Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich hinter sich zu lassen.
Vielleicht ist es ein wenig altmodisch. Aber man muss wissen, wann eine Sache ein Ende hat. Ganz abgesehen davon, ob die Trennung zwischen den Salzburger Festspielen und Markus Hinterhäuser gerechtfertigt war oder nicht: Der alte Intendant ist nicht mehr im Amt, und seine Nachfolgerin, Karin Bergmann, hat das Ruder übernommen. Es gibt einen Auflösungsvertrag, den beide Seiten unterschrieben haben – und darin mutmaßlich eine Verschwiegenheitsklausel.
Andere Intendanten würden nun – da die Festspiele laufen – vielleicht ihren Urlaub antreten. Sie würden Abstand gewinnen und Würde bewahren. Sie würden an der Amalfiküste auf neue Gedanken kommen, eventuell schon einmal Gespräche führen, um an anderer Stelle weiterzuwirken: Mailand, Paris oder New York. Irgendwo, um dann zu sagen: Hey, ihr wolltet mich nicht – schaut mal, wo ich jetzt bin.
Markus Hinterhäuser handhabt es anders. Er besucht Aufführungen der Salzburger Festspiele. Er zeigt sich. Er bleibt einfach da. Er tritt sogar auf. In seinem Konzert mit Matthias Goerne: keine Intendantin, keine Landeshauptfrau. Bewusst ausgeladen? Stattdessen kamen allerhand Schulterklopfer.
Das Affentheater
Es ist erstaunlich, wie die Causa Hinterhäuser die vom Intendanten entworfene Festspielsaison überschattet. Wie unglaublich klein und provinziell plötzlich alles wirkt. Geht es Hinterhäuser hier wirklich noch um die Festspiele oder nur noch um sich selber? Auch die vermeintlichen Versuche, Hinterhäuser zu rehabilitieren, scheinen derzeit eher kontraproduktiv und torpedieren seine eigene Festspielsaison. Und vielleicht noch sehr viel mehr: das Bild, das man in einigen Jahren von ihm haben wird.
Gerade erst hat der ehemalige Leiter des Klangforum Wien, Sven Hartberger, in einem eher dünn argumentierten Buch (der österreichische Falter schreibt: »oberflächlich«) ein »Großes Affentheater« vermutet und setzt Landeshauptfrau Karoline Edtstadler und Salzburgs Bürgermeister Bernhard Auinger auf die Anklagebank. Das Buch des jahrelangen Wegbegleiters Hinterhäusers (das schreibt Hartberger selbst) endet damit, dass der Autor seine Initiative für eine Prüfung der Vorgänge rund um die Vertragsauflösung durch den Rechnungshof dokumentiert.
Gestern berichtete die Österreichische Presseagentur nun über ein Urteil des Landesverwaltungsgerichts, wonach einem (hier nicht benannten) Antragsteller der geforderte Zugang zu Informationen vom Salzburger Festspielfonds rechtswidrig nicht gewährt wurde. Laut Gerichtsentscheidung muss der Festspielfonds den Antragsteller innerhalb von sechs Wochen über die Gesamtkosten der Beurlaubung und Auflösung des Verlängerungsvertrages des Ex-Intendanten informieren. Zusätzlich muss er Auskunft darüber geben, ob der Fonds Regressforderungen oder Schadenersatzforderungen gegen die Mitglieder des Kuratoriums prüfen lasse. Noch gibt es die Möglichkeit der Festspiele, Einspruch gegen das Urteil einzulegen.
Kosten und Gründe
In den letzten Wochen waren in der Presse Spekulationen laut geworden, nach denen die Kosten der Trennung von Hinterhäuser sich auf eine Summe von über einer Million Euro belaufen könnten.
Tatsächlich gibt es ein Transparenzproblem, denn es könnte ja auch ganz anders gewesen sein: Haben die Festspiele und Hinterhäuser vielleicht auch deshalb eine einvernehmliche Vereinbarung getroffen, weil beide Seiten Interesse am Stillschweigen über andere Dinge haben? Weil alle ein Interesse daran haben, dass der Ruf der Salzburger Festspiele nicht durch weitere Veröffentlichungen von Interna beschädigt wird? Erstaunlich ist jedenfalls, wie schnell die beiden Parteien nach der erbarmungslosen öffentlichen Auseinandersetzung einen gemeinsamen Vertrag unterschrieben haben, über den nun auch beide Seiten konsequent schweigen.
Was irritiert, ist, dass der Kläger sein Begehren auf Offenlegung der Gesamtkosten wegen überwiegenden öffentlichen Interesses zwar aufrechterhalten will, aber laut ORF ankündigte, die Fragen zur Motivation der Salzburger Festspiele für die Entlassung zurückziehen zu wollen. Mit anderen Worten: Es besteht zwar ein Interesse an den eventuellen Kosten, aber offenbar nicht mehr an den Gründen der Entlassung. Dabei ist dieser Punkt doch der viel spannendere!
Was genau ist hinter den Kulissen der Salzburger Festspiele vorgefallen? Was wurde Hinterhäuser – neben seiner Handhabung bei der Besetzung der Schauspielchefin – noch vorgeworfen? Wie genau hat er – so sagte es Edtstadler – gegen die sogenannte »Wohlverhaltensklausel« verstoßen? Und wieso kam diese überhaupt in seinen Vertrag – nicht von Edtstadler, sondern in der Zeit ihres Vorgängers Wilfried Haslauer? Was weiß die amtierende Präsidentin Kristina Hammer? Welche Informationen hatte Karoline Edtstadler? Auf eine Anfrage von BackstageClassical, ob der Landeshauptfrau ein Dossier über das Fehlverhalten Hinterhäusers bekannt sei, bekamen wir damals keine Antwort.
Provinzieller Streit
Es ist mehr Transparenz nötig. Sowohl über die eventuellen Kosten der Abfindung als auch über die Kosten, die Hinterhäusers oft erratische Entscheidungen verursacht haben. Wie hoch war die Abfindung für Schauspielchefin Marina Davidova? Wie teuer die kurzfristige Absage des alten Jedermann-Teams? Wie hoch die juristischen Kosten in aussichtslosen Fällen? Und, ja: Es muss auch über die Gründe der Trennung öffentlich geredet werden.
Die derzeitige Indifferenz schadet den Festspielen. Außerdem scheint es so zu sein, dass es Markus Hinterhäuser außerordentlich schwerfällt, loszulassen. Seine Anwesenheit bei den Festspielen lenkt ausgerechnet von jeder Kunst ab, die er selbst geplant hat. Und man kann sie leicht als Affront gegen seine Nachfolgerin und alle Künstlerinnen und Künstler lesen. Karin Bergmann selber scheint alles stoisch geschehen zu lassen. Sie ist angetreten, um Hinterhäusers Saison zu retten, die er nun selber irgendwie zerstört.
Fest steht: Salzburg wird bald einen neuen Intendanten oder eine neue Intendantin haben. Selbst die wütenden Millionärinnen, die einst ihren Sponsoring-Rückzug wegen Hinterhäusers Aus angekündigt hatten, sind wieder da. Ja, es wird weitergehen in Salzburg, irgendwann dann auch ganz ohne Markus Hinterhäuser. Der aktuelle Streit und das Verhalten des ehemaligen Intendanten und seiner Unterstützer lassen die internationalen Festspiele derzeit sehr provinziell aussehen.

