John Eliot Gardiner wird kritisiert, weil er einer Mitarbeiterin beim Bachfest ein Geschenk in das Hemd stecken wollte. Wir schauen uns das Video noch einmal genau an.
»Ein Missverständnis« sagt der eine, »ein Übergriff«, sagt die andere. Und tatsächlich ist es vielleicht hilfreich, sich noch einmal den Videobeweis anzusehen: Eine Mitarbeiterin des Bachfestes steht beim Schlussapplaus hinter dem Dirigenten John Eliot Gardiner. Der schaut zum Publikum, als sie ihm auf die Schulter fasst, er sich umdreht und sie ihn bittet, wieder in Richtung Publikum zu schauen.
Bevor die Mitarbeiterin dem Dirigenten eine Papierrolle (die in Leipzig statt Blumen übergeben wird) reichen kann, nimmt sich der Dirigent selbständig eine, um sie dann sofort wieder »zurückzugeben« – beziehungsweise: Der Mitarbeiterin in den Ausschnitt ihres Hemdes zu stecken. Diese scheint die Geste zunächst abzuwehren, aber Gardiner macht weiter. Dann kann man (beide stehen nun mit dem Rücken zum Bild) nicht genau erkennen, was passiert. Zu sehen ist: Am Ende nimmt die Mitarbeiterin die Rolle wieder an sich und verteilt weitere Papiere an andere Musikerinnen und Musiker.
Wie ist all das nun zu bewerten? Gardiner sagt: Er sei überrascht gewesen. Er sah die Mitarbeiterin mit vollen Händen, nahm eine Rolle und wollte sie ihr »hinter die Halskette« (so heißt es in seinem Statement) stecken. Alles also nur ein Missverständnis? Eine blöde Handlung aus dem Affekt?
Man kann das auch anders sehen: Wie kommt der Dirigent darauf, der Frau die Rolle ins Hemd (oder auch »hinter die Kette«) zu stecken? Besonders, da ziemlich schnell klar wird, dass sie das offenbar nicht will?
Nun könnte man – mit Wohlwollen – sagen: Ach, das passiert im Eifer des Gefechtes. Die beiden gingen von unterschiedlichen Dingen aus. Doch da ist auch Gardiners Vorgeschichte: Nachdem er in Frankreich einen Bassisten hinter der Bühne geohrfeigt haben soll, entschuldigte sich der Dirigent und erklärte, dass er sich einer kognitiven Verhaltenstherapie unterziehen werde. Sein Monteverdi Choir wollte daraufhin nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten, stattdessen gründet Gardiner das Constellation Ensemble, mit dem er nun auch in Leipzig auftrat.
Der Dirigent musste wissen, dass er sich selber nicht immer unter Kontrolle hat, vor allen Dingen aber, dass er unter Beobachtung steht – und dass die allgemeinen Vorstellungen von Übergriffigkeit sich nicht mit seinen decken.
Es mag sein, dass dieser Vorfall vor einigen Jahren niemandem aufgestoßen wäre, es ist sogar irgendwie nachvollziehbar, dass Gardiner sich keiner Schuld bewusst ist. Aber die Zeiten sind andere, die gesellschaftliche Abwägung bei Übergriffen hat sich verändert. Und, ja: Das ist auch gut so.
Und hier liegt dann auch das eigentliche Problem. Der Dirigent ist sich – das zeigt sein Statement – keiner Schuld bewusst. Vielleicht auch deshalb, weil zu viele Konzertveranstalter – auch in Leipzig – bereit waren, ihm seinen alten Übergriff schnell zu verzeihen und ihn sofort wieder buchen. Das sagt viel über den Mechanismus des Klassik-»Geschäfts« aus.
Trotz seiner Vorgeschichte und trotz der Therapie scheint die Erkenntnis des Fehlverhaltens bei John Eliot Gardiner heute zu fehlen. Fehler zu machen ist möglich, und Entschuldigungen sollten – wenn sie ernst gemeint sind – auch angenommen werden. Aber man sollte aus seinen Fehlern auch lernen. Ob das bei Gardiner geschehen ist – daran lässt die Videoanalyse durchaus Zweifel.
Anmerkung der Redaktion: Das Video liegt der Redaktion vor, wir haben uns aber entschieden, es auf Grund des Schutzes der betroffenen Person nicht zu zeigen.

