Die Gewalt der Machos

Juli 20, 2024
2 mins read
Tancredi bei den Bregenzer Festspielen (Foto: Bregenzer Festspiele, Forster)

Modernisierung mit Sinn und Effekt: Jan Philipp Gloger inszeniert Rossini Trancredi in Bregenz. Kritik von Georg Rudiger.

Eigentlich spielt die Geschichte im Mittelalter in Syrakus und erzählt von Kreuzfahrern und feindlichen Sarazenen, von einer unmöglichen Liebe und der Dominanz der Männer. Tancredi war Gioachino Rossinis erste Opera Seria, mit der er im Februar 1813 am Teatro La Fenice seinen Durchbruch schaffte. Es liegt wohl am schwachen Libretto, dass die Oper heute weitgehend von den Spielplänen verschwunden ist.

Nun hat Jan Philipp Gloger die sperrige Story bei den Bregenzer Festspielen ins Heute verlegt und aus den Rittern Mitglieder von zwei ehemals verfeindeten Drogenclans im katholischen Süden gemacht, die sich gegen die Polizei verbündet haben. Der Transfer klappt im Festspielhaus erstaunlich reibungslos, weil der Regisseur genau arbeitet und die Details stimmen. Die offene Villa von Clanchef Argirio (mit hellem, allerdings zu flachem Tenor: Antonino Siragusa) ermöglicht auf der sich langsam drehenden Bühne Einblicke ins Innenleben der Mafia – samt gefliester Folterkammer, Fitnessraum, Plastikstühlen, Kruzifix und schmuddliger Küche (Bühnenbild: Ben Baur) mit sorgender Mama (Laura Polverelli als dunkel timbrierte Isaura). Die leicht reizbaren Männer des gelegentlich schleppenden Prager Philharmonischen Chors tragen je nach Clanzugehörigkeit Cargowesten oder Jackets (Kostüme: Justina Klimczyk). Immer wieder entlädt sich Machogehabe in Gewalt.

Anzeige

Auch die zentrale Inszenierungsidee, den schon bei der Uraufführung von einer Mezzosopranistin gesungenen Tancredi als Frau zu sehen und so eine verbotene lesbische Liebesbeziehung im patriarchalen Umfeld in den Mittelpunkt zu rücken, geht auf, was an den auch darstellerisch großartigen Sängerinnen liegt. Mélissa Petits ziselierte, frei schwebende Koloraturen als Amenaide erzählen viel von dieser vom Vater zur Ehe mit Orbazzano (mit Matte und kräftigem Bassbariton: Andras Wolf) gezwungenen Tochter, die nach und nach mutiger wird.

Lesen Sie auch die Kritik von Axel Brüggemann zum Bregenzer Freischütz auf der Seebühne

Aus ihren Sehnsüchten nach der Geliebten Tancredi, verbunden mit der Angst vor Entdeckung, gestaltet Petit ein faszinierendes Rollenporträt. Anna Goryachova macht aus der Eifersucht und dem Schmerz Tancredis dunkel gefärbte melodische Linien. Im Laufe des Abends stählt sie ihren flexiblen Mezzo. Rossini-Expertin Yi-Chen Lin entwickelt mit den Wiener Symphonikern im Großen einen federnden, geschärften Rossinisound mit viel Grip in den Streichern und fließenden Tempi. Leider folgen gerade die Holzbläser nicht immer ihrem präzisen Dirigat. Auch klanglich gibt es bei Oboen, Klarinetten und Englischhorn Qualitätseinbußen. Vielleicht hätte man in der Partitur insgesamt noch ein wenig mehr streichen können oder auch müssen, weil sich der über drei Stunden lange Abend doch etwas zieht. 

Das lange, leise Ende der gewählten Ferrara-Fassung gerät in Bregenz zu einem Statement für die lesbische Liebe. Tancredi wird vor ihrem Transparent von den Polizisten äußerst realistisch abgeknallt. Anna Goryachova singt und spielt diese körperlich und seelisch verletzte Frau mit einer Hingabe und Dringlichkeit, die berührt. Erst im Tod fühlt sie die Liebe von Amenaide, der Mélissa Petit ein letztes Mal modellierte Töne schenkt. 

Weitere Vorstellungen: 21./29. Juli 2024. www.bregenzerfestspiele.com 

Georg Rudiger

Georg Rudiger hat Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Freiburg und Wien studiert. Er beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und dem Elsass - als fester Freier für die Badische Zeitung, überregional u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, neue musikzeitung und Der Tagesspiegel. Er ist bei wichtigen Musikfestivals und Opernpremieren (Jurymitglied der Opernwelt), gelegentlich auch Rock- und Jazzkonzerten.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

BackstageClassical ist in den Sommerferien

Die Klassik-Welt dreht weiter, aber wir machen Ferien. Am 1. September sind wir wieder für Sie da – mit täglichen News aus der Welt der Klassik. Bis dahin hier ein wenig Lektüre und

Publikumsbeschimpfug ist auch keine Lösung, Herr Mondtag

Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor

Friedman, Rienzi, Ring und Co. – eine Bayreuth-Bilanz

Peter Huth, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und Kommunikationschef von Axel Springer, bespricht mit Axel Brüggemann die erste Festspielwoche im Podcast von BackstageClassical. Auch Nathalie Stutzmann, Michel Friedman oder Katharina Wagner

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.

Verpassen Sie nicht ...