Ärger um Thielemann-Professur am Mozarteum

Juli 16, 2026
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Fuchsberger, Thielemann und Marin (Fotos: Mozarteum, Steiner, Creuziger, Ill)

Studierende beklagen schlechte Kommunikation und kritisieren, dass die Thielemann-Klasse nur Männer aufgenommen hat. Die Rektorin verteidigt das Vorgehen.

English summary: Christian Thielemann’s new conducting professorship at Salzburg’s Mozarteum has sparked controversy. Students criticize the selection process, the exclusion of current conducting students and the admission of an all-male class, while the university’s new rector defends the decisions.

Es war ein Scoop, als das Mozarteum in Salzburg ankündigte, Christian Thielemann würde als Professor eine Dirigierklasse an der Universität übernehmen. Inzwischen sorgt die prominente Personalie allerdings für allerhand Verstimmungen – besonders unter den bereits eingeschriebenen Dirigier-Studentinnen und Studenten am Mozarteum. 

Einer der Vorwürfe lautet, dass Thielemanns Engagement lediglich ein Alibi-Professur sei, um die Karriere des mit ihm in einem Team antretenden Martin A. Fuchsberger (er ist Privatdozent) zu fördern. Fuchsberger wird neben dem Thielemann-Assistenten Jobst Schneiderat als Teil des »Teams Thielemann« unter anderem die »curriculare Betreuung« der Studierenden übernehmen. Außerdem kritisieren die Studierenden die Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber, besonders, dass die neue Klasse von Christian Thielemann am Mozarteum lediglich aus Männern besteht. 

Misslungene Kommunikation 

Die bestehende Dirigierklasse am Mozarteum, die von Dirigent und Professor Ion Marin betreut wird, wurde nach der Ernennung Thielemanns tatsächlich heftig hin- und her geschleudert.  Für die damalige Rektorin des Mozarteums, Elisabeth Gutjahr, schien die Verpflichtung Thielemanns so etwas wie eine letzte Rettung in eigener Sache gewesen zu sein: Gutjahr hatte innerhalb der Professorenschaft einen schweren Stand. Doch letztlich konnte ihr auch der öffentlichkeitswirksame Thielemann-Deal nicht helfen: Im April musste sie ihren Posten räumen, und Constanze Wimmer, die in Graz verantwortlich für Musikvermittlung war, wurde zur neuen Rektorin des Mozarteums ernannt.   

In einem ausführlichen und sehr transparenten Antwortschreiben an BackstageClassical macht Wimmer nun auch die Umbruchszeit mitverantwortlich für die bestehenden Irritationen und die misslungene Kommunikation gegenüber den Studierenden: »Das Auslaufen des befristeten Dienstverhältnisses von Ion Marin und die Vertragsverhandlungen mit Christian Thielemann erfolgten in der Zeit des Rektoratswechsels an der Universität Mozarteum.«

Am Anfang hieß es gegenüber den Dirigier-Studentinnen und Studenten, dass ihr Professor Ion Marin drei weitere Jahre am Mozarteum bleiben würde, um sie bis zum Studienabschluss zu betreuen. Als die Verpflichtung Thielemanns bekanntgegeben wurde, kommunizierte die Leitung der Hochschule zeitgleich allerdings, dass Marin lediglich noch ein Jahr am Mozarteum bleiben würde und seine Klasse in die Gruppe von Thielemann übergehen würde. Einige Wochen später bekamen die Studierenden dann eine weitere Mail, in der ihnen plötzlich erklärt wurde, dass sie sich per Video erneut für die Thielemann-Klasse vorstellen sollten, um dann zu erfahren, dass sie sich – egal, ob sie schon mehrere Semester studiert haben oder nicht – erneut vollkommen neu bewerben müssten. Ansonsten würden sie ihr Studium unter Aufsicht des Lehrenden Alexander Drčar beenden. 

Diese Vorgehensweise ist für Musikhochschulen mehr als ungewöhnlich. In anderen Fächern ist es selbstverständlich, dass bereits eingeschrieben Studierende bim Abgang eines Lehrers von dessen Nachfolger übernommen werden. Von Seiten der Mozarteum-Leitung heißt es gegenüber BackstageClassical: »Grundsätzlich ist es wichtig, zu klären, dass Thielemann nicht die Klasse von Ion Marin übernimmt, sondern eine neue Klasse aufbaut – mit einem unbefristeten Vertrag.«

Nur Männer wurden angenommen

Doch die bereits eingeschriebenen Studierenden verstehen nicht, warum ihre Klasse nicht langsam auslaufen kann. In jedem weiteren Semester hätten einige der Studierenden ihr Studium beendet, so dass Thielemann spätestens nach vier Semestern eine vollkommen eigene Klasse geleitet hätte. Es hätte also einen fließenden Übergang von der Klasse Marin zur Klasse Thielemann geben können (oder man hätte eine Parallelklasse behalten müssen). So entstand unter den Studierenden am Mozarteum der Eindruck, dass die Ernennung Thielemanns das vorzeitige Ausscheiden Marins bedingte, und dass Thielemann nicht ernsthaft an der Übernahme der bereits eingeschriebenen Studierenden interessiert sei. 

