»Die Zukunft der Oper liegt in Warschau«

Juni 18, 2026
1 min read
Yoel Gamzou (Foto: Arsis MAnagement)

Klare Worte und große Ambitionen: Yoel Gamzou tritt sein Amt als Generalmusikdirektor der Polnischen Nationaloper an. Gemeinsam mit Intendant Boris Kudlička will er das Haus grundlegend erneuern – mit mehr Gegenwartsbezug und künstlerischem Risiko.

Podcast Yoel Gamzou auf applePodcast hier entlang.

English summary: Clear Words and Bold Ambitions: Yoel Gamzou Takes Office as Music Director of the Polish National Opera. Together with General Director Boris Kudlička, he aims to fundamentally renew the institution—bringing it greater contemporary relevance and a stronger commitment to artistic risk-taking.

Der Dirigent Yoel Gamzou tritt seinen neuen Posten als Generalmusikdirektor (GMD) an der Polnischen Nationaloper in Warschau mit einer radikalen Erneuerungsvision an. Im Gespräch im Podcast von Backstage Classical kündigt er an, das Haus gemeinsam mit dem designierten Intendanten Boris Kudlička grundlegend neu ausrichten zu wollen. Ziel sei es, Warschau zum »spannendsten Opernhaus Europas« zu entwickeln.

Gamzou, der zuvor unter anderem als GMD in Bremen tätig war, kritisiert die aktuellen Strukturen des Kulturbetriebs scharf. Insbesondere bei Gesangswettbewerben werde jungen Talenten oft ein veraltetes, rein traditionelles Opernbild vermittelt, das wenig mit der heutigen Lebensrealität zu tun habe. Für Gamzou steht nicht die Pflege von Referenzen im Vordergrund, sondern die persönliche Überzeugung und das Erzählen von Geschichten auf der Bühne. »Ich kann Musik nur aus einer heutigen persönlichen Überzeugung machen«, betont der Dirigent.

Der geplante »Reset« in Warschau sieht eine verstärkte Hinwendung zu neuen Werken und Stoffen vor, die das Publikum in der heutigen Zeit wirklich berühren. Gamzou spricht sich dabei gegen eine rein kopfgesteuerte Avantgarde-Musik aus, die viele Menschen aus den Opernhäusern vertrieben habe. Stattdessen setze er auf Sinnlichkeit und moderne Musik, die die Menschen erreicht. Die kommende Spielzeit beinhaltet unter anderem die Oper Mothers of Cross eines ukrainischen Komponisten sowie eine neu gegründete sinfonische Reihe, die mit Gustav Mahlers 2. Sinfonie (»Auferstehung«) startet.

Ein zentraler Aspekt von Gamzous Philosophie ist die Akzeptanz von Risiko und dem Scheitern. Perfektion sei für ihn nicht das Hauptziel einer Live-Aufführung; vielmehr müsse in jedem Moment etwas Einzigartiges riskiert werden, das nur einmal so stattfinden kann. Diese Wahrhaftigkeit sei die einzige Berechtigung für den hohen Aufwand einer Opernproduktion.

In der Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner und Architekten Boris Kudlička sieht Gamzou eine ideale Konstellation. Im Gegensatz zu vielen anderen Häusern stehe in Warschau nicht der Kampf um Macht oder Egos im Mittelpunkt, sondern die gemeinsame Sache. 

Gamzou erteilt dem Modell des »Touristen-GMD«, der ständig weltweit unterwegs ist, eine Absage und betonte, sich primär seiner Aufgabe in der polnischen Hauptstadt widmen zu wollen. Die ersten Erfolge des neuen Kurses zeichnen sich bereits ab: Teile der neuen Spielzeit waren laut Gamzou bereits nach vier Tagen ausverkauft.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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