»Ro!«, Herheim, »Ro!«

Juli 3, 2026
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Das Theater an der Wien (Foto: TadW, Meyer)

Das Theater an der Wien ist in einer künstlerischen und finanziellen Krise. Zeit, den Anschluss an die Menschen zu gewinnen. Es steht symbolisch für einen Kulturbetrieb in Zeiten des Spardrucks. 

English summary: Vienna’s Theater an der Wien faces a deep artistic and financial crisis. Stefan Herheim has failed to anchor the house in the city, build public support or offer a compelling vision. With major cuts and staff departures, the article argues that the theatre needs less lament and more courage.

Die Hoffnungen waren groß, als Stefan Herheim 2022 das Theater an der Wien übernahm: Ein Regisseur als Intendant. Neue Ideen für das Stagione-Theater. Ein Haus, an dem nicht nur die Oper, sondern auch die Produktion von Opern neu gedacht werden soll. Vier Jahre später steht Stefan Herheim vor einem Scherbenhaufen. Zwei seiner wichtigsten Mitarbeiter verlassen das Haus: Der stellvertretende Intendant, Peter Heilker, traut sich zu, die vertrackte Situation an der Oper Leipzig als Intendant zu ordnen, und die künstlerische Betriebsdirektorin Carolin Wielpütz zieht es offenbar ebenfalls zurück nach Deutschland. 

Dazu ist das Haus von den Kultureinsparungen in Wien besonders betroffen: Fünf Millionen Euro müssen aus dem 56-Millionen-Budget geschnitten werden. Die Anzahl der Neuproduktionen wird fast halbiert und fällt von 13 (am Anfang der Ära Herheim) auf nunmehr sieben. Zudem wird die Kammeroper, wie es heißt, »pausiert«, was faktisch aber wohl bedeutet: Sie wird »geschlossen«. Allein die Abschlagszahlungen für abgesagte Produktionen belaufen sich auf 385.000 Euro.

In einem aktuellen Interview spricht Stefan Herheim inzwischen von »Kulturkampf«. Und er befürchtet, dass der Druck auf das Haus noch größer wird: »Mit dem anhaltenden Niedergang der Wirtschaft und steigendem Spardruck kommt immer mehr Signalpolitik ins Spiel, die zu populistischen Übersprungshandlungen neigt.«

Neues Haus, alte Ideen

Herheim mag Recht haben. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sein Haus die Einsparungen nun besonders zu spüren bekommt, weil es dem Intendanten und seinem Team in der Vergangenheit vielleicht auch nicht gelungen ist, die eigene Bedeutung innerhalb der Stadtgesellschaft zu positionieren. Was Herheim als »Signalpolitik« ausmacht, ist vielleicht auch einfach nur der nachvollziehbare politische Druck, in Zeiten klammer Kassen dort zu operieren, wo der öffentliche Druck am geringsten scheint.

Das Theater an der Wien ist so gesehen bereits als Stagione-Betrieb besonders angreifbar, da es nicht über großen (und politisch organisierten) Rückhalt in den eigenen Reihen verfügt: Das Orchester des ORF, eines der Stamm-Ensembles, kämpft an anderer Front gerade um das eigene Überleben, und auch die Wiener Symphoniker müssen den Gürtel enger schnallen und sich auf ihren eigenen Kurs konzentrieren. Kurz gesagt: Herheim fehlt bereits strukturell eine politische Lobby.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er es in den letzten vier Jahren nicht wirklich geschafft hat, sein Haus zwingend in die Wiener Stadtgesellschaft zu stellen. Dabei waren die Ausgangsvoraussetzungen ideal. Herheim hat in einer Ausweichspielstätte im Museumsquartier begonnen und alles auf die große Eröffnung des sanierten alten Hauses ausgerichtet. Die Wienerinnen und Wiener sollten mit dem wiedereröffneten Theater an der Wien eines ihrer musikalischen Wohnzimmer zurückbekommen.

