Joe Chialo verteidigt Berlin-Einsparungen

November 27, 2024
1 min read
Joe Chialo (Foto: Heidrich)

In einem Gespräch mit der FAZ erläutert Berlins Kultursenator Joe Chialo die Herausforderungen durch die massiven Kürzungen im Kulturbereich: Er fordert mehr privates Engagement.

English summary: Berlin’s Culture Senator Joe Chialo discusses the impact of massive budget cuts on the arts sector, emphasizing the need to save €3 billion overall, with €121 million cut from culture. Despite criticism and protests, he defends the necessity of the reductions, citing compromises that reduced planned cuts from €200 million to €130 million. Chialo calls for a cultural shift toward self-reliance and economic competitiveness, proposing alternative funding models like loans and corporate partnerships. He assures that key institutions like the Deutsches Theater and Komische Oper will remain open but stresses structural adjustments. Long-term solutions include raising ticket prices with social provisions and expanding private sponsorship. Chialo remains optimistic but insists on realistic planning amid limited resources.

Trotz Buhrufen und harscher Kritik bei öffentlichen Auftritten zeigt Berlins Kultursenator gegenüber der FAZ Verständnis für die Emotionen der Kulturschaffenden, betont jedoch unbeirrt die Notwendigkeit der Sparmaßnahmen: Der Berliner Haushalt muss 3 Milliarden Euro einsparen, wovon 121 Millionen auf die Kultur entfallen. Chialo beschreibt den Prozess der Haushaltsplanung als komplex, bei dem nicht alle Entscheidungen in seinem Einflussbereich lagen. Er verteidigt seine Position, verweist auf erreichte Kompromisse – etwa die Reduzierung der ursprünglich vorgesehenen Kürzungen von 200 auf 130 Millionen Euro – und lehnt Rücktrittsforderungen ab.

Erstaunlich ist, dass Chialo argumentiert, er hätte noch größere Einsparungen in der Kultur abgewendet. Eigentlich sollten nur 10 Prozent des Kulturhaushaltes gekürzt werden, nun sind es fast 12 Prozent.  

Brauchen wir einen Mentalitätswandel?

Chialo fordert darüberhinaus einen Mentalitätswandel in der Kulturszene hin zu mehr Eigenverantwortung und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit. Er schlägt alternative Finanzierungsmodelle wie Kreditlösungen und Partnerschaften mit Unternehmen vor. Dabei betont er, dass wesentliche Kulturinstitutionen wie das Deutsche Theater oder die Komische Oper erhalten bleiben sollen, auch wenn Einsparungen unumgänglich sind. Aber gerade in Zeiten, da große Unternehmen selber den Gürtel enger schnallen und tausende von Mitarbeitern loswerden wollen, scheint die Hoffnung auf privates Engagement wie Zweckoptimismus.

Anzeige

Die Schwerpunkte der Koalition auf Bildung, Sicherheit und Soziales bedeuteten größere Lasten für die Kultur, sagt Chialo der FAZ, sie würden strukturelle Anpassungen erforderlich machen.

Chialo plädiert außerdem für langfristige Lösungen wie höhere Ticketpreise mit sozialverträglichen Kontingenten und den Ausbau privater Förderungen. Trotz der Einschnitte bleibt er optimistisch, die Berliner Kulturlandschaft zukunftsfähig gestalten zu können, fordert jedoch eine realistische Auseinandersetzung mit den begrenzten Mitteln und betont, dass die aktuelle Krise tiefgreifendere strukturelle Veränderungen notwendig macht.

BackstageClassical

BackstageClassical bringt Ihnen Debatten und Nachrichten aus der klassischen Musik. Die Seite ist kostenfrei. Bestellen Sie unseren Newsletter oder unterstützen Sie unseren unabhängigen Musikjournalismus durch Ihre Spende.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Nelsons verlässt Boston im Streit

Der lettische Dirigent Andris Nelsons muss im Sommer 2027 nach 13 Jahren sein Amt als Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra (BSO) abgeben. Das teilte das Board des Orchesters am Freitag mit. Die

Lieber Timothée Chalamet,

Der Schauspieler Timothée Chalamet hat die Klassik-Blase mit einem Satz auf die Palme gebracht. Opernhäuser reagierten weitgehend humorlos – eine verpasste Chance.

Ausschuss gegen Wedl-Wilson

Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson steht wegen ihres Umgangs mit Fördermitteln aus einem Sonderbudget für Projekte gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus unter Druck.

Fingerübungen für Bach 

Der Literat Christoph Hein legt fünf Bach-Novellen vor. Eine Suite kleiner, literarischer Menuette: Leicht, beschwingt, dem Tode nahe – und mit beiden Beinen auf der Erde.

Liebe Blonde,

Du wolltest unbedingt auch Mal einen »Brief von Brüggi«. Pedrillo hat es nicht so mit Worten. Der Bassa hat nur Augen für Konszanze. Osmin schickt Dich ohne Brief in die Küche, und

Järvi Goes London

Der estnische Dirigent Paavo Järvi wird neuer Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra. Zur Saison 2028/29 wird er die Nachfolge von Edward Gardner antreten. Järvi ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Künstlerischer Leiter

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Vor 10 Jahren ist Nikolaus Harnoncourt gestorben. BackstageClassical-Herausgeber Axel Brüggemann hat ihn oft getroffen. Hier ein altes, inspirierendes XXL-Gespräch mit ihm über die Kriegs­ge­nera­tion, die Klangsprache und die „Knödel­theorie“.

Neue Bewegung in den Epstein-Klassik-Files

In neu veröffentlichten Epstein-Akten tauchen die Namen von Dirigent Frédéric Chaslin und Pianist Simon Ghraichy mehrfach auf. Beide weisen jede Verbindung zu dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zurück.

Lieber Ioan Holender,

Gratulation! Sie sind endgültig angekommen: Ganz unten und ganz rechts.  Also an dieser Stelle erschien jedenfalls Ihr Leserbrief in der Ösi-Zeitung Die Presse. Genau, in jenem Blatt, das in letzter Zeit besonders innig

Das Theater-Ensemble als Identifikation

Das Musiktheater steht unter Druck. Betroffen sind vor allem kleine und regionale Bühnen. Dabei bilden sie die Innovationskraft für die gesamte Sparte. Ein Plädoyer für den Erhalt und die Sicherung der regionalen

Verpassen Sie nicht ...