Die Klassik entdeckt den Techno, verteilt QR-Codes statt Programmhefte und gründet Clubs für junges Publikum. Doch wird ein Konzerthaus dadurch wirklich jünger – oder nur hipper? Unser Autor ist 22 und wendet sich bei BackstageClassical an Intendantin Ilona Schmiel. Gedanken über missverstandene Kulturvermittlung, die Liebe zur Musik und die Frage, warum die Tonhalle Zürich wieder den Mut haben sollte, vor allem eines zu verkaufen: ihre Konzerte.
Liebe Frau Schmiel,
ich bin 22 — also genau das Wesen, von dem in den meisten Strategiesitzungen Ihres Hauses die Rede ist: das junge Publikum, die Zukunft, die Zielgruppe, die man »abholen« möchte. Eigentlich müsste ich für Sie ein Sechser im Lotto sein: klassikinteressiert, neugierig, vor Mahler und Prokofjew nicht im Geringsten auf der Flucht, neuen Formaten gegenüber offen. Und trotzdem verlasse ich die Tonhalle fast jedes Mal mit demselben Gedanken: Dieses Haus will mich nicht. Es will nur so aussehen, als wollte es mich.
Lassen Sie mich fair beginnen, denn Sie machen vieles richtig. Ihr Social-Media-Auftritt ist wacher als das halbe Feuilleton. Sie ersparen uns bislang weitgehend die peinliche Figur des angeblich niederschwelligen Klassikmaskottchens, bei dem man nie weiss, ob man lachen, weinen oder einfach das Handy aus dem Fenster werfen soll. Kein Opera Bert, kein Kostümchen, kein »Hallo Kinder, heute erklären wir euch mal Musik«. Danke dafür. Wirklich.
tonhalleLATE und die Veranstaltungen des klubZ sind gute Abende — man geht gern hin. Doch all das löst das eigentliche Problem nicht. Es kaschiert es.
Einfach denken ist oft falsch denken
Wenn man zu tonhalleLATE geht, geht man zu tonhalleLATE — nicht zum nächsten Abo-Konzert. Und wenn nach Brahms der DJ übernimmt, steht im Subtext, was niemand laut sagt: Das Konzert war die Pflicht, jetzt kommt endlich das Vergnügen. Erst Brahms, dann Bass. Das ist keine Vermittlung. Das ist eine Entschuldigung für die eigene Kunst — vorgetragen ausgerechnet von dem Haus, das sie verteidigen müsste. Dabei ist das Format selbst sehr gut, nur es als Kulturvermittlung zu verkaufen, ist zu einfach gedacht.
Sie besitzen das beste Produkt der Stadt und bewerben den Pausenraum. Warum nicht mit derselben Energie für das werben, was Sie eigentlich verkaufen? Für die Werke. Für die Menschen am Pult und an den Geigen. Für zwei Stunden, in denen ausnahmsweise niemand etwas von einem will. Denn das ist heute der wahre Luxus des Konzerts — nicht, dass es hip wäre, sondern dass es unhip sein darf. Man sitzt still. Man postet nichts. Man bewertet nichts.
Man hört. In einer Welt, in der Offline-Sein zum Privileg geworden ist, könnte die Tonhalle einer der letzten handyfreien Räume Zürichs sein. Und dann reicht man mir an der Tür einen QR-Code, damit ich das Programm »scannen« darf. Verzeihung, aber das ist kein Fortschritt. Das ist die Ästhetik des Restaurants mit der Online-Speisekarte: nicht moderner, nur kälter. Sie verkaufen mir die Abwesenheit von Papier als Innovation und nehmen mir dabei genau den analogen Moment, für den ich gekommen bin. Man muss meiner Generation nicht erklären, wie digital die Welt ist.
