Liebe Annette Josef,

Juni 23, 2026
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Annette Josef (Foto: MDR, Flad)

Sie sind die Hauptabteilungsleiterin Kultur beim MDR. Ja, es ist ärgerlich, dass Sie sparen müssen: Der Reformprozess der öffentlich-rechtlichen fordert auch bei Ihnen Opfer. Und es ist Ihre Sache, dass der MDR als Erstes die Klassik über Bord wirft. Aber, hey, das ist am Ende eine Abwägungssache. Vielleicht denken Ihre Chefs einfach: »Hört niemand. Interessiert niemand. Kann weg!«

Also schaltet der MDR seinen Klassik-Sender auf DAB+ im Oktober ab. Stattdessen soll der BR mit seinem Klassik-Programm übernehmen und dann auch ein bisschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen berichten. 

Wir haben verstanden: Volkstümliche Berichterstattung und Ostalgie-Trallala sollen beim MDR bleiben, in Sachen Klassik setzen Sie lieber auf den BR. Ausgerechnet auf BR Klassik, das in den letzten Monaten bereits auf seiner Online-Seite massiv abgebaut hat und vielen Themen tagelang hinterherhinkt. Kurz könnte man auch sagen: Sie werfen den Kulturauftrag über Bord. 

So weit. So schlecht.

Was mich aber wirklich befremdet, ist, wie Sie all das kommunizieren. In Ihrer Pressemitteilung schreiben Sie tatsächlich: »Mit der strategischen Weiterentwicklung seiner Klassikangebote stärkt der MDR die digitale Verfügbarkeit, baut Kooperationen innerhalb der ARD aus und sichert zugleich die Präsenz der mitteldeutschen Kulturlandschaft – auf bestehenden und neuen Wegen.« Weiterentwicklung? – Sie meinen Kürzung! Ausgebaute Kooperationen? – Sie meinen Kürzung! Neue Wege? – Sie meinen Sackgassen!

Aber es geht ja noch weiter: »Die Neuausrichtung bedeutet keinen Rückzug von unserem Kulturauftrag«,  schreiben Sie, wahrscheinlich, weil Sie die Kritik bereits vorausgeahnt haben! Aber doch: Genau das betreibt der MDR – den Rückzug vom Kulturauftrag. Nichts anderes ist das Abschalten eines Senders, das Streichen von Formaten und die Fusion mit anderen Sendern! 

Liebe Annette Josef, es ist Ihr Bier, ob Sie und Ihr Sender weiter an die Kultur glauben oder nicht. Aber verkackeiern Sie uns nicht! Verkaufen Sie uns eine Bankrotterklärung nicht als Sieg, ein Schrumpfen nicht als Wachstum! Denn es ist genau diese Rhetorik, mit der Sie sich für alle Kritiker des doch eigentlich so wichtigen öffentlich-rechtlichen Rundfunks angreifbar machen. Wer argumentiert wie Sie, öffnet der AfD Tür und Tor! 

Liebe Annette Josef. Wenn Sie schon nicht für die Kultur, sondern für Ihren Job kämpfen – seien Sie wenigstens ehrlich!   

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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