musik plaudern lässt. Bei all dem wirkt Christian-Ringelpulli-Thielemann fast schon lässig: »Liebes Publikum, der Bebelplatz ist ja einer der schönsten weit und breit … das Programm ist populär und bietet etwas Neues, das trotzdem gut ins Ohr geht. Viel Vergnügen!«

Doch ziemlich alt

Ach ja, Bülent Ceylan, der neue Bassa in der Entführung, darf noch erklären: »So muss man reden, heute: Wie geil ist Oper!« Ich frage mich nur: Ist die Aufführung auch von BMW gesponsert?

Etwas mehr um die Musik dreht sich der Insta-Auftritt der Bayerischen Staatsoper. Hier dürfen Vladimir Jurowski und Tobias Kratzer tatsächlich (und ohne Mikro in der Hand) nicht über Ideen sprechen, über Wagner, das Orchester und die Philosophie. Jonas Kaufmann ist im Kostüm zu sehen, klar, Opera Bert ist auch für München im Einsatz, und dann kommt schließlich noch die ganz »old school« ins Bild kommt, wenn Holger Nolze irgendwie durch den Saal schwankt und sich als PR-Kritiker so etwas wie den Inhalt herunterspult wie anno dazumal der »Achtung Klassik!«-Justus. Ganz so alt muss Insta dann auch wieder nicht aussehen!

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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