QR-Code für Programm – wie eine Online-Speisekarte
Wir wohnen darin. Vielleicht wollen wir gerade deshalb manchmal hinaus.Was mir am meisten fehlt, ist die Nähe zur Sache selbst. Von aussen verschwinden Sie hinter Paavo Järvi, hinter Formaten, hinter Kommunikation, hinter einer sehr gepflegten Coolness. Aber wo ist die Erzählung dieses Orchesters für diese Stadt? Warum, bitte, muss Zürich die Tonhalle lieben? In Interviews wirken Sie auf mich abgeklärt, fast unterkühlt, als sei Klassik vor allem ein Betrieb, den man zu managen hat. Den muss man managen, gewiss. Aber man muss ihn auch lieben — und man muss es sehen dürfen. Bei Ihnen sehe ich die Tabelle. Ihre Leidenschaft bleibt leider unsichtbar.
Sie haben einmal gesagt, die Zeit sei zu knapp für Dinge, die nicht erfolgreich seien. Ein entschlossener Satz. Auch ein gefährlicher. Denn wer nur noch tut, was funktioniert, tut bald nur noch, was gestern funktioniert hat — und nennt den Stillstand dann Strategie. Kunst war nie das, was sich rechnet. Sie ist das, was sich traut.
Und ja, dann war da die Sache mit Ihrem Gehalt. Von billigem Neid halte ich nichts; gute Leistung darf gut bezahlt werden. Aber ein öffentlich diskutiertes Salär jenseits der 360’000 Franken erzeugt eine Bringschuld. Wer so viel kostet, darf sich nicht hinter der Weltklasse-Akustik verstecken, sondern muss beweisen, dass dieses Haus mehr ist als die gut gelaunte Selbstbestätigung derer, die ohnehin schon im Abo sitzen. Sonst lautet die Bilanz: teuer, exzellent — und seltsam folgenlos.
Kritik ist keine schlechte Laune mit Fachvokabular
Apropos folgenlos. Auch der klubZ bzw. Clubs von Kultureinrichtungen im generellen haben einen Haken. Clubs für junges Publikum sind grossartig — problematisch werden sie erst, wenn sie nicht neue Menschen gewinnen, sondern jene belohnen, die ohnehin gekommen wären. Wo am Ende vor allem sitzt, wer das Haus längst kennt, ist das keine Öffnung, sondern eine Veredelung des Bestehenden. Man erreicht nicht, wer noch nie da war, sondern verschafft den Stammgästen ein besseres Gefühl beim Kommen.
Schlimmer noch: Solche Kreise entwickeln eine eigene Härte. Eine Haltung, die gegenüber dem klassikfernen Gast oft noch unerbittlicher ist als das reguläre Publikum. Wer schlicht sagt, ein Stück habe ihm gefallen, wird angesehen, als hätte er in der Pause eine Capri-Sonne auf Bruckners Grab verschüttet. Alles muss sofort eingeordnet, relativiert, erledigt werden: Der Dirigent war unmöglich, das Oboensolo eine Zumutung, der Pianist ohne Idee, die Tempi falsch, die Dramaturgie sowieso.Kritik ist wichtig. Aber Kritik ist nicht dasselbe wie schlechte Laune mit Fachvokabular.

Es ist weder cool noch klug, einen Abend für andere zerredet zu haben, bevor er zu Ende ist. Wer immer nur zerlegt, hört irgendwann nicht mehr zu. Und wer das Konzert vor allem als Bühne der eigenen Überlegenheit benutzt, ist nicht die Zukunft dieses Betriebs, sondern seine Karikatur. Das Bittere daran: Da wächst nicht etwa eine offenere Generation heran, sondern eine, die auf neue Weise elitär ist. Das ist nicht allein Ihre Verantwortung; Clubs haben ihre eigene Dynamik. Aber Sprache,Programm, Tonfall und sozialer Raum entscheiden, wen man anzieht und wen man abschreckt.
