»Lasst uns die Musik ernst nehmen«

Juni 25, 2026
1 min read
Der Geiger und Intendant der Sommerlichen Musiktage Hitzacker, Oliver Wille

Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker setzen auf radikale Ehrlichkeit statt auf Klischees. Intendant Oliver Wille kritisiert oberflächliches Jugendmarketing und fordert mehr Sensibilität im Umgang mit Machtmissbrauch.

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Mit dem Motto »Von wegen Papa Haydn« rücken die 81. Sommerlichen Musiktage Hitzacker (25. Juli bis 2. August) Joseph Haydn als revolutionären Erfinder in das Zentrum ihres Programms. Intendant Oliver Wille will das Festival nutzen, um die »unmittelbare Kraft« und den intelligenten Humor des Komponisten neu zu beleuchten. 

In der Debatte um ein jüngeres Publikum warnt Wille im BackstageClassical-Podcast vor einer bloßen Anbiederung durch Lifestyle-Themen, während er im Fall des Dirigenten John Eliot Gardiner zu einer neuen Sensibilität mahnt, aber vor pauschalen Vorverurteilungen warnt.

Der Intendant der Sommerlichen Musiktage Hitzacker, Oliver Wille, sieht in Joseph Haydn weit mehr als die Figur des biederen »Papa Haydn« mit Perücke. Haydn sei ein »Revolutionär« gewesen, der ohne direkte Vorbilder eine Musik von erstaunlicher Klarheit und Ehrlichkeit geschaffen habe. In Hitzacker soll Haydn daher als »Zündstoff« für vielfältige Formate dienen: Das Programm reicht von einem Klavier-Marathon unter Mitwirkung von Igor Levit über Jazz-Interpretationen von Til Brönner bis hin zu tänzerischen Umsetzungen der »Sieben letzten Worte« durch das Hamburg Ballett. Wille betont, dass Haydns Musik eine „Reinheit“ besitze, die gerade in der heutigen, unsicheren Zeit eine neue Relevanz erfahren könne.

Kampffeld junge Menschen 

Kritik an Marketing-Strategien für junges Publikum Angesprochen auf die Versuche vieler Konzerthäuser, durch Themen wie Dresscodes oder Verpflegung jüngere Zielgruppen zu gewinnen, äußert Wille deutliche Skepsis. Er bezeichnet solche Ansätze als problematisch und plädiert er dafür, die Musik in ihrem Kern ernst zu nehmen und den Bildungsauftrag bereits in Schulen und Kindergärten stärker zu gewichten. Für Wille ist die »Anstrengung« eines Konzerts ein wertvolles Erlebnis, das nicht durch bloßes Entertainment ersetzt werden sollte. Das begeisterte Publikum in Hitzacker suche gezielt das Abenteuer und das Unbekannte im Repertoire.

Ethische Standards

Debatte um John Eliot Gardiner und ethische Standards Im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen den Dirigenten John Eliot Gardiner betont Wille, der auch Vizepräsident einer Musikhochschule ist, die Notwendigkeit einer gesteigerten Sensibilität in der Branche. »Die Sensibilität ist unbedingt wichtig«, so Wille, doch müsse man vorsichtig sein, nicht ganze Gruppen in Mithaftung zu nehmen. Er stellt klar, dass ein »Geniekult« kein Fehlverhalten legitimiert und dass Machtverhältnisse, etwa im Einzelunterricht, nicht für Übergriffigkeit missbraucht werden dürfen. Wille fordert dazu auf, die aktuelle »Skandalisierung« konstruktiv zu nutzen, um gemeinsam neue Grenzen und ein besseres Betriebsklima auszuhandeln, anstatt die Klassikszene durch interne Konflikte weiter zu schwächen.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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