156 Jahre nach der Uraufführung der Walküre in München gelingt Regisseur Tobias Kratzer und Dirigent Vladimir Jurowski ein ebenso kluger wie packender Wagner-Abend. Eine bildstarke Inszenierung mit einem unvergesslichen Walkürenritt durch den Englischen Garten.
Am 26. Juni 1870 wurde in München Richard Wagners Die Walküre uraufgeführt. Fast auf den Tag genau 156 Jahre später war dort am Donnerstag Premiere einer neuen Produktion von Regisseur Tobias Kratzer und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski. Nach einem sehr umjubelten Rheingold-Vorabend folgte nun also der Erste Tag des Ring des Nibelungen, wie ihn die Bayerische Staatsoper in den nächsten Spielzeiten ihrem Publikum präsentiert.
Die Walküre gilt als der zugänglichste und wahrscheinlich beliebteste Teil des Ringes. Aber wie hoch ist der Stellenwert in der persönlichen Wagner-Rangliste des Regisseurs? Im Gespräch mit BackstageClassical sagt Tobias Kratzer: »Ich mache keine Rankings, sondern versuche den jeweils spezifischen Erlebnis- und Erfahrungsmöglichkeiten eines Werkes bestmöglich gerecht zu werden. Idealerweise soll sich jedes Stück, das ich mache, für das Publikum wie eine No.1 der Bestenliste anfühlen. Die Walküre hat die meisten ‚Hits‘ aller Ring-Teile und einige der ergreifendsten Momente. Dramaturgisch ist sie für mich aber eher ein Brückenwerk, das erst im Kontext des gesamten Ringes seine volle Dramatik und emotionale Entwicklung entfaltet. Als autonomes Werk würde ich es nicht inszenieren wollen – als Teil des Ringes dafür mit größtem Vergnügen.«

Das Setting, das Kratzer und sein Bühnenteam nun zeigen, präsentiert eine »Gegenwart plus x« (Bühne und Kostüme Rainer Sellmaier, Licht Michael Bauer, Video Manuel Braun, Jonas Dahl, Janic Bebi). Es sieht zum Teil aus wie in den späten 1970er Jahren, aber mittendrin stehen Walküren mit Helmen, Speeren und Rüstungen, wie es die Traditionalisten erwarten.
Bei den Göttern und Menschen – also bei Wagners Figuren – geht es Kratzer um »sterblich oder unsterblich« und wie das jeweils im Leben und Wirken von Wotan oder Siegmund, Sieglinde oder Brünnhilde eine Rolle spielt. Deren Dasein setzt Kratzer in brillanter Weise in Szene. Etwa, indem er das, was gemeinhin als unsichtbar rückblickende Erzählung gesungen wird, durch Videofilme illustriert. So sehen wir die Kindheit von Siegmund und Sieglinde, die mit Vater Wotan und Mutter Menschenfrau in ihrer Hütte leben, bis diese abbrennt und die kleine Familie zerbricht. Kratzer erzählt die Geschichte der Oper so klar und deutlich, wie man es selten erlebt. Manch Zuschauer nannte es abwertend »unterkomplex« oder »in sehr einfacher Sprache«. Besser wäre vielleicht: »schlicht« – bitte ohne jegliche negative Konnotation. Es wird berichtet und gezeigt. Und hinreißend gut gespielt!
Liebe und Ärger zwischen Vater und Tochter, eine unzufriedene Ehefrau, ein verloren verzweifelter Nachwuchs-Held – alles wirkt wahrhaftig und tief berührend. Vier Stunden Handlung sind nicht eine Sekunde langweilig, weil alles schlüssig aufeinanderfolgt und man unbedingt dranbleibt, während man spürt, was die Menschen auf der Bühne bewegt.
Dirigent Jurowski und das großartige Staatsorchester sind essentiell für diesen sehr gelungenen Opernabend. Jurowski, ein musikgeschichtlich und interpretatorisch gebildeter Professor seiner Zunft, hat einen deutlich eigenwilligen Stil. Der erste Aufzug ist von sehnendem Impressionismus getragen, der zweite könnte ein orchestriertes Dialog-Drama à la Ibsen oder Ingmar Bergmann sein, voller psychologischer Zerrüttung. Bis dann im überwältigend guten dritten Aufzug ganz viel prachtvoll dynamischer Wagner mit Pomp und Power aufrauscht.
Jurowski hat ein eigenes Verständnis, wie er Musik dramaturgisch einsetzt. Zum Beispiel macht er aus den Leitmotiven quasi Verzierungen, die aus dem Gesamtklang des Orchesters herausragen.
Und die Stimmen? Dazu wieder Kratzer: »Die Auswahl der SängerInnen erfolgt in enger Absprache zwischen dem Haus, der Musikalischen Leitung und mir. Mit Vetorechten von allen Seiten. Von Regieseite interessiere ich mich weniger für optisches Type-Casting als für eine starke Bühnenpräsenz. Ehrlicherweise habe ich noch nie eine Sängerpersönlichkeit erlebt, deren Stimme mich ohne darstellerische Rollendurchdringung oder deren Schauspiel mich ohne eine adäquate Musikalität ergriffen hätte. Insofern kann ich das eine vom anderen nicht trennen. Stimmlich gibt es bei den meisten Wagner-Partien weltweit ja nur drei bis vier SängerInnen, die das aktiv auf dem Niveau der Bayerischen Staatsoper singen.«
Dazu gehören sicherlich die Sieglinde von Irene Roberts, ein strömender Mezzosopran voll jugendlicher Weiblichkeit, von Anfang an selbstsicher und stark. Oder Tenor Joachim Bäckström, ein leicht kehliger, wunderbarer Junior-Heldentenor. Die unschlagbare Spitze der Besetzung ist Bassbariton Nicholas Brownlee, der Wotan der Stunde. Man versteht jedes Wort (auch wenn er nicht immer 1:1 das Getextete singt) und sieht einen Gott unter Menschen, der oft nicht weiß, wie das alles für ihn weitergehen soll – Unsterblichkeit hin oder her.

Die einzige Einschränkung gilt für Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde). Für die so zentrale Figur und Rolle ist die Sopranistin keinesfalls eine Fehlbesetzung, aber am Premierenabend sicherlich nicht auf der Höhe der Anforderungen und Erwartungen. Zu oft schrill oder stimmlich unsicher in der Phrasierung.
Fazit: Münchens neue Walküre ist dank Regisseur und Dirigent, dank Wotan und Staatsorchester jede Reise wert. Und wegen zwei Ideen, die niemand, der sie gesehen hat, je wieder vergisst. Das Video zum Walkürenritt, in dem die Kriegerinnen herumgaloppieren und untote Helden an der Isar einsammeln, um sie nach Walhall zu bringen. Vorbei an der Theatinerkirche, quer durch den Englischen Garten mit Zwischenstopp Walkürenfelsen – und der ist, natürlich: das Münchener Opernhaus.
Statt banalem Flammenkreis rund um die betäubte Brünnhilde als Schlussbild gibt es bei Kratzer eine halb erfundene Szene. Die eine neue Facette zur Geschichte beiträgt, mit ganz viel Feuer. Und sehr überraschenden (oder vielleicht doch nicht?) Pyromanen. Mehr wird nicht verraten. Hingehen.