Ehrlicher Algorhitmus
Ein Club, der zu exklusiv wird, vermittelt nicht. Er sortiert. Erinnern Sie sich an das Video, in dem Sie für Instagram gefragt werden: »Was ist eigentlich ein Schwanendreher?« Ich schon — auch deshalb, weil es eines der ganz wenigen Videos ist, in denen Sie überhaupt selbst auf Instagram vor der Kamera stehen und sprechen. Ein seltener Moment also, in dem ausnahmsweise nicht das Marketing das Gesicht des Hauses ist, sondern die Intendantin. Umso ernüchternder, was daraus wird. Es wird oft geschnitten, als liesse sich aus Leere durch Tempo noch Inhalt schneiden. Es will spontan wirken. Aber es sieht aus, als hätte man Ihnen die Begeisterung kurz vor dem Dreh auf einen Zettel notiert — einen Zettel, den man im Bild dann auch tatsächlich liegen sieht. Wer jung ist, riecht das Drehbuch sofort. Und das Schönste kommt zum Schluss: Sie stolpern kurz um eine nicht sehr nachvollziehbare Erklärung über den Schwanendreher herum und verkünden dann, dass wir es heute nicht herausfinden werden. Ein Werbespot, der mit einem Achselzucken und dann einer Konzertwerbung endet. 49 Likes, null Kommentare. Eine ehrlichere Quittung stellt Ihnen kein Algorithmus aus.
Dabei wäre die Antwort ein kleines Geschenk gewesen. Wie sie richtig sagen ist der Schwanendreher Hindemiths Bratschenkonzert nach alten Volksliedern. Wörtlich ist das der Bursche, der am Spiess den bratenden Schwan dreht; gemeint aber ist ein fahrender Spielmann, der von weit her in eine fröhliche Runde tritt und auspackt, was er unterwegs gesammelt hat — ernste und heitere Weisen, zum Schluss einen Tanz. Mit anderen Worten: Der Schwanendreher ist genau das, was Ihr Haus an jedem guten Abend sein sollte. Sie hatten die schönste Parabel über Ihren eigenen Beruf in einem einzigen Wort vor sich — und liessen sie mit einem »das finden wir heute nicht genau heraus« zu Boden fallen. Das ist kein misslungenes Reel. Das ist Ihr ganzes Problem in 30 Sekunden.
Es wäre doch viel leichter
Das Bittere ist: Sie hätten es so leicht. Ein grandioses Orchester. Ein Saal, um den man Sie weltweit beneidet. Eine Stadt voller Geld, Bildung und Neugier. Ein Chefdirigent mit Namen. Es fehlt buchstäblich nur ein einziger Satz — und es ist der wichtigste von allen: Warum die Tonhalle Zürich?
Die Antwort liegt nicht neben dem Konzert, sondern in ihm. Nicht in der Anbiederung, sondern im Mut: klügere Dramaturgien, jüngere Solistinnen und Solisten, echte Vermittlung statt Marketing, ein Papierprogramm in der Hand statt eines Codes an der Wand. Ein Abend muss nicht ewig dem Museumstisch aus Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie folgen — diese strenge Dreiteiligkeit, die wir als Naturgesetz verkaufen, ist eine späte Erfindung. Zu Beethovens Zeit war ein Konzert bunter, wilder, riskanter. Bauen Sie Abende, die etwas erzählen. Machen Sie den ganz gewöhnlichen Konzertabend wieder zum Ereignis — und nicht den Techno danach.
Denn die Frage ist wie begrüßen Sie junge Menschen, wenn mal kein Spezialprogramm läuft. Es braucht keine Sonderbehandlung sondern eine Einladung. Sie beginnt an der Tür, an der Garderobe, im Blick, im Tonfall — in der einen Frage, die ich im Foyer beantwortet haben will: Ist dieses Haus auch für mich? In der Tonhalle Zürich lautet die Antwort zu oft: nicht wirklich. Dudarfst weniger zahlen, du darfst klatschen, aber gemeint bist du beim regulärem Abo-Konzert nicht.
Techno rettet keine Tonhalle. Ein DJ kann einen Abend retten, aber kein Haus. Was dieses Haus retten würde, wäre der Mut, sich selbst wieder ernst zu nehmen — und uns gleich mit. Noch ist dafür Zeit. Aber die ist, wie Sie selbst gesagt haben, knapp

