Vier Gesichter der Carmen

April 7, 2024
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Carmen und Carmens Schatten in London
Aigul Akhmetshina als Carmen in London (Foto: Covent Garden, Greenwell)

George Bizets Carmen scheint ein Stück der Stunde zu sein: Covent Garden zeigt ein brav erzähltes Liebesdrama, Zürich die Entstehungsgeschichte, Kassel eine Revolution in der Raumbühne und Münster eine starke Frauengeschichte. Eine Presseschau.

Am Wochenende war große Carmen-Premiere am Opernhaus in Covent Garden. Regisseur Damiano Michieletto inszenierte Bizets femme fatale in brav erzähltem Gegenwarts-Sujet. Clive Piet schreibt im Guardian: »Carmens Tragödie wird zu einer Kleinstadt-Katastrope, zu einem Symptom von Klaustrophobie und mediterraner Hitze.« Bestechend die erst 27jährige russische Mezzosopranistin Aigul Akhmetshina: »Elektrisierend von seidigen Tiefen bis in eine freie, leichte Höhe mit bel-canto-Flexibilität.« Piotr Beczala gibt den »sehr überzeugenden Don José mit atemberaubender Gestaltung.«. Antonello Manacorda dirigiert die Partitur mit »musikalischer Härte und findet Raum für eigene Ansätze«. 

Carmen in der Inszenierung von Andreas Homoki (Foto: Opernhaus Zürich)

In Zürich feierte – ebenfalls dieses Wochenende – die Wiederaufnahme von Andreas Homokis Carmen Premiere, die letztes Jahr an der Opéra Comique gezeigt (und gefeiert) wurde: Homoki dekliniert die Aufführungsgeschichte der Oper, wie Roland H. Dippel in der NMZ schreibt: Die Carmen verwandelt sich »in den ersten beiden Akten zu einer der Uraufführungssängerin Célestine Galli-Marié angenäherten Projektionsfigur, später zur Widerstandskämpferin während der Belagerung durch Nazi-Deutschland und bei der Stierkampf-Übertragung im Fernsehen zu einer selbstbestimmten Frau der Gegenwart, welcher Don José eher aus spontaner Aufwallung denn aus Vorsatz das Messer in den Bauch rammt.« Gianandrea Nosedas dirigiert flexibel und geschmeidig, für Aufhorchen sorgt besonders Natalia Tanasii als »lyrisch intensive« Micaëla.

Das Publikum spielt mit, Carmen in Kassel (Foto: Theater Kassel,Hannak)

In Kassel läuft derweil noch die Carmen von Intendant Fliorian Lutz auf der spektakulären Raumbühne: Das Publikum sitzt mitten im Bühnenbild, wird per SMS als Undercover-Spion beim Zigarettendrehen zum Handeln angewiesen und beobachtet, wie der Fußballstar Escamillo einem trotteligen Don José die Liebe raubt (er schafft es am Ende nicht einmal, Carmen zu erschießen, klangstark Aldo di Toro). Bei Lutz ist Carmen eine Revolutionärin (sehr brav, Ilseyar Khayrullova). Ihre Schmuggler-Bande erinnert an die lebensfroh-diversen Outlaws in Tobias Kratzers Bayreuther Tannhäuser-Gang. Musikalisch kann man in Kassel nur wenig sagen, da die Raumbühne zwar ein großartiges Erlebnis ist, ernsthafte Klang-Einschätzung aber unmöglich macht.  Die Bühne, auf der man einerseits mitten im Geschehen sitzt, lässt die Handlung gleichzeitig nur aus der eigenen, stets eingeschränkten Perspektive wahrnehmen. Ein theatralisches Abenteuer, das die Guckkasten-Gewohnheiten radikal aushebelt.

Carmen in Münster

In Münster hat Regisseurin Andrea Schwalbach Carmen inszeniert. Hier stirbt die femme fatale am Ende ebenfalls nicht, sondern blickt – trotz Messerstich – geradezu triumphierend von der Tribüne einer Stierkampfarena ins Auditorium: ein Sieg über den Femizid, wie Dominique Lapp in der Kulturfeder schreibt: »Wioletta Hebrowska spielt und singt die Titelrolle fabelhaft. Als Hosen tragende Frau, die aber auch immer mal wieder in einen Flamenco-Rock gesteckt wird, gibt Hebrowska eine überzeugende Mischung aus Femme fatale, Vamp und zarter, verletzlicher Persönlichkeit. Gesanglich strahlt sie mit ihrem Mezzosopran in den Spitzentönen und gefällt auch in der warmen Mittellage.« 

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