Letztlich bewarb sich dann auch nur ein Marin-Studierender bei Thielemann – und wurde abgelehnt. Hier setzt ein weiterer Kritikpunkt an: Das Team Thielemann entschied sich letztlich ausschließlich für die Aufnahme männlicher Bewerber. Das Mozarteum bestätigte gegenüber BackstageClassical, dass von den insgesamt 109 Bewerberinnen und Bewerbern knapp ein Fünftel (21) weiblich waren – davon bestanden nur fünf Frauen die Video-Runde, nur eine das Online-Interview und keine die finale Zulassungsprüfung in Präsenz. 

Auf die Frage, ob das der Mozarteum-Leitung im Jahre 2026 nicht befremdlich vorkomme, antwortete die Rektorin Constanze Wimmer gegenüber BackstageClassical, dass von Seiten der Lehrenden »bedauert wurde, dass es keine Frau in die letzte Auswahl geschafft hat. Wir alle hoffen, dass es in Zukunft gelingen kann. Gleichzeitig wäre es undenkbar und wenig sinnvoll, eine Frau quasi als Quote bestehen zu lassen, damit wir uns Ihrer berechtigten Frage nicht stellen müssen. Das Verfahren zeigt in seinem Geschlechterverhältnis die gegenwärtige Ausgangssituation. Und gerade die Universität Mozarteum tut viel im Bereich Frauenförderung, um dieses gewachsene Ungleichgewicht positiv zu verändern.« Das Absurde an der Situation ist, dass in der Klasse Marin Studentinnen in der Überzahl waren.

Zwei Lehrblöcke

Auch die konkrete Präsenz Thielemanns in Salzburg wird unter den Studierenden kritisiert. Der Dirigent wird das Orchester zwei Mal im Semester dirigieren. Normalerweise wird das Folgedirigat einer Aufführung dann von einem Dirigierstudenten oder einer Dirigierstudentin übernommen. Die Wiederaufnahme der von Thielemann einstudierten siebten Sinfonie von Anton Bruckner im Herbst soll indes kein Studierender (auch keiner der bereits eingeschriebenen Studenten der Marin-Klasse) übernehmen, sondern: Thielemann-Intimus Fuchsberger. 

Die Leitung des Mozarteums erklärt dazu: »Da die Klasse dann gerade erst mit dem Unterricht begonnen hat, ist es noch nicht möglich, einem Studierenden aus der Klasse das Nachdirigat zu überantworten.«

Constanze Wimmer weist auch den Vorwurf zurück, dass Thielemann mit zwei Dirigaten und Präsenz-Blöcken nur eine gut bezahlte Alibi-Professur antrete. Auf BackstageClassical-Anfrage heißt es: »Die Professur ist fachlich auf künstlerische Exzellenz und Berufsfeldnähe im Spitzenorchester- und Opernbereich ausgerichtet und bietet den Studierenden unmittelbare Einblicke in Probenkultur, Partiturarbeit und Entscheidungsprozesse im Kulturbetrieb auf höchstem Niveau. Zwei Hospitationen pro Studienjahr an Orten, an denen Christian Thielemann dirigiert (derzeit Bayreuth und Berlin), sind vertraglich fixiert; darüber hinaus wird er geblockt regelmäßig ab Herbst in Salzburg unterrichten. Der Eindruck bloßer ‚Stippvisiten‘ ist also völlig unbegründet.«

Der Frust bleibt

Antworten, die einige der Studierenden am Mozarteum nicht überzeugen. Sie kritisieren, dass die Ernennung Thielemanns ihren eigenen Weg massiv verändert hätte, zweifeln daran, dass am Ende auch so viel Thielemann im Studium steckt, wie das Mozarteum es bewirbt, und überlegen, die Institution für das Ende ihres Studiums zu verlassen. Es scheint, als würde die neue Hochschulleitung ihren einstigen Studierenden nur wenig Tränen hinterherweinen: »Sollten Studierende (…) nach einem anderen Lehrenden an einer anderen Universität oder Hochschule Ausschau halten, ist auch das ein an Musikuniversitäten durchaus gängiger Vorgang, da Studierende sehr gezielt nach dem/der für sie geeigneten Lehrenden suchen.« Ein Satz, der nicht gerade dazu beiträgt, dass sich die alte Dirigierklasse am Mozarteum nicht von ihrer Institution und der Sehnsucht der Hochschule nach großen Namen, verschaukelt vorkommt.     

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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