Liebe Andrea Zietzschmann,

Juni 29, 2026
1 min read

das erste Mal richtig getroffen haben wir uns bei einem Fußballspiel in China. Ich stand als Presse-Gast der Staatskapelle Dresden auf dem Platz, in einem Team mit den Berliner Philharmonikern spielten wir gegen das Shanghai Symphony Orchestra. Und ich glaube, nachdem ich mich an Ihrem damaligen Chefdirigenten Simon Rattle abgearbeitet hatte, hofften Sie, dass Andreas Ottensamer die Blutgrätsche gegen seinen Mitspieler herausholt. Sagen wir mal so: Sie waren »not amused«, mich auflaufen zu sehen. Heute verstehe ich das: Sie kämpfen als Intendantin nur für eines: Ihr Orchester!

Später entschied Ihr Orchester sich – und ich fand das großartig – für Kirill Petrenko statt für altbekannten Romantik-Rausch. Und auch hier haben Sie immer im Hintergrund gestanden – als Ermöglicherin. Sie haben vieles getan, was niemand wirklich gesehen hat. Sie haben einem Dirigenten mit höchsten Anforderungen an Qualität einen Safe Space geschaffen, gleichzeitig haben Sie das Profil Ihres Orchesters ausgebaut: einen Klangkörper für die Gegenwart – und für die Zukunft. Sie haben das vielleicht etwas geldgierige Baden-Baden-Fremdgehen gestoppt und sind zurück nach Salzburg gekommen. Und zu Hause haben Sie sich gegen den Berliner Spardruck gestemmt – mit aller Kraft und Macht.

Intern hat es vielleicht ein wenig geruckelt, wir wissen um die Eitelkeiten einiger Musikerinnen und Musiker, um Cellisten, die vielleicht auch selbst gern Intendanten wären, darum, dass Orchester irgendwann immer etwas Neues wollen. Vielleicht ist einigen auch nicht klar, wie viel das Ensemble Ihrer ruhigen Art zu verdanken hat, Ihrem Management, Ihren Gesprächen hinter den Kulissen – Ihrem glaubhaften Kampf für Musik, Künstlerinnen und Künstler.

Nun sagen Sie: Es ist Schluss. Nach 11 Jahren wollen Sie Ihren Vertrag nicht verlängern. Von 2028 an soll sich jemand anderes um das Orchester und vor allen Dingen um den Umbau kümmern. Auch das zeigt Größe. Gehen, bevor die Chose explodiert. Erfahrungen mitnehmen. Dorthin gehen, wo man mit offenen Armen empfangen wird.

Salzburg sucht eine neue Intendantin. Dienstantritt: Herbst 2027. Passt doch.

Übrigens: Die Berliner Philharmoniker haben das Fußballmatch in China damals gemeinsam mit der Kapelle haushoch gewonnen. Und ich bin noch immer im Training.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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