Tatsächlich erstrahlte das Haus in neuem Glanz, ohne einen echten »Wow«-Effekt, aber immerhin: das Auditorium strahlt in altem Gold-Glanz, das Foyer ist praktisch und mit Aussicht, und hinter der Bühne ist alles modernisiert. Das Problem: Herheims Ästhetik scheint irgendwie ein wenig aus der Zeit gefallen.

Den Anschluss verloren

Er hat fragwürdige Regiearbeiten (den Freischütz von David Marton) schon am Anfang seiner Amtszeit einfach so durchgewinkt, holte zwar Regisseure wie Tobias Kratzer, die hier aber eher unter ihrem eigentlichen Niveau inszenierten, und stellte immer wieder uraltes Schenkelklopf-Theater auf die Bühne, entweder wie in La Périchole von (gähn!) Nikolaus Habjan oder in seiner eigenen, vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Inszenierung (ja, genau: mit Nazi-Mänteln und Hau-Ruck-Humor) von Fidelio, äh … der Fledermaus. Selbst die gefeierte Norma war in erster Linie der Erfolg von Asmik Grigorian und nicht von Regisseur Vasily Barkhatov. Es war erschreckend mit anzusehen, wie Herheim den Anschluss an die Entwicklung der Oper verloren hat.

Die Fledermaus im Theater an der Wien (Foto: Forster)

Manche hatten ihn als Nachfolger von Markus Hinterhäuser für die Salzburger Festspiele auf dem Programm. Nun stellt Herheim klar, er habe sich nicht beworben und sei auch nicht gefragt worden. Natürlich nicht. Vielleicht auch deshalb, weil es ihm nicht einmal jetzt gelingt, kritisch auf das Geschehen in Salzburg zu schauen. Theaterintendanten heute müssen ihre Haltung mit Charme vertreten – sie müssen auch Menschenfänger sein.

Herheim und sein Haus sind irgendwie nie richtig in Wien angekommen: Das Führungs-Trio – Herheim, Heilker, Wielpütz – schien sehr von sich überzeugt, inszenierte sich auch gern als Triumvirat, das sich selber genug war, und schien dabei die Antennen für das Außen verloren zu haben. Das erklärt auch, warum Herheim jetzt so überrascht ist, dass sein Haus so hart von den Sparmaßnahmen betroffen ist.

Herheim ist der Nagelsmann der Oper

Im aktuellen News-Interview versucht er, seine Arbeit noch immer mit der Umwegrentabilität zu legitimieren. Andere Kulturinstitutionen in Wien haben längst ganz andere Maßnahmen unternommen, um sich gegen die Krise zu rüsten. Die Staatsoper von Bogdan Roščić hat einfach jeden künstlerischen Anspruch aufgegeben und erklärt ihren Erfolg mit Auslastungszahlen – das Haus hat sich radikal als Touristen-Oper positioniert. Man kann das kritisieren, aber aus Sicht der Intendanz funktioniert das ganz gut. Und ausgerechnet die Volksoper  macht Herheim seit Jahren vor, wie man ein diverses Publikum lockt. Lotte de Beer hat es geschafft (auch hier kann man über die Qualität streiten), ihr Haus vollkommen neu zu positionieren: bunt, queer, voller guter Laune. All das ist politisch derzeit nur schlecht anzugreifen.

Und auch das letzte Interview von Stefan Herheim hat eben keine Hoffnung versprüht. Der Intendant sitzt in seinem Haus und jammert. Herheim ist so etwas wie der Julian Nagelsmann der Oper geworden: ein genialer Taktiker, der aber das Gefühl für die Menschen verloren hat, für sein Team und die Hoffnungen der Welt da draußen. Statt neuen Mut zu schöpfen, gibt er Interviews in Lamento-Moll. Dabei wäre gerade jetzt ein Jürgen Klopp so nötig wie selten. Oder mindestens ein Norweger, der aus voller Brust ruft: »RO! RO!! RO!!!!«.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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