Der neue Kritiker-Deal

Juli 6, 2026
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Wie lange wird es das noch geben: Überquellende Zeitungsstände (Bild: KI)

Früher genügte eine Mail, und die Pressekarte war sicher. Heute sortieren Veranstalter aus – und alte Gewissheiten geraten ins Wanken. Doch wer Kulturberichterstattung jahrelang abbaut, sollte sich nicht wundern, wenn irgendwann die Frage gestellt wird: Wer braucht hier eigentlich noch wen?

English summary: It used to take just one email to secure a press ticket. Today, event organizers are becoming more selective—and old certainties are beginning to crumble. But those who have spent years cutting back on cultural coverage should hardly be surprised when the question is finally asked: Who actually needs whom anymore?

Nun also auch der Weser-Kurier aus Bremen. Neulich meldete die Tageszeitung in der Rubrik »Werkstattbericht«, dass es in letzter Zeit immer mehr Probleme mit der Zuteilung von Pressekarten gebe: »Früher hat man Veranstaltern einige Wochen vor einem Event eine E-Mail geschrieben, dass man gerne für einen Konzertbericht vorbeikommen würde, und hatte in der Regel kurze Zeit später die Zusage. Nun schaltet sich häufig das Management der Künstler dazwischen, muss Presseanfragen ›erst einmal sammeln‹ und entscheidet oft erst wenige Tage vor der Veranstaltung, wer reingelassen wird.«

Nun ist es leicht, ganz laut »PRESSEFREIHEIT!« zu schreien und zu erklären, dass die Medien eine Stütze unserer Gesellschaft seien und gefälligst überall Zugang haben sollten. Da ist auch etwas dran. Aber es gibt eben auch einen anderen Aspekt: Wer ist heute eigentlich noch ein relevantes Medium?

Wer ist heute noch relevant?

Es ist verständlich, dass nicht jede Zeitung, jeder Sender und jede TV-Anstalt kostenlosen Zugang zu allen Konzerten haben können. Und klar ist auch, dass Veranstalter natürlich irgendwann auswählen müssen. Neulich traf ich den Kollegen einer nicht ganz unbedeutenden Regionalzeitung. Er war bestürzt, dass er nach über zehn Jahren kontinuierlicher Berichterstattung dieses Mal keine Karten für den Premieren-Zyklus bei den Bayreuther Festspielen bekommen hat.

Überall wird klar: Die Presselandschaft – auch im Kultursektor – ordnet sich neu. Während Opernhäuser Leute wie Opera Bert sogar dafür bezahlen, dass sie kommen (und jubeln), werden die Karten für Hardcore-Kritikerinnen und -Kritiker begrenzt. Jede Öffentlichkeitsabteilung wird abwägen: Badische Zeitung oder BackstageClassical? Stuttgarter Nachrichten oder der Instagram-Influencer? Und klar: Die Abo-Zeitung verliert gegenüber anderen Medien rasant an Bedeutung.

Niemand braucht den Weser-Kurier

Zur Wahrheit gehört auch, dass Zeitungen wie der Weser-Kurier ihre Bedeutung in Sachen Kultur in den letzten Jahren einfach fahrlässig verspielt haben. Da wurde über viele Veranstaltungen einfach gar nicht mehr berichtet. Aus eigener Anschauung weiß ich das von der Philharmoniker-Playlist-Reihe: Kein Kritiker des Weser-Kurier hat sich ein Stelldichein in dieser neuen Serie gegeben – weder beim Konzert mit Wigald Boning noch mit Jan Böhmermann. Überhaupt: Symphoniekonzerte haben es inzwischen überall schwer, besprochen zu werden. Und ehrlich gesagt: Es hat auch niemand den Weser-Kurier vermisst. Die Konzerte waren rappelvoll. Das Publikum kommt längst auch ohne Tagespresse.

Zeitungen wie der Weser-Kurier haben sich längst von seriöser Kulturberichterstattung verabschiedet. Das Feuilleton ist schlichtweg nicht mehr ernst zu nehmen. Kritiker, die einst noch Noten lesen konnten, wurden in die Nischenmagazine abgeschoben, stattdessen schrieben plötzlich Intendanten-Groupies. Da muss sich die Zeitung nicht wundern, wenn Veranstalter sagen: »Ach, wisst ihr was? Es geht auch ohne euch.« Wer den Kulturauftrag preisgibt, darf sich nicht beschweren, wenn Kultureinrichtungen das öffentliche Interesse selbst in die Hand nehmen.

Wer bekommt die Karten?

Nur eine kleine Randnotiz an dieser Stelle: Der ehemalige Chefredakteur des Weser-Kurier, Moritz Döbler, schreibt heute als Chefredakteur der Rheinischen Post Kommentare, in denen er erklärt, warum seine Landeshauptstadt Düsseldorf in Wahrheit gar keine eigene Oper braucht. Ist es da ernsthaft verwunderlich, wenn die Opernhäuser oder Orchester inzwischen denken, dass sie auf derartige Medien auch verzichten können?

Aber natürlich: Einige Häuser nutzen das Recht, ihre Pressekarten individuell vergeben zu können, eventuell auch, um missliebige Kritiker draußen zu halten. Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Die Wiener Staatsoper erklärte mir vor einigen Jahren, dass man keine Premierenkarte mehr für mich übrig habe. Kaufkarten gab es nicht mehr. Lag es daran, dass ich zuvor energisch und kritisch über den Intendanten Bogdan Roščić berichtet hatte? Nachweisen kann ich das nicht. Ich habe mich damals entschieden, die Staatsoper einfach von meiner Liste zu streichen. Wenn mich eine Aufführung interessiert, kümmere ich mich um ein Ticket – ansonsten: eben nicht. Und ich glaube, dass niemand bei BackstageClassical bislang eine Premierenbesprechung aus dem Haus am Ring vermisst hat – und das Haus ist vielleicht auch glücklich, dass ich nicht mehr komme. Wir gehen uns aus dem Weg.

Das kann es eigentlich nicht sein. Umso wichtiger ist es, dass wir das Verhältnis von Kritik und Theatern vielleicht neu verhandeln. Gerade Häuser, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden, sollten die Vergabe der Tickets transparent machen. Vielleicht einen öffentlichen Vergabe-Kodex erstellen, an dem sich jeder orientieren kann. Welche Medien werden auf jeden Fall bedacht, welche weiter hinten gereiht? Wie verhält es sich mit dem Verhältnis von Abo- und Online-Medien? Welche Medien werden sogar eingeladen und damit zum Positiven beeinflusst? Nach welchen Kriterien wird überhaupt entschieden? Reichweite? Regelmäßigkeit der Berichterstattung? Fachkompetenz? Lokale Bedeutung? Unabhängigkeit? Vielfalt der Medienformen? Und vor allem: Wie verhindert man, dass freundliche Influencer eingeladen und kritische Journalisten ausgesiebt werden?

Der alte, stille Deal funktioniert nicht mehr. Früher lautete er ungefähr: Kulturinstitutionen geben Pressekarten, Zeitungen geben Öffentlichkeit. Dieses Bild zerfällt, weil viele Zeitungen kaum noch Öffentlichkeit für Kultur herstellen und Institutionen über eigene Kanäle, Influencer und Online-Medien ihr Publikum direkt erreichen. Die entscheidende Frage ist nun, welche Regeln an seine Stelle treten.

Die mediale Welt befindet sich auch in der Kultur in einem radikalen Wandel. Bedeutung und Relevanz sind veränderliche Größen. Und ja: Man kann durchaus argumentieren, dass der Weser-Kurier nicht mehr ganz oben auf der Liste steht, wenn große Stars in Bremen zum Konzert antreten. Der Weser-Kurier mag darüber lamentieren. Aber er könnte sich auch an die eigene Nase fassen und endlich mal wieder eine Kulturberichterstattung wagen, die auch für Kulturschaffende interessant ist